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Der Israelit · 1891-01-29 · Heft 9 (29.1.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 9 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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146 Thora, für das Judenthum, die Erlösung sei: „Zion wird durch das an Jerusalem sich vollziehende göttliche Strafgericht erlöst!"- Je beharrlicher eine gewisse zeitgenössische Presse sich bemüht, alles was ihr an Juden, und seien sie auch dem Judenthum schon in zweiter oder dritter Generation völlig entfremdet, mißliebig oder unbequem erscheint, auf Rechnung des Judenthums zu setzen, um so mehr ist diese bewußte Verwechslung des Judenthums mit der Judenheit irgend welcher Zeitepoche mit Entschiedenheit zurückzuweisen. Die Wnze jüdische Geschichte ist nichts als die Erziehung des jüdischen Volkes zur Höhe des Judenthums, dem wir noch nie in unserer Gesammtheit auf die Dauer ganz und voll entsprochen haben. Wenn wir so unseres Abstandes von der Höhe unserer Bestimmung gedachten, so dürfen wir doch auf der andern Seite nicht an einer Wahrheit vorübergehen, die nach unserer Ansicht noch viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Das Judenthum muß denn doch schon in den frühesten Zeiten viel tiefere Wurzeln gesenkt haben in das Herz eines großen Theils der Ration, viel tiefer als die Bücher der Geschichte es dem oberflächlichen Blicke darlegen. Dasselbe Prophetenwort, das der Entartung der herrschenden Klassen mit so furchtbarem Ernste entgegentritt, ist doch so glücklich, sich zugleich auch an einen Kern der Ration wenden zu können, der „bereits innig vertraut ist mit dem göttlichen Rechtsideale, pia, an den Kreis derer, in deren Herzen meine Thora bereits lebt." (Jes. 51, 7). Das war jenes rvTtc'j/, jenes wie das Zehnte Gott Geweihte, jene Saat des Heiligthums, die des jüdischen Volkes ewigen Stamm bildet, dessen Dauer auch durch den Abfall noch so vieler welker Blätter nicht gefährdet wird (Jes. 6, 13). Das war jener von der herrschenden Majorität übersehene und unterdrückte “ixt?, jener Kern, von dem allerdings die Königs- und Kriegsgeschichte nichts berichtet, dem aber die ganze hehre Reihe der Propheten entstammt, und in dessen tiefstem Grunde jene herrlichen Persönlichkeiten wie Deborah, Noemi, Boas, Channah und David mit ihren edelsten Keimen wurzelten. Jedoch nicht auf diese Einzelpersönlichkeiten brauchen wir hinzuweisen, um aus ihrem Vorhandensein auf die Macht zu schließen, die das Gottesgesctz denn doch bereits über die Gemüther eines ansehnlichen Theiles der Nation gewonnen hatte. Einen Moment gibt es, und zwar schon in den frühesten Zeiten unserer Volksg-'schichte, der uns die ganze Nation auf einer idealen Höhe zeigt, wie sie nie ein Volk vorher und nie ein Volk nachher je wieder erreicht hat. Das ist der Kampf gegen Gibea und Benjamin. In der Geschichte aller Zeiten gibt es zu ihm kein Seitenstück. Denn, daß wegen gekränkter Ehre oder verletzterJnteressenländerverheerende, menschenmordende Kriege geführt worden sind, dafür freilich bietet die Geschichte leider nur zu viele Beispiele; mit Strömen Blutes sind sie auf ihren Blättern verzeichnet. Aber dann waren es Könige, deren Ehre gekränkt, Könige, deren Interessen verletzt waren. Daß aber ein ganzes Volk aufsteht, und zwar aus völlig freiem Antriebe aufsteht, — es gab damals keine starke Centralgewalt, „es war kein König in Israel" — weil — an einem namenlosen Weibe aus dem Volke, noch dazu von nicht unzweifelhaftem Charakter, ein schmachvolles Verbrechen verübt worden, dessen Sühne von den verblendeten Behörden der Stadt, die der Schauplatz des Verbrechens war, verweigert wird; — daß bei der Kunde davon die ganze Nation es fühlt, als hätte die Gewalttat jeden Einzelnen getroffen, und nur der Eine Gedanke sie alle beseelt: Sühne für die Missethat, die die ganze Nation schändet! und vor diesem Gedanken alle kühlen Erwägungen zurücktreten, vielmehr alle Stämme wie Ein Mann sich erheben zum Kampfe gegen die verblendete Stadt und zum Kampfe gegen den Stamm, der in unseliger Verblendung die Sache der Stadt zu der seinigen machte; daß sie trotz wiederholter Niederlagen diesen Kampf nicht einstellen, bis das Verbrechen gesühnt und die verletzte Nationalehre gerettet ist: — das ist ein Frühlingsmoment in der Geschichte der Menschheit?, in dem die Keime des Neinmenschlichen die starre Eisrinde einmal sprengten. So handelt aber nur ein Volk, in dessen Seele das pnrr p*ra bereits eine Stätte gefunden, und in dessen Herzen das Rechtsgefühl eine Macht geworden, und zwar eine Macht, die mit elementarem Ungestüm unaufhaltsam vollbringt, was das empörte Nationalgewissen und die gekränkte Nationalehre fordern. Nicht umsonst wahrlich hatte ihr Gott, der sie mit dem Hinweis: „Ihr kennt ja das Gemüth des Fremden, ihr seid ja selbst Fremdlinge gewesen!" — vor jedem Machtmißbrauch gegen annehmerlofe Menschen warnte, sie gewöhnt, sich selbst stets in die Lage des Unterdrückten zu versetzen. In diesem Augenblicke machten sie ihrer Schulung Ehre. In diesem Kampfe feierte die Thora ihren herrlichsten Sieg. In der jüdischen Geschichte bezeichnet er den Höhepunkt. Als solchen betrachtet ihn auch das Prophetenwort. Mochte immerhin die zur selben Zeit unbeachtet bleibende Versündigung Mtcha's die Mangelhaftigkeit auch dieser Generation bezeugen; noch nach Jahrhunderten blickt dennoch der Prophet Hosea auf die unvergleichliche Herrlichkeit dieses geschichttichen Augenblicks hin und spricht klagend : „Seit den Tagen Gibea's hast du gesündigt,

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