Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448132--31496-2479299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXII. Jahrgang. Erste Beilage M M fl des ..Israelit §- Ieschurun" Leitender Artikel. Ehre Uater und Mutter! Von Rabb. Di. Mannheimer, Laucnburg i./P. Es ist so selbstverständlich, dieses fünfte Gebot, und doch hat es Gott in den zehn Worten verkündet; es ist scheinbar so leicht zu erfüllen, und doch ist auf dessen Erfüllung die höchste aller Belohnungen ansgesetzt. Bedingen es nicht schon die natürlichen Beziehungen, daß.Kinder ihre Eltern lieben und achten? Umschlinget nicht ein Band der Innigkeit und Zusammengehörigkeit ihre Herzen, so daß die Liebe zu den Eltern mit dem Kinde emporwächst? Zeigt nicht Israels Geschichte, nicht die Geschichte aller Völker die erhebensten Beispiele kindlicher Liebe? Und doch bedurfte es des göttlichen Gebotes: „Ehre Vater und Mutter"? Und doch mußte der schönste Lohn: „Damit Du lange lebest auf Erden" als Preis auf diese Verehrung gesetzt werden? Weit gehet der Begriff der Elternverehrung, viel weiter als die natürlichen Beziehungen es erheischen, und Gott verlanget mit dem fünften Gebote von uns viel mehr, als die oberflächliche Betrachtung darin zu finden glaubt. Denn nicht allein dem unmündigen Kinde rufet die heilige Schrift zu: „Ehre Vater und Mutter," nicht jenen Kleinen, die in ihrer Furcht vor der Zuchtruthe dem elternlichen Willen gerne willfahren, sondern gerade dem reifen, verständigen Menschen, dem „M a n n e" leget sie es mit ernstem Mahnrufe ans Herz. ixrn vaxi ion »’n. Als „M ann" sollst Du Deine Eltern ehrfürchten, wenn Du selbständig und herangewachsen ihrer nicht mehr bedarfst, wenn die Wurzeln Deines Lebensbaumes fest im Boden sitzen, wenn die Stützen überflüssig geworden, die Dich zum starken Stamm herangebildet. Nicht „liebe" Deinen Vater und Deine Mutter, heißt es im Gottesworte, denn Liebe läßt sich nicht gebieten, Empfindungen lassen sich nicht künstlich heraufbeschwören, sie müssen im Innern des Menschen von selbst erstehen, sind die Quellen, die aus unsichtbarer Tiefe von selber sprudeln. Nein, ehre Deine Eltern, heißt das Wort, achte sie, die Dir auf Erden Deinen Gott ersetzen. Ehre sie auch dann, wenn Du sie nicht mehr brauchest, ehre sie auch dann, wenn ihres Alters Eigenheiten sie empfindlich unzugänglich machen. Ehre Deine Eltern auch dann, wenn Du als Gatte das Band knüpfst, das Deine Gattin mit Deinen Eltern soll verbinden; bist Du auch Gatte, Du bleibst doch stets Sohn. Vergiß es nie, daß sie die Eltern sind, die Dir das Leben gaben, die Dich geheget und gepfleget, die oft in schweren, kummervollen Nächten an Deinem Krankenlager Dich bewachten, zu einer Zeit als Du es noch nicht fühlen konntest. Vergiß es nie, daß sie im Schweiße ihres Angesichtes gekämpft ums tägliche Brod, daß sie Entbehrungen sich gerne auferlegt, Dich zu erziehen, Dich zu erhalten, Dich groß zu machen zu Deinem Glücke und zu ihrer eignen Ehre. Bist Du ein „Mann", so wirst Du wohl es wissen, was cs heißt, kämpfen ums - tägliche Brod; denn (Talmud: Sanhedrin 70.) p'2'nn y« pn nyo Dyiop ny ndni nnp6 ym. Das Kind versteht erst dann das Wort „Vater und Mutter" richtig, wenn es selbst den Geschmack des Brodes gekostet; der Mensch erkennet erst dann den Werth seiner Eltern, wenn er selbst ums tägliche Brod kämpfen, wenn er selbst für feine r Kinder Nahrung Sorge tragen muß. Und doch verlangen ja die Eltern niemals Dank von ihren Kindern; Undank freilich wollen sie auch nicht. Wie möchte Mancher gerne mit zehn Fingern seine theuren Eltern aus dem kühlen Grabe hervorscharren, um ihnen nur einen Theil der Ehre zu erweisen, die er im Leben ihnen versagt. O, wem des Vaters Blick noch entgegenglänzet, wem das Muttcrauge noch zärtlich lächelt, er danke dem himmlischen Vater für dieses Glück, er biete Alles auf, ihr Dasein zu versüßen, nur einen Bruchtheil ihrer Liebe zu vergelten, damit der Eltern Segen ihm voranleuchten möchte in allen dunklen Leidensnächten des Lebens. Unsere Weisen rühmen an verschiedenen Stellen des Midrasch die Verehrung, die Esau seinem Vater gezollt hat. Doch fragen wir uns aufrichtig: „Kann Esau's Elternverehrung uns zum Muster dienen?" Keineswegs. Esau sprach in seinem Herzen: „Es wird herankommen der Sterbetag meines Vaters, dann werde ich meinen Bruder Jakob erschlagen." Die Pietät, seinen alten Vater nicht zu betrüben, war lobenswerth; doch eine wahre Liebe zu den Eltern höret mit dem Tode nicht auf, sie lebet weit über das Grab hinaus. Darf der edle Sohn nach des Vaters Tode Thaten üben, die dem Lebenden das Herz betrübt hätten? Nein, so spricht kein liebendes Kinderherz. Aber wie viele, viele Söhne reden heute noch so in ihrem Herzen! „So lange mein alter Vater