Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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181 getttllcton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samucly. Erstes Kapitel. Noch steht mir das blinde Schneiderlein vor Augen, als ob ich es erst gestern gesehen hätte, das kleine, dürftige Männlein mit dem blassen Gesichte, in dem zwei hohle Augen zu sehen waren, die gar traurig in die Welt hineinblickten und ewig zu fragen schienen: Warum? — Nicht aber er allein steht noch jetzt vor mir, sondern auch die mit ihm fast verwachsene Synagoge, die schon lange ein Schutthaufen ist, mit ihrer geschweiften Wölbung, ihren halberblindeten Bogenfensterchen, ihren in der Wand eingemauerten Bücherschränken, in welchen die alten, ehrwürdigen Folianten in Glied und Reihe standen, ihrer heiligen, mit einem goldgestickten Vorhang verhüllten Bundeslade. über welche zwei vergoldete Cherubim schwebten mit Birnenzweigen im Munde, und dem großen Eisenofen, der Winters so stark geheizt wurde, daß er wie Feuer glühte. Hinter diesem Elsenofen war eben der Stammplatz des blinden Schneiderleins; dort verzehrte er das trockene. Stückchen Brod mit den gebratenen Kartoffeln, die wir ihm früh und abends spendeten; dort schlief er Nachts, ohne die Kleidungsstücke abzulegen, auf der nackten Bank, nur ein kleines Bündelchen zu Häupten, das ihm als Kopfkissen diente, und das er, wie ein Kleinod, immer bei sich trug. Dort murmelte er auch seine Gebete, die Psalmen Davids, die er alle auswendig mit einer gar rührenden Melodie herzusagen wußte. In diesem frommen Tagewerk wurde er sehr oft von uns, den Lernbachurim gestört, die wir ihn häufig bestürmten, uns manche seiner Geschichten zu erzählen. Er durfte unsere Bitte nickt abschlagen, weil ja auch wir ihm gar viele Dienste leisteten. Wir füllten seine Dose mit Schnupf- und sein kleines, tönernes Pfeifchen mit Rauchtabak, wir brieten ihm im Winter auf dem Eisenofen Kartoffeln, und führten ihn im Sommer fast täglich zum Fluße baden. Bei anderen Gängen konnte er uns entbehren. „Kinderchen," pflegte er immer zu sagen, so oft wir ihm unsere Führerschaft anboten, „ich finde mich schon selber zurecht, weil mir ja Gott die Augen in den Händen gegeben hat." In der That besaß er eine wunderbare Kraft in den Händen, mit welchen er sich durch die verworrensten Gäßchen der Stadt tastete und Jeden, den er nur befühlte, sofort erkannte. Seine Lieblingsbeschäftigung war das Ordnen der Bücher, und wer nach einem derselben verlangte, brauchte es ihm nur zu sagen, und im Nu war das Gewünschte aus einem noch so großen Wüste herausgesunden. Die Synagoge hatte ihm die größten Dienste zu verdanken. Nach dem Beten stellte er die wirr auseinandergeschobenen „Ständer" wieder in Reih und Glied, jeden auf seinen angewiesenen Platz. Vergaß Jemand etwas in der Synagoge, so hob er es auf und erstattete es ihm bei seinem nächsten Besuche wieder zurück. Freitag, nach der zwölften Mittagsstunde, sah man ihn in seinen Sabbatkleidern, in der zersetzten, wohl ein halbes Jahrhundert alten Atlaspckesche. und in der vom gleichen Alter abgerissenen Sabbatmütze, so zwischen den Bänken herumkletternd und in die Röhren der Hängelampen die Sabbatlichter hineinsteckend. Kein Röhrchen, möchte ich sagen, wurde übersehen, weil ja das Schnetderlein, wie es sehr richtig bemerkte, die Augen in den Händen hatte. „Gott möge Euch," sagte er uns gar oft, „die beiden Lichter unter der Stirne gesund und hell erhalten. — Ich bedauere nicht, daß sie Gott von mir genommen hat, denn was sie im Leben sahen, war just kein Gutes." So oft er sich solche Worte entschlüpfen ließ, verfehlte er nicht, sich reuig an die Brust zu schlagen, denn er habe sich dadurch, wie er meinte, an dem lieben Gott versündigt. Nach solcher Buße war er wieder mit sich ausgesöhnt, stopfte sein Pfeifchen, zündete es an und erzählte uns seine schönen, traurigen Geschichten. Ach, wie wunderbar verstand er zu erzählen! Mit athemloser Spannung hingen wir an seinem Munde, wenn er seine Märtyrergeschichren erzählte. Wie ein Hetmann einst eine jüdische, gar wunderbar schöne Frau, die ihre Keuschheit nicht preisgeben wollte, durch ein wildes Roß in den Gassen zu Tode schleifen ließ, und wie sie sich, bevor sie in den Tod gegangen, mittelst Stecknadeln die Kleider an den nackten Leib befestigte, damit sich diese nicht während des Schleifens verschieben und ihren schönen herrlichen Körper entblößten; wie man ferner die beiden Brüder Reizes, welche beschuldigt wurden, daß sie einen Getauften zur Rückkehr zu ihrer Religion beredet haben, mit ihrem nackten Leibe an den Schweif eines wilden Roffes angebunden, das dann über Klippen, Dornzäune und zackige Felsen dahinsetzte, so daß von den heiligen dahingeschleiften Märtyrern kaum nur noch ein zerfetzter, blutiger Fleischklumpen zu sehen war, und wie dann das Roß, wie auf göttlichen Befehl, von selbst vor dem alten, jüdischen Friedhofe stehen blieb, wo die Märtyrer mit lauter Stimme den