Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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gfefür UrthodoLe «MuderrthumÄ PcwvTo S £ S \f>- tNr 2 29. Januar 1891.] WWW mm liBMiHiW; 4 So sind die Inden! Eine kleine Erzählung von Dr. Hugo Freund. In bangen, schweren Sorgen saß der alte, längst pensionirte Husarenoberst Freiherr von Bitterroth in dem Kreise seiner Familie, bange, schwere Sorgen bedrückten auch seine Gemahlin; beide sprachen kein Wort. Auch der zukünftige Schwiegersohn des Obersten, der Lieutenant Graf Harten stoß, schien nicht redselig gestimmt zu sein, denn er sah düsteren Blickes vor sich nieder und ob er auch von Zeit zu Zeit die Lippen bewegte, es geschah nicht um zu sprechen, sondern nur um an dem gewaltigen Schnautzbart zu nagen, der die Oberlippe des Herrn Lieutenants zierte. Die einzige, die scheinbar eine fröhliche Laune sich bewahrt hatte, war das bildschöne, lebensfrische Töchterlein des alten Soldaten: doch so sehr auch Melanie oder Mellie, wie der Bater sie zu nennen pflegte, sich bemühte einen frohen Ton anzuschlagen, es wollte ihr nicht gelingen. Der alte Oberst war ein vortrefflicher Offizier gewesen, er hatte im 66er und 70er Krieg mit Auszeichnung sich geschlagen, er war stets ein kräftiger und gesunder Mann gewesen, aber auch die stärksten Bäume müssen fallen, und so machte sich auch bei dem Obersten bereits das Alter mit seinen Schwächen geltend. Namentlich hatte sein Gedächtnitz sehr gelitten, er wußte oft in diesem Augenblicke nicht mehr, was er im gerade vorhergehenden gethan oder gesagt hatte, und wenn er etwas lesen oder schreiben wollte, so war das immer eine sehr peinliche Verlegenheit, denn obgleich er vier Brillen besaß, konnte er niemals eine finden, wenn er sie gebrauchte. Jetzt war es wieder diese unleidliche Vergeßlichkeit gewesen, die den Obersten und seine Familie in eine große Unannehmlichkeit gebracht hatte. Der Offizier hatte von seiner Mutter 60 000 Mark geerbt, wie es aber zu gehen Pflegt, bei den Husaren lebt man flott, ein Kavallerielieutenant muß viel Geld ausgeben, und ein Kavallerieoberst noch viel mehr. So war es denn gekommen, daß der Husar von dem ererbten Gelde 30000 Mark verbraucht hatte, als er pensionirt wurde. Der Oberst, ein grundehrlicher Charakter, machte sich die bittersten Vorwürfe über seine Verschwendung, er hielt es geradezu für einen Diebstahl an seinem einzigen Kinde, daß er ihm nicht so viel hinterlaffen konnte, als wie er selbst einst übernommen hatte. Nachdem er nun den activen Dienst verlassen, hatte er das Gelübde gethan, sein Besitzthum von nun ab nicht mehr zu vermindern, sondern die Zinsen seines Geldes stets zu dem Capital zu schlagen und dadurch dieses wieder zu steigern. Das war nun leichter gesagt als gethan, denn für einen Mann in dieser gesellschaftlichen Stellung ist es schwierig mit seiner Familie von der Pension zu leben. Der alte Oberst aber war ein Held, er verstand es auch sich selbst zu bezwingen, so schwer es ihm oftmals wurde. Wie gerne hätte er manchmal noch eine Cigarre geraucht, noch ein Gläschen Wein getrunken, an diesem oder jenem Festessen Theil genommen, aber nein, er durfte sein Kind nicht berauben, er mußte enthaltsam sein, und es gelang ihm. So lebte er eine Reihe von Jahren, als Mellie einen jungen Lieutenant kennen lernte, an den sie ihr Herz verlor und der bald um ihre Hand anhielt. Graf Hartenstoß war aus uraltem Geschlechte, das sich stets ebensosehr durch seine Tapferkeit, als durch seine Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit ausgezeichnet hatte. Der junge Graf hatte nicht die Geldmittel eine berittene Waffengattung sich zu wählen, er mußte mit einem „billigen" Jilfanterie-Regiment vorlieb nehmen, dennoch aber war er stolzer auf seine Armuth, als ein Geldsürst auf seinen Reichthum es sein konnte. Der Heirath stand nichts im Wege; denn der Oberst hatte ja Geld genug, um die 20 000 Mark Caution leisten zu können. So wurde denn die Eingabe um die Erlaubniß zur Verheirathung gemacht und der Oberst kündigte die Hhpotheke, in welcher er sein Geld angelegt hatte, um jeder Zeit in der Lage zu sein, die Caution stellen und die Heiraths- und Einrichtungskosten tragen zu können. Aber der Kündigungstermin war abgelaufen, dem Obersten wurde sein Geld überbracht, noch ehe die Heirathsbewilligung für den Lieutenant gegeben worden war. Der Oberst überbrachte das Geld seinem alten Geschäftsfreunde, dem Bankier Samuel Rosenthal, zur verzinslichen Aufbewahrung, Vergebens hatte der Lieutenant ihm abgerathen, sein Geld einem Juden zu vertrauen. Der alte Oberst hatte nicht hören wollen, er hatte hehauptet, daß er sich auf die Ehrlichkeit seines alten jüdischen Bankiers besser verlassen könne, als aus die manches Christen. „Sie verstehen aber unsere Zeit nicht, Herr Schwiegerpapa!" hatte damals Hartenstoß gesagt, „wenn Sie unsere Zeit verständen, so würden Sie wissen, daß alle Juden Spitzbuben und Betrüger sind, ich würde auch nicht einmal