Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXH. Aahrgang. M 1«. IsraelitJescharun. Zrltslhrist W FSrdrrMS jüd. Geistes Md W. Gebens l« lass, Gmeillde Md Ztzrie. Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudentßum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 2. Februar 5651 (1891). Leitender Artikel. Iur Gokottifationsfrage. Bon Herrn Moritz Simon, Vizekonsul der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika zu Hannover geht uns das hier folgende, höchst beachtenswerthe Memorandum über die Gründung von Colonien zu. Wenn die in diesem vortrefflichen Schriftstücke entwickelten Grundzüge zur Lösung der brennendsten Frage der Gegenwart in den maßgebenden Kreisen die gebührende Beherzigung finden, so dürfte damit ein wesentlicher Schritt zur Begründung einer gesicherten Existenz für unsere unglücklichen Glaubensgenossen gethan werden. Jedenfalls gebührt Herrn Vize-Konsul Simon der allgemeinste wärmste Dank für diese auf genauer Kenntniß der amerikanischen Verhältnisse sich gründende Darstellung, die einem ebenso warmen, menschenfreundlichen Herzen, wie nüchtern erwägenden Verstände entsprungen ist. Das Memorandum lautet: Der Grund, weßhalb die Kolonisation der russischen, rumänischen und anderen Juden in Amerika und anderen Ländern bislang von verhältuißmätzig geringem Erfolg begleitet gewesen ist, liegt wohl hauptsächlich darin, daß ohne irgend eine Auswahl zu treffen, die Ausgewiesenen bezw. Eingewanderten nach Gegenden gebracht wurden, an deren Klima sie nicht gewöhnt waren und woselbst ihnen Arbeiten zugemuthet wurden, die sie niemals in ihrem Leben verrichtet hatten, so sollten z. B. Lehrer, Kanfleute 2c. schwere Landarbeit verrichten und dazu unter einem ihnen ungewohnten Klima. Um bei den leider in Aussicht zu nehmenden großen russischen Einwanderungen derartige Fehler zu vermeiden, möchte ich Vorschlägen, zunächst in Amerika und anderen Ländern, an solchen Hauptplätzen bezw. in deren Nähe, nach welchen sich die Auswanderer in großer Zahl wenden werden, Arbeiter-Colonien guasi als Versuchsstationen anzulegen, in denen sämmtliche mit knappen oder keinen Mitteln versehene Einwanderer — verheirathete und unverheirathete — eine Prüfungszeit durchzumachen haben und je nach ihren Kräften und Fähigkeiten beschäftigt werden. Diejenigeuj, welche nach einer hinreichenden Prüfungszeit, und nachdem sie mit den Sitten des Landes und der Art und Weise der Eultivirung genügend vertraut sind, sich als tüchtig und zum Gartenbau oder Landbau in jenen Gegenden geeignet erwiesen haben, werden alsdann von dem Comitö in größeren oder kleineren Colonien angestedelt. Aus eigener Anschauung bin ich mit den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten von Nord- Amerika bekannt, und werde mir erlauben, soweit diese als Einwanderungsgebiet in Betracht kommen, ganz bestimmte Vorschläge zu unterbreiten. In der Nähe, das heißt in einer Entfernung von wenigen deutschen Meilen von New-Aork, sowohl in den Staaten New Jork wie New-Aersey und Connecticut und in der Nähe anderer großer Städte der Union sind Landgüter von kleinerem und größerem Umfange häufig zu außergewöhnlich billigen Preisen zu erstehen, da sehr ofr die Farmer jener Staaten ihre Besitzungen verkaufen, um im fernen Westen für billiges Geld Farmen mit reichem, jungfräulichen Boden zu erwerben, auf denen sie jahrelang, ohne zu düngen, reiche Ernte machen können. Z. B. könnte man in der Nähe New- Uorks mehrere Komplexe von je einigen hundert Morgen — theilwcise mit Gebäuden versehen — kaufen, um auf denselben Arbeiter-Colonien zu errichten, ähnlich derjenigen in Kistorf, Provinz Hannover, und anderen in verschiedenen Gegenden Deutschlands gegründeten Arbeiter-Colonien, und müßten alsdann sämmtliche jüdische Einwanderer, die nicht sofort anderweitig lohnende Beschäftigung finden, daselbst untergebracht werden. In diesen Kolonien kann vor allen Dingen Gartenbau wie Obst- und Gemüsebau, Blumen- und Beerenzucht rc. gepflegt werden, bei welchen Ar-