Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1891)
- Date
- 1891-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448131--31477-2479279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
135 Feu i iJe ton. Aas Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) „Ich schwur mit dem höchsten, heiligsten Eide", fuhr Speier in seiner Erzählung fort, „kein Mensch dürfe die Verirrung Jakob Perlberg's, meines besten, theuersten, mir unvergeßlichen Freundes erfahren! Nicht die höchsten Folterqualen sollten mich veranlassen, dasGeheimniß, das mit mir zu Grabe sollte, über meine Lippen zu bringen! „Jakob Perlberg war durch die Liquidation seines Geschäftes sehr in Anspruch genommen, ich selbst wich ihm scheu aus — ich sprach ihn vor seiner Reise nach B., wo er eine Stelle bei Robinfeld & Co. angenommen, nur noch einmal beim Abschied — und so blieb der unselige Jrrthum bis heute unaufgeklärt — bis heute, wo ich erkannte, daß Onkel Josef das Geld nicht in das Portefeuille, sondern in das Siddur, das er in der Rechten hielt, gelegt hatte! Weßhalb er das gethan, ob in beginnender Geistesschwäche, oder weil ihm das leichter wurde, das weiß ich nicht! Daß ich Jakob trotz alledem geliebt, wirst Du, Tante Hanna, ja daraus erkannt haben, daß ich, als er in der Blüthe seiner Jahre starb, seinen Sohn Theodor gehalten, als wär's mein eigener; — aber als er um mein Kind warb, da — konnte ich mich nicht entschließen, meine Tochter — Jakob Perlberg's Sohn zur Gattin zu geben! .... Ich habe Entsetzliches erduldet, wenn ich in Theresen's bleiches Gesicht blickte; — als Theodor mit gerechtem Grolle von mir schied .... aber der Allgütige hat Alles mit wunderbarer Plötzlichkeit zum Guten gewendet . . . Tante Hanna, als ich die sechstausend Gulden in Deinem herrlichen Geschenke erblickte, 'da ward mir's, ich kann's nicht schildern wie! Die Binde vor meinen Augen sank, ich sah das helle Licht der Wahrheit, ich erkannte meinen schweren Jrrthum, mein Freud Jakob Perlberg war ein edler Mensch gewesen und jede Sekunde seines leider zu kurzen Lebens geblieben. Als ich plötzlich die helle Wahrheit erkannte, mußte ich alle meine Kraft aufbieten, nicht in Gegenwart aller Tischgenossen in lautem Jubel, in lautes Schluchzen auszubrechen! .... Es war ein großes Glück, Tante, daß Du die Spangen des Gebetbuches nie gelöst, es nie benützt, es nie geöffnet hattest — wie leicht hätten die Noten herausfallen, in unredliche Hände gelangen und der wahre Sachverhalt für immer unentdeckt bleiben können!" „Philipp!" schrie die alte Frau auf, „Du konntest dreizehn Jahre — Du konntest auch nur einen einzigen Augenblick glauben, mein Jakob wäre ein . . . ." Speier fiel ihr rasch in's Wort: „Tante," sprach er, „verzeih' mir, ich bin ja doch nur ein schwacher, fehlbarer Mensch, und ich bin für meinen unseligen Jrrthum viel härter bestraft worden, als ich's verdiene. Die Umstände hatten sich so eigenthümlich verknotet, daß auch jeder andere Mensch, auch Du Tante Hanna selbst, Deinen edlen Sohn für schuldig hättest halten müffen!" „Ich nicht, ich nicht!" rief die Greisin, „der Gedanke hätte in meinem Gehirne nicht Raum fassen können, ich härte eher au Zauberei, als an ein Verbrechen meines Sohnes geglaubt; — aber Phillipp, an Deinem Jubel erkenne ich, wie tief Dein Schmerz gewesen; ... ich will Dir nicht zürnen! .... komm' an mein Herz, Gott segne Dich, Dein Weib, Deine Kinder und Deinen zukünftigen Schwiegersohn!" Es herrschte ein wundersam beseligendes Gefühl in diesem kleinen Kreise, alle küßten der alten Frau die Hand, und die Greisin preßte sie an ihr Herz mir heißen Thränen und mit Hellem, glücklichen Lachen. Nach einer kurzen Pause wandte sich Hanna Perlberg an ihren Neffen: „Ich hatte Deinen heftigen Widerstand gegen eine Verbindung Deines Kindes mit meinem Enkel nicht zu begreifen vermocht; ich war für meinen Theodor zu stolz, um mit Dir darüber zu sprechen, aber hättest Du mir den Grund Deiner Weigerung mitgetheilt, ich hätte Dir wohl nicht sagen können, wohin das in so seltsamer Weise entschwundene Geld gekommen, aber Du hättest erfahren, wodurch mein Sohn in der Lage war, auch seinen letzten Wechsel rechtzeitig eiuzulösen." „Tante," rief Speier, „ich . . . ich hätte Dir sagen sollen, daß ich meinen Freund, Deinen Sohn für einen Dieb halte?! Das hätte ich nicht vermocht, nicht um den Preis meines Lebens! . . . Erzähle, Tante, wie sich damals alles gestaltete." „Um Theresen's willen, die zu jener Zeit ein siebenjähriges Kind war, muß auch ich manches anführen, was Euch Beiden, Philipp und Pauline, bekannt ist. Nach dem Ableben meines Gatten hatte mein Sohn gewünscht, ich möge das Geschäft der alten Firma Herrmann Perlberg forführen, allein ich war schon damals eine alte Frau, und zog es vor, mich zurückzuziehen und Jakob das Geschäft zu übergeben, ich wußte, der gute Sohn würde für meine Bedürfnisse in ausreichendstem Maße sorgen. Mein Sohn und ich, wir führten gemeinschaftlichen Haushalt, ich beschäftigte mich