Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448132--31514-2479317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
171 schildern, den der unter so eigenartigen Verhältnissen verbrachte Feiertag auf uns machte, vermag ich nicht und will es auch gar nicht versuchen. An Alexandria und Port Said vorbeifahrend, erblickten wir bald die Küste des heiligen Landes, das Panorama von Jaffa. Das Schauspiel, das wir früher bei Konstantinopel geschildert, wiederholte sich auch hier, wieder überfielen uns dienstwillige Araber und trugen uns aus ihren Schultern, ohne zu fragen, in die kleinen Barkassen, welche man wegen Mangels eines Hafens benutzen mußte, um zu landen. Stumm, jeder mit eigenen Gedanken beschäftigt, betraten wir den historischen Boden. Doch auch hier riß uns die nackte Wirklichkeit bald aus unseren Träumereien. Unter fürchterlichem Geschrei und Gezeter der müßigen Menge, die uns umfluthete, ließen wir unsere Sachen zum Zollamte schaffen, wo sie alsbald von Leuten untersucht wurden, die Beamte sein sollten, aber eher Bettlern glichen. Wer einen Paß hatte, zeigte ihn, wer nicht, gab Bakschisch und Alles war in Ordnung. Einen noch schrecklicheren Eindruck als der, den wir in Constantinopel empfangen halten, mackte die Stadt Jaffa auf uns. Enge, von Schmutz erfüllte Gassen, eine verpestete Luft, schreiende Araber auf kleinen Eseln reitend, oder schwer beladene Kameele treibend, — wir waren froh, als wir unsere müden Glieder auf einem von Schmutz und Ungeziefer starrenden Lager Hinstrecken konnten, welches uns unser Dolmetsch verschafft hatte. In Jaffa trafen wir eine Gesellschaft, die wenige Tage vor uns daselbst eingetroffen war und denselben Zweck verfolgte, wie wir. Es sind die Herren Rubinstein, Bolotny, Brodsky, Bermann, Minkof, Silberklang, Markus, Silber, Madorsky, Dachefsky, Lisschitz, Solotaref, Herschenson, Medallie, Markus, Dolnik und Sohn, sowie ein Delegat von 30 Familien. Die genannten Reisenden sind aus verschiedenen Gegenden Rußlands und besitzen zumeist bedeutend größere Kapitalien, als die Herren unserer Gesellschaft, dabei habe ich 8 Emigranten noch nicht nennen können, weil diese bereits in's Innere des Landes zur Besichtigung von Gründen gereist sind. Mit tiefer Wehmuth erfüllte mich die Unordnung und Verwirrung, welche bei den Einwanderern herrschte. Mit der größten Anstrengung brachte ich es dahin, daß wenigstens zu gemeinsamen Berathungen ein Local gemiethet wurde und lud die Herren Pines und Bentowim (Herr Tomkin ist noch in Elisabethgrad) vom hiesigen Comitb zu einer von uns veranstalteten Versammlung ein. An dieser Stelle soll auch die Liebeuswürdigkeit und Freundlichkeit, mit welcher die genannten Herren unserer Unerfahrenheit zu Hilfe kamen, rühmend erwähnt werden. Die zweite Sitzung wurde für Freitag nach Jom-Kippur festgesetzt, die Zwischenzeit benützten wir zu einem Ausflüge nach den Colonien. Gleich nachdem wir die Stadt verlassen hatten (was uns Allen ordentlich wohl that), glaubten wir in einem Paradiese zu sein. Eine liebliche reine Luft, erfüllt von herrlichem Wohlgeruche, ließ uns behaglich tief Athen: schöpfen und soweit das Auge reichte, sah man blühende Pflanzungen und herrliche Gärten; durch eine Allee von Zitronen- und Apfelsinenbäumen gelangten wir durch das Thor der „Mikweh Israel", der Ackerbauschule der Alliance Jsraelite, nach 2stündiger Reise nach Rischon le Zion. Der Jubel, der sich beim Anblicke dieses Paradieses erhob und die Freude, welche unsere Herzen erfüllte, zu schildern, vermag meine Feder nicht. Mau stelle sich eine lange, saubere, breite Allee vor, zu deren beiden Seiten nette Häuschen, umgeben von schattigen Gärten, uns einladend zuwinkten. Den höchsten Punkt des am Abhange einer kleinen Anhöhe liegenden Ortes ziert die neugebaute Synagoge, von wo aus wir eine herrliche Fernsicht genießen: so weit das Auge reicht, blühende Pflanzungen und wohlcultivirte Weingärten. Man führte uns in das saubere Einkchrhaus des Herrn Lewantin, um unsere ermüdeten Glieder und Sinne auszuruhen. Inzwischen war es Abend geworden. Von allen Seiten strömten die Colonisten, die von unserer Ankunft erfahren hatten, herbei, um uns zu begrüßen. Und wie thaten sie dies! Man umarmte und küßte sich unbekannterweise; da gab es nicht Fremde und Einheimische, sondern nur Bruder und Bruder, nur Kinder einer unglücklichen Familie. Das Nachtmahl wurde gemeinsam eingenommen, wir aßen von den Früchten und tranken von dem Weine, den unsere Brüder im Schweiße ihres Angesichtes aufgezogen, und wehmüthig gedachten wir der Millionen von unglücklichen Stammesgenoffon in unserem Geburtslande und der traurigen Zukunft, welcher diese Verlassenen entgegengehen. Der herrliche Eindruck, welchen die Besichtigung von Rischon le Zion auf uns gemacht, bewog uns zum Entschlüsse auch die übrigen Colonien zu besuchen. I. Konstantinowsky. Carrington erzählt in seinem Werke „The New World" folgende Episode aus der Leidensgeschichte der Juden in Marokko: „So wenig die maurischen Frauen meinen Erwartungen entsprachen, was ohne Zweifel von ihrer sitzenden Lebensart in der Einsamkeit des Harems herrührt, so wurde ich durch die blendende Schönheit der Jüdinnen überrascht. Sie sind durchgängig hübsch, und einige von ihnen gehören zu den reizendsten Frauen in der ganzen Welt. Das Klima dieses Landes äußert zwar eine schädliche Wirkung auf weibliche Schönheit, die sich nach einem gewissen Alter ganz verliert: von dem 25. oder 30. Jahre findet man indessen, vorzüglich in den südlicheren Provinzen, nicht wenige Frauenzimmer, die unsere kühnsten Träume von den sanften ätherischen und majestätischen Reizen der Töchter Judäas verwirklichen. Wie sehr könnte noch ihre Schönheit erhöht werden, wenn .in gebildeter Geist den Ausdruck dieser herrlichen Züge belebte! Aber die jüdischen Frauen zeichnen sich nicht nur durch körperliche Vorzüge aus, sie legen mitunter eine Seelengröße an den Tag, der wir unsere Bewunderung nicht versagen können und die vollkommen genügt, uns von der Ungerechtigkeit der gegen ihren Nationalcharakter gehegten Vorurtheile zu überzeugen. Ein Beispiel dieser Art, welches den Bekehrungseifer der Mauren sowohl, als die Anhänglichkeit der Juden an ihren Glauben zn erkennen giebt, ereignete sich kurz vor meiner Ankunft in Tanger. Zulekiah Haschul war ein junges Mädchen von dreizehn Jahren und hatte demnach eine geistige und physische Reife erlangt, die in unserem kälteren Klima erst mit dem 16. oder 17. Jahre einzutreten pflegt. Ihre ungewöhnliche Schönheit hatte allgemeines Aufsehen erregt und ihr besonders die Liebe einer Nachbarin, einer alten Maurin, erworben, die vom heißen Verlangen beseelt wurde, ihre reizende junge Freundin zu der ihrer Meinung nach allein selig machenden Lehre des Islam zu bekehren. Die Umstände schienen end-