Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448132--31509-2479312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine abgelegte Säbeltrottel einem Judendieb anvertrauen, vielweniger mein ganzes Vermögen." Doch der alte Oberst hatte nicht Horen wollen, er war noch an demselben Abend zu Rosenthal gegangen, hatte ihm das Geld überbracht, hatte gesehen, wie dieser es in seinen Casienschrank verschloß und hatte von ihm eine Empfangsbestätigung erhalten. Der Bankier Rosenthal hatte seinem alten Kunden erzählt, daß er sich körperlich sehr schlecht befinde und in derselben Nacht hatte ihn der Schlag gerührt. Zwei Tage später wurde der alte Rosenthal begraben, sein ältester Sohn übernahm das Geschäft, in den Geschäftsbüchern des Bankhauses fand sich eine Eintragung des von dem Obersten überbrachten Geldes nicht vor; wahrscheinlich hatte der alte Rosenthal seines Unwohlseins wegen diese Eintragung erst am nächsten Tage machen wollen. Albert Rosenthal, der Sohn, war zu seiner weiteren Ausbildung zur Zeit als sein Vater starb, in einem fremden Bankhause thätig, er konnte nicht wisien, wieviel Geld in der Kasse sein sollte. Auch stellte es sich heraus, daß Samuel Rosenthal in der jüngsten Zeit, wohl eine Folge seiner Krankheit, das Haupt-und Kassenbuch sehr nachlässig geführt hatte: bei der Geschäftsübernahme wurde vielerlei Unordnung vorgefunden. Etwa acht Tage nach dem Tode des Bankiers mochte es gewesen sein, da traf die Heirathserlaubniß für den Lieutenant ein, zugleich mit der Aufforderung, die gesetzlich bestimmte Caution einzuliefern. Große Freude herrschte da in dem Hause des Obersten der sich nun sorgfältig anzog, um das Geld von dem Bankier zu holen und es selbst dem Regimente zu überbringen. Wo aber hatte er die Empfangsbescheinigung hingethan?! In dem Schreibtische des Freiherrn war sie nicht zu finden, alle Kleider wurden durchsucht, jeder Winkel der ganzen Wohnung Bitterroths durchstöbert, Alles vergeblich, die Bescheinigung war nicht aufzufinden. Der Oberst mußte sie entweder auf der Straße verloren, oder sich einmal seine Pfeife damit angezündet haben. Noch einmal wurde Alles durchsucht und durchforscht, das ganze Mobiliar des Hauses wurde schier auf den Kopf gestellt, Alles umsonst. Da begab sich der Oberst schweren Herzens zu seinem Bankiers und verlangte von ihm, daß er auch ohne Empfangsbestätigung das abgelieferte Geld wieder herausgeben solle. Der junge Rosenthal sah in allen Büchern nach, er fand sich kein Vermerk vor. „Ich habe alle Hochachtung vor Ihnen, Herr Oberst" sagte er, „aber was beweist mir, daß Sie das Geld uns thatsächlich übergeben haben? Könnte da nicht Jeder kommen und endlose Forderungen an uns stellen. Meinen Sie, daß ich Geld genug besitze um allen solchen Anforderungen zu entsprechen?" „Herr!" fuhr der Oberst zornig auf, „was glauben Sie von einem Ehrenmann , der seinem König vierzig Jahre treu mit der Waffe gedient hat? Meinen Sie, daß ich Sie betrüge, meinen Sie, daß ich mit Ihrem Geld mich bereichern wolle?" „Gewiß nicht, Herr Oberst, indessen, der Herr Oberst wisien es selbst, haben nicht das stärkste Gedächtniß, der Herr Oberst wisien nicht mehr, wo die Empfangsbestätigung hingekommen ist: wäre es denn nicht sehr leicht möglich, daß der Herr Baron überhaupt vergessen hätte, das Geld uns zu überbringen, daß Sie es uns bringen wollten, dann aber die Banknoten an irgend einem dritten Ort haben liegen laffen?" „Ich weiß es aber bestimmt, daß ich es Ihrem Vater übergeben habe!" „30 000 Mark, Herr Oberst, ist viel Geld und wäre auch für mich ein sehr empfindlicher Verlust, ja, wenn es sich um einige Hunderte handelte! Aber so, ich bin Geschäftsmann, Herr Oberst, und muß nach geschäftlichen Grundsätzen handeln, wäre Ihr Guthaben bei uns uotirt, ich würde keinen Augenblick zögern, es thut mir herzlich leid, aber es ist unmöglich, der Herr Oberst selbst können das nicht von mir verlangen!" Von wildem Zorne voll, in tiefstem Schmerz und innerster Empörung war Bitterroth hinweggeeilt, gemeinsam mit seinem künftigen Schwiegersohn begab er sich sofort zu dem besten Rechtsbeistand der Stadt. Dieser zuckte mit den Achseln. „Da ist nichts zu machen" sagte er „ein Prozeß wäre vollständig aussichtslos und es wäre schade um das Geld, das er Sie kosten würde." Der alte Oberst war schier in Verzweiflung: deßhalb hatte er so viele Jahre lang gespart, deßhalb hatte er sich den Bissen vom Munde hinweggenommen, um einen schurkischen Juden zu bereichern! „Ja, ja Schwiegerpapa" sagte der Lieutenant, „so sind die Juden! Ich habe das Geld schon für verloren gehalten, als Sie es dem alten Schuften hinbrachten. Wer weiß, ob er sich nicht selbst gemordet hat, damit seine Erben unser Geld einstreicheil können. Dem Juden gilt Ehre und sogar das Leben nichts, wenn er dadurch Geld verdienen kann. Was bei den Germanen Muth, Ehre und Vaterlandsliebe ist, das ist bei den Juden Habsucht und Geiz, es sind die einzigen Leidenschaften, die ihn beherrschen." Obgleich der Lieutenant durch den Verlust am schwersten betroffen war, so triumphirte er dennoch. Er hatte Recht behalten mit seinem Antisemitismus. Ach, hätte ihm der Oberst doch gefolgt! „Von heute ab bin ich auch Antisemit!" sagte der alte Herr seufzend. „Wir wollen dahin streben, diese Parasiten, diese Räuber und Schufte aus unserem geliebten Deutschland hinauszujagen, damit ihnen nicht schließlich alle Germanen zum Opfer fallen. Wenn die Juden noch lange in Deutschland blieben, so würde am Ende das ganze Volk an den Bettelstab gebracht werden." In trübster Stimmung kam der Oberst und sein Schwiegersohn nach Hause, keiner von der ganzen Familie berührte das frugale Abendbrod, die Frau Oberst wollte schier in Thränen zerfließen. „Ich habe den alten Rosenthal für einen so redlichen Mann gehalten" sagte sie weinend „aber selbst dem Besten unter den Juden ist nicht zu trauen." „Beklagt doch den Mammon nicht zu sehr," erwiderte die liebliche Melanie und versuchte zu lächeln, „wir sind von dem starken Volk der Deutschen und lassen uns durch diesen Verlust nicht niederbeugen! Mein Wilhelm und ich sind Beide noch jung und können warten, bis er Hauptmann erster Klasse geworden ist, dann brauchen wir keine Caution mehr." „O thörichtes Mädchen!" klagte der alte Oberst, „das kann noch zwanzig Jahre dauern, zwanzig Jahre Eures schönen, jungen Lebens solltet Ihr in Hoffen, Harren und Sehnsucht trauernd verbringen? „Und ich bin es, ich allein, der Euch in dieses Unglück gebracht hat, ich habe das ererbte Geld zum Theil aufgebraucht, ich habe dem schurkischen Juden vertraut, entgegen dem verständigen Rathe Wilhelms, ich habe die Empfangsbestätigung verloren, ich habe meine Kinder ins Elend gestürzt, o Gott, o Gott!" Aus den müden Augen des alten Soldaten rannen Thränen hernieder auf seinen weisen Bart. Düstere Stille herrschte in dem Gemache, Keiner wagte