Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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179 parirte unser Aristoteles, „besser, zu gehen in das Haus der Trauer, als in das der Freude?" „Du weißt aber einen so von allen Seiten mit Deinen Pesukim zu bewerfen," sagte der Blinde ganz überwunden, „daß man sich wie in einem Kreuzfeuer befindet und Alles thuu muß, was Du verlangst." „Wenn es so ist, so verlange ich auch von Ihnen, daß Sie ein Gläschen leeren," lachte unser Aristoteles, indem er ein solches füllte und es ihm hinreichte. „Weil Du wahrscheinlich auch darauf Deinen Posck hast", lächelte der Blinde, das Gläschen leerend. „Der Wein erfreut des Menschen Herz", zitirte unser Aristoteles schlagfertig. „Gebet Wein dem Unglücklichen — das ist auch ein Posik", lächelte der Blinde traurig. „Der Wein geht herein, das Geheimniß hinaus", zitirte neuerdings der Aristoteles mit witziger Miene. „Auch das, was Sie uns bis jetzt geheim zu halten suchen, muß jetzt hinaus, nachdem der Wein hinein ist." „Meinetwegen, ich will Euch meine Geschichte erzählen, stopft mir nur mein Pfeifchen mit Tabak!" Das geschah, noch ehe er es aussprach. Die altersmüde Uhr der Synagoge mit dem großen Holzgchäuse und den schweren Bleigewichten keuchte unter ungeheurer Anstrengung, indem sie sich früher sekundenlang geräuspert, geächzt und gekrächzt, die zwölfte Stunde hervor. Der Blinde blies eine Rauchwolke nach der andern und fing endlich an mit tiefernstem Tone folgende Geschichte zu erzählen: * * „Wie Ihr, meine lieben Kinder, wisset, war ich Schneider, aber nicht die Erziehung bestimmte mich für diesen Beruf, sondern das launige Schicksal, das oft ein gar nbermüihiges Spiel mit dem Menschen treibt, ihn wirft und schlendert, daß er jedesmal in eine andere Lage zu liegen kommt. Meine Eltern waren wohlhabende, ja reiche Leute, sie erzogen mich in Wohlstand, ließen mich in vielen Dingen unterrichten und bestimmten mich vorzüglich für das Talmudstudium. Harte Zeiten jedoch, die über sie kamen, beraubten sie nach und nach ihres ganzen Vermögens, so daß sie bei ihrem Tode mich ganz arm und unbemittelt zurückließen. Die Eltern meiner Frau, die als sehr reich galten, achteten in mir mein jüdisches Wissen und gaben mir ihre einzige Tochter zur Frau. Allein, wie erwähnt, galten sie nur als reich, denn auch sie starben als blutarme Leute. Aller Hilfsmittel baar, wie ich damals zurückgeblieben bin, war mir nichts anderes übrig, als mein inneres Kapital anzugreifen, und so wurde ich Melamed. *) Nach kurzer Zeit jedoch warf mich dieser schwere Beruf auf das Krankenlager, und als ich wieder genas, schärfte mir der mich behandelnde Arzt ein, ja diesen Beruf aufzugeben, cs sei denn, daß ich es mit dem Leben kurz machen wollte. „Ich mußte mich nun nach einem anderen Berufe umsehen, und der war nicht lange zu suchen. Der Posten eines zweiten Synagogendieners war vacant: Ich wurde also zweiter Synagogendiener. Mein Vorgesetzter, der erste Synagogendiener, hatte neben seinem heiligen, auch einen weltlichen Beruf, er war Flickschneider. Hin und wieder nähte er auch neue Gewänder,j aber nur solche, die nie aus der Mode kommen, nämlich die der Tobten. Mit ihm immer im Verkehr, erlernte ich nach und nach seine Schnciderkunst, die auch nachher mein einziger Beruf geblieben ist. „So kam cs, daß aus dem Sohne reicher Eltern ein Melamed geworden, aus diesem ein Synagogendiener und aus diesem endlich das Todtenfchneiderlc'm." Der Blinde ließ sich von uns das ausgelöschte Pfeifchen wieder in Feuer setzen, blies einige Rauchwölkchen, versah seine Nase mit einer tüchtigen Prise und fuhr langsam fort: „Also, ich war Todtenschneider. Gar Manche würden glauben, daß so ein Beruf Einen todttraurig macht, allein, Alles wird Gewohnheit. Ich zählte damals kaum scchsundzwanzig Jahre, war von Natur ein heiterer Geselle und wenn ich so niit meinem treuherzigen Weibe — seliger Friede sei mit ihr! — beim Nähtischchen saß, fühlte ich mich durchaus nicht unglücklich, ja, nicht selten erklangen während unserer traurigen Beschäftigung heitere Liedchen ans unserem Munde, und die Nadel flog und tanzte gar lustig über die Leinwand hin. . . . Warunl auch traurig sein? Deuten doch unsere Weisen die Worte unserer heiligen Schrift: „und Gott sah, daß cs sehr gut war — und gut ist der Tod." In der Thal ist ja auch der Tod gar ein liebevoller, barmherziger Erlöser. — Das sind übrigens Gedanken, von welchen ich nur jetzt erfüllt bin, damals beschäftigten mich vielmehr die Wünsche des Lebens. Ich wünschte, daß uns Gott Kraft zuin Arbeiten gebe und daß uns Gott unsere beiden Kinder, nämlich unfern Jankele und unser Ziehkind, die kleine Rachele, gesund und frisch erhalte. Rachele war das Kind meiner Schwester, das ich nach dem Ableben ihrer Eltern zu mir ins Haus genommen. Beide Kinder waren fast gleichen Alters. Ueberfluß konnte ich ihnen natürlich nicht bieten, ja, sie mußten sich schon in ihrer zartesten Kindheit an mancherlei Entbehrungen gewöhnen, *) Talmudlchrer.