Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-02-02 · Heft 10 (2.2.1891) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 10 (2.2.1891)
Date
1891-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448133--31518-2479323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 beiten leichter und schwerer Art Vorkommen, leichte Arbeiten könnten nicht nur von gesunden kräftigen Leuten, sondern auch von schwächeren, sowie Kindern und Frauen, je nach ihren Fähigkeiten verrichtet werden. Jede dieser Kolonien müßte unter der Leitung eines tüchtigen Fachmannes stehen — gleichviel welcher Confession — der mit tüchtigen Fuchkenntnissen zugleich einen humanen Character verbindet, und dem je nach der Größe der Kolonie mehrere tüchtige praktische Männer — Gärtner oder Farmer — beigegeben werden; denselben würde obliegen, sämmtliche Arbeit zu leiten und die schwierigsten selbst zu verrichten. Außer diesen Jnspectoren und Vorarbeitern müßte natürlich ein aus angesehenen Juden gebildetes Eomite die Oberaufsicht führen und von Zeit zu Zeit die Kolonie durch Delegirte besuchen lassen; bei der voraussichtlich geringen Entfernung würde dieses Jnspicircn — vielleicht wöchentlich einmal — nicht gar zu schwierig und zeitraubend sein. Neben dem Garten- und Ackerbau zc. könnten in jenen Kolonien Werkstätten für einzelne Handwerke als Schneider, Schuhmacher, Tischler n. s. w. eingerichtet werden, wo die der betreffenden Handwerke kundigen jüdischen Einwanderer sofort Beschäftigung fänden. Bei den je nach den Fähigkeiten gezahlten Löhnen müßten dagegen natürlich Kosten für Wohnung und Beköstigung in Anrechnung gebracht werden. Die von den Kolonisten angefertigten Gegenstände könnten nicht nur in den zahlreichen jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten der benachbarten großen Städte, sondern auch anderweitig öffentlich zum Verkauf gestellt werden. Natürlich dürften die angefertigten Gegenstände nicht unter ortsüblichen Preisen verkauft werden, um den angesessenen Handwerkern und Kaufleuten keine illegale Concurrenz zu bereiten. Auf solche Weise würden die in den Kolonien arbeitenden Handwerker allmählich eine Art Genossenschaft bilden, und bei einer richtigen Leitung halte ich es wohl für möglich, daß sich dieselben nach Verlauf einiger Zeit selbst erhalten. Man würde durch Errichtung solcher Kolonien nach jeder Richtung hin segensreich wirken, die Leute würden von den engen ungesunden Straßen der Großstädte speziell New-Morks, sowie vom Hausirhandel ferngehalten und" durch gesunde Nahrung und Beschäftigung und den Aufenthalt in freier Luft im Laufe der Zeit von ihrer elenden Lage befreit und körperlich und moralisch gehoben. Natürlich müßte cs jedem Kolonisten freistehen, die Anstalt zu verlassen, sobald er auswärts gute und lohnende Beschäftigung gefunden. Dadurch, daß man den tüchtigen Arbeitern — Handwerkern sowohl wie Landbebauern — in Aussicht stellt, sie durch Unterstützung in den Stand zu setzen, selbstständig zu werden, sobald sie den Beweis erbracht haben, auf eigenen Füßen stehen zu können, wird man den Kolonisten einen großen Ansporn zur Thätigkeit geben. Für eine gute Disziplin in den Kolonien muß natürlich gesargt werden und müssen etwa vorhandene böswillige Elemente, eventuell durch Bestrafung, zur Erfüllung ihrer Pflicht gezwungen werden, in Wiederholungsfällen müssen derartige Widerspenstige aus der Anstalt entfernt bezw. den Gerichten überliefert werden. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß es möglich sein wird, einerseits durch Furcht vor Bestrafung, andererseits durch die Aussicht auf Selbstständigkeit die Disciplin aufrecht zu erhalten, wenngleich manchesmal Widerwärtigkeiten Vorkommen dürsten. Bei Handhabung der Disciplin muß Milde und Mitgefühl mit der nothwendigen Strenge vereint sein. In Fällen, in denen ältere verheirathete Personen sich nicht zu einer geordneten Lebensweise erziehen lassen und deßhalb ans der Anstalt entfernt werden, ist ein Augenmerk darauf zu richten, daß die Kinder derselben in der Anstalt verbleiben, damit diese zu nützlichen Staatsbürgern herangezogen werden können. Ich würde empfehlen, falls man, wie verlautet in Buenos-Aires Kolonisations-Versuche in großen! Maßstabe vornehmen will, alle Kolonisten zunächst eine solche Prüfungsstation passiren zu lassen, damit sie sich mit der dortigen Art und Weise der Landwirthschaft und Viehzucht und des Gartenbaus bekannt machen, da sogar diejenigen, die in Europa als Landwirthe thätig waren, drüben erst lernen müssen, wenn sie Erfolge erzielen wollen. Pekuniär würden durch Einrichtungen solcher Kolonien weniger Mittel in Anspruch genommen werden, als wenn man den Ausgewiesenen gestattete in New'Port und anderen großen Städten einznwaudern, um der Mildthätigkeit der Glaubensgenossen zur Last zu fallen, oder als Bettler größtentheils ein elendes Dasein 511 führen. Vor allen Dingen würden aber die Kinder zu gesunden, kräftigen und nützlichen Staatsbürgern herangezogen werden, während sie sonst leider häufig nicht nur körperlich, sondern auch moralisch verkommen zu ihrem eigenen, wie auch zum Schaden ihrer sämmtlichcn Glaubensgenossen. Wenn, wie gemeldet wurde, der edle Wohlthäter Herr Baron von Hirsch große Summen für Ansiedeluugs zwecke hergeben will, so glaube ich kaum, daß sicherer, als ans die hier vorgeschlagene Weise eine Garantie für den Erfolg gewährleistet werden kann. Dadurch, daß man den Kolonisten die Gewißheit giebt, daß in den Anstalten die Vorschriften unserer heiligen Religion streng gehalten werden, ist auch den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.