Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Ruf ertönen ließen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott!" und dann ihren heiligen Märtyrergeist aufgegeben.*) Hieraus begann der Erzähler mit markerschütternder Stimme das Todesgebet zu verrichten, welches mit den Worten anfängt: „Gott, voller Barmherzigkeit!" Nur einen Tag gab es im Jahre, an welchem der Blinde uns Allen unzugänglich war: an dem Tage, an welchem er doppelte „Jahrzeit" hatte, für seine Frau und seinen einzigen Sohn. Dieser ganze Tag wurde von ihm der Andacht geweiht. Das Gesicht der heiligen Bundeslade zugcwendet, so konnte man ihn den ganzen Tag von Früh bis Abends sehen und mit einer stillen, weichen Melodie die Psalmen singen hören. An diesem Tage betete er selbst das Früh- und Abendgebet vor, und wenn er zum Todesgebete kam, wurde seine Stimme unendlich lies und markerschütternd. Da geschah es, daß wir nach einem solchen Tage die ganze Nacht in der Synagoge wach geblieben, denn es galt, einen Traktat aus dem Talmud zu beenden. Gegen Mitternacht war unsere Aufgabe gelöst, und wir dachten eben daran, Jeder auf einer anderen Bank, den Schlaf aufzusuchen; indeß stand der Blinde noch immer vor dem Ofen, sein Bündelchen, das er nie von sich legte, in der Hand und mit den hohlen, nachtvollen Augen in's Lehre starrend. „Wißt Ihr was," sagte einer der Aeltesten unter uns, den man, seiner großen geistigen Begabung wegen, den Aristoteles nannte, „anstatt den kleinen Rest der Nacht mit Schlafen zu verbringen, setzen wir uns zum blinden Schneiderlein hin und lassen uns einige von seinen Geschichten erzählen." Geschichten — wir waren Alle dabei. *) Eine wahre Begebenheit, die sich in Lemberg vor zwei Jahrhunderten abgespielt hat. „In der Flasche hier," fügte unser Aristoteles hinzu, „habe ich noch einen Rest Wein, mit diesem will ich vorher den Armen letzen, der ja den ganzen Tag gefastet hat." Auch dagegen hatte Niemand etwas einzuwenden, und so rückten wir Alle, so viel da waren, der Aristoteles mit der Flasche voran, dem Ofen zu. „Kinder," sagte der Blinde, der an den Schritten unsere Nähe gewahrte, „warunl unterbrecht Ihr Euch im Lernen, da dies doch dem Herzen Freude gewährt, wie es in den heiligen Psalmen heißt: „Die Lehre Gottes ist ein Labsal der Seele." Lernt nur fort, Kinderchen, glaubet mir, es ist noch das Einzige, was in diesem traurigen Leben Freude gewährt." „Das thaten wir bis jetzt," erwiederte unser Wortführer, der Aristoteles, „jetzt wollen wir Ihre frommen Geschichten hören, die uns ja auch immer Freude machen." „Freude," lächelte der Blinde bitter, „wie komme ich zu Freude? Uebrigens habe ich Euch ja schon alle meine Geschichten erzählt, manche wohl zwei- und dreimal, denn mein Gedächtniß ist mir geschwächt." „Eine Geschichte haben Sie uns noch nicht erzählt." „Und die wäre? Nenne sie!" „Die Geschichte Ihres Lebens!" „Geht's zurück zu Euerer Thora," wehrte der Blinde ab, indem er, wie beschwörend, beide Hände vor sich hinstreckte. „Die heilige Thora ist süß, meine Geschichte aber bitter, Galle, Wermuth, ich sage Euch, todtbitter." „Sagt nicht der weise Salomo," wendete Aristoteles ein, „eine Sorge im Herzen" soll ausgesprochen werden? Auch Sie dürfen dieselbe nicht in sich verschließen." (Fortsetzung folgt.) «JSraelit' und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal» Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens S Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 18 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu beziehen bei E. F. 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