Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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112 der Antisemiten entwickelte. Derselbe erging sich aber gleich im Anfang 'seiner Rede in so heftigen Schmähungen gegen die Juden, daß der die Versammlung überwachende Amtmann von Groß-Gerau ihn zur Mäßigung auffordern mußte und im Nichtbeachtungsfalle mit der Auflösung der Versammlung drohte. Nun meinte Herr Böcke!, er könne ja auch „durch die Blume" sprechen, die Zuhörer würden ihn doch verstehen; es erfolgte dann eine lange Philippika gegen die „liberale Gesetzgebung", die in den 70er Jahren von Leuten wie Lasker und Genossen gemacht worden sei, die wohl für ein Handelsvolk, aber nicht für das deutsche Volk paßte und deßhalb an allen Noth- und Mißständen der heutigen Zeit Schuld sei rc. 2c. Redner sprach auch die bestimmte Hoffnung aus, daß es seiner, der antisemitischen Partei, bei den Landtagswahlen in 3 oder 6 Jahren gelingen werde, die Mehrheit zu erhalten, die alsdann einen gründlichen Kehraus mit den Herren am grünen Tische, die nicht wüßten, was dem Volke noth thut, tanzen würden. Nach Böckel ergriff nochmals Hirschel- Frankfurt das Wort, um Propaganda für den Bauernverein und den Böckel'schen „Reichsherold" zu machen; alle anderen Blätter seien mehr oder weniger von den Juden abhängig und nur der „Reichsherold" diene in Wirklichkeit den Interessen des Bauernstandes. Mit der Aufforderung zur Unterzeichnung einer aufliegenden Petition um Erhaltung der Getrcidezölle wurde die Versammlung geschloffen. Unsere Resume über die Böckel'sche Rede, schreibt der „Neue Gricsheimer Anzeiger", können wir nicht anders als kurz dahin zusammenfassen, daß dieselbe eine Schimpf- und Hetzrede allergewöhnlichster Sorte war, strotzend von wirthschaftlichem Unsinn und Widersprüchen aller Art. Wundern muß man sich nur darüber, wie ein Mann, der auf allen Gebieten unseres wirthschaftlichen und politischen Lebens eine solche Unwissenheit bekundet, in den Reichstag kommen konnte. Bedauerlich wäre es und den Bewohnern des Rieds keineswegs zur Ehre gereichend, wenn es dem Hetzapostel wirklich gelingen sollte, die konfessionelle Verhetzung unter ihnen zu entfachen, denn die Achtung vor der Ueberzeugung Andersdenkender ist heutzutage der sicherste Maßstab des Bildungsstandes eines Volkes. Hoffen wir deßhalb, daß das Antisemitenfieber bald wieder einer gesünderen Anschauung Platz macht. Berlin, 15. Januar. Der hiesige Humanitätsverein „Gewul tauw" versendet soeben seinen 19. Jahresbericht. Der Verein, welcher seinen Mitgliedern in Krankheitsfällen freie ärztliche Behandlung, freie Arznei, Bandagen, Bäder, wöchentlich IO Mark und Beihilfe zu einer Badereise gewährt, sowie den Wittwen verstorbener Mitglieder 600 M. zahlt, hat sich aus kleinen Anfängen zu einer der größten jüd. Vereinigungen Berlins entfaltet. Der Verein zählt 585 Mitglieder, die Einnahmen und Ausgaben betrugen 8500 M., das Pereinsvermögen beläuft sich auf 17,000 M. Beitrittserklärungen nimmt der Vorsitzende, Herr Gustav Michaelis, Elsasserstraße 9, entgegen. Berlin, 16. Jan. Die Schriften des hebräischen Literatur-Vereins (Mekize Nirdamim) werden noch vor Ablauf des künftigen Monats zur Versendung gelangen und zwar: 1. Hilchot Gedolot (Schluß). 2. Machsor Vitry (2. Lieferung). Neu eintretende Mitglieder erhalten die erste Lieferung gratis. 3. Mischna - Commcntar des Maimonides (vierte Lieferung). 4. rby mrr, ein sehr nützliches Nachschlagebuch für Sentenzen und Redensarten aus Talmud und Midrasch, gesammelt und erläutert von einem italienischen Autor des 17. Jahrhunderts. Bei der sich immer mehr steigernden Theilnahme, welche der Verein findet, ist derselbe in den Stand gesetzt, seine Leistungen mit jedem neuen Jahrgange zu erwe'teru. Neue Anmeldungen für den gegenwärtigen 6. Jahrgang (L890/5650) unter Beifügung von zehn Mk. nimmt entgegen Dr. Berliner. Krausnikstr. 8. Hamburg. DasisraelitischeVorschuß- Jnftitut versendet gegenwärtig die neu bearbeiteten Statuten des Instituts, wie solche aus den, im Jahre 1890 gepflogenen Berathungen nunmehr mit Genehmigung des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde bcrvorgegangcu sind und die mit dem 1. Januar 1891 in Wirksamkeit getreten sind. Ihren letzten Bericht veröffentlichte die Verwaltung im Jahre 1876 bei Gelegenheit des 60jährigen Bestehens des Instituts. Nachdem dasselbe nunmehr auf eine 75jährige Wirksamkeit zurückblicken kann, wird ein kurzer Bericht über die letzten 15 Jahre gegeben und zwar auch deshalb, weil daraus sich die Gründe für die stattgehabteu Statutenänderungen ergeben. Es wurde ausgeliehen: von 1876— 1890 auf 5638 Scheine Mk. 1,395,680.—, von 1866—1875 auf 6411 Scheine Mk. 1,155,703.-, v. 1841—1865 auf 19267 Scheine Mk. 2,593,947.—, von 1816—1840auf1167OScheineMk. 1,144,080.—, von 1816—1890 auf 42986 Scheine Mk. 6,289,410.— Die Verwaltung glaubt, einen der Gründe für den Rückgang der Jahresumsätze darin zu erblicken, daß bisher die Rückzahlungstermine zu kurz bemessen waren. Dieselben sind deshalb für Anleihen von 40 bis 600 Mk. von 40 auf 80 Wochen, für solche von 700 bis 2500 Mk. von 1—2 Jahren auf 3 Jahre ausgedehnt worden. Das Capital des Instituts, welches Ende 1875 Mk. 72,030,47 betrug, hat sich bis zum Schluß des Jahres 1889 durch