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Der Israelit · 1891-01-19 · Heft 6 (19.1.1891) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 6 (19.1.1891)
Date
1891-01-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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106 Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 11. Januar. Zum Besten des Machsike-Thora-Vereins hielt Herr Dr. A. Berliner, Docent am Rabbinerseminar, einen Vortrag süber „Die mittelhochdeutsche Sprache beiden Juden". Bei der großen Fülle des Anziehenden und Lehrreichen, welche der Vortragende aus dem tiefen Schatze seiner Gelehrsamkeit und Belesenheit dem zahlreich versammelten Zuhörerkreis bot, dürfte es von besonderem Interesse sein, Einiges hieraus auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Redner stellte sichs zur Aufgabe, die deutschen Sprachreste, welche sowohl die Juden im Mittelalter, als auch die Juden Polens, vorzüglich Lithauens in der Gegenwart bewahrt haben, einer Betrachtung zu unterziehen. Zuerst wies er dies an der Hand älterer Bibelübersetzungen nach, aus denen er verschiedene Ausdrücke vorführte, welche gerade durch die Uebersetzung aus dem Hebräischen zur Aufnahme in die deutsche Sprache gelangten, wie z. V. „Seher, hartn.äckig, Joch zerbrechen, Männin, Jubeljahr n. in. A. Dann brachte er viele R a m c n her deutschen Juden zur näheren Betrachtung, bei denen man gewöhnlich einen jüdischen Ursprung vcrncurhen möchte, die aber doch in der deutschen Sprache ihre Entstehung .und Erklärung finden, so z. B. „Sa!man, Leib, Hirz ober Herz (für Raphtuli) und verschiedene andere Namen, lieber raschend war der Hinweis, wie Wilhelm bei den deutschen Inden , G u i l l a n m e bei den französischen Juden, Guilielmo bei den italienischen Inden den gemeinsamen Namen in der Synagoge mit „Benjamin" baden. Hierauf 'ging der Redner zu den: Thema über, ein?,eine deutsche Ausdrücke aus mittelalterlichen, jüdischen Schriften näher zu erläutern, unter denen sogar manche, die in dem heutigen Wortschätze der deutschen Sprache nicht vorhanden sind. Im Vorbeigehen gab der Vortragende eine Erklärung für da-> bisher unerklärte „Schulent oder Schalet", wie er auch die interessante Wanderung des Wortes „Jahrzeit" zu den nichtdeutschen Juden und die korrumpirte Aussprache dieses Wortes bei denselben näher beleuchtete. Dann führte er die deutschen Sprachreste vor, welche noch heute bei den Juden in Polen und zum Theil noch in der älteren Generation der Provinz Posen, gebräuchlich sind. Zu diesem Behuse theilte er ein längeres Gespräch mit, welches er mit einem Jünglinge aus dem Osten geführt hatte, bei dem, wäre Jacob Grimm Zeuge der Unterhaltung gewesen, nicht wenige neue Belege für das große Wörterbuch desselben gewonnen worden wären. — Ich muß es mir versagen, Einzelheiten hieraus hervorzuheben; allgemeiner Wunsch ist es, daß dieser Vortrag im Druck erscheinen möge. Nur noch auf den erhebenden Schluß sei hingewiesen, in welchem Dr. A. Berliner die alte Redensart „Gott un Vermissen" erklärte, als einen Ausdruck, den vor alter Zeit deutsche Gewissenhaftigkeit geschaffen habe, der aber ans der deutschen Sprache der Jetztzeit geschwunden sei. Rur die üble Nachrede sei geblieben, der gegenüber wir aber niemals anfhören dürfen, d e u t sch zu denke n und zu sprechen, aber auch nicht minder jüdisch zu f ü h l e n. Dieses Gefühl gipfele in jener Pflicht, welche allererst in wirklich jüdischer Sprache ausgedrückt worden ist, nämlich: Du sollst Deinen Nächsten lieben, der da ist wie Du, nämlich ein Mensch, im Ebenbilde Gottes geschaffen! L. G. F e ii i 11 e t s «. Ein Mjiihrises Wilsum der Chebra-KMscha in Kempen (Posen). Ein schönes Fest, bas für die Woylthäiigttllsbestrebungen in der Mitte des Judemynms beredtes Zeugnis; ablegt, iimroe in der hiesigen Gemeinde gefeiert. Am metp '2, den 29. v. M., b.ging der Bcerdignngs- und Kranken - VerpstegnngL - Verein „Ehewra Kadischa" das seltene Jubiläum seines 200jährigeu Bestandes. Wenn schon jedesmal der r.iöttf '3, als der StistungStag des Vereines, von den Vorstehern und den thätigen Mitgiiedern der Ehewra Kadischa durch Fasten und ernste ^lr-dm ausgezeichnet wird, so gestaltete sich der Tag, au dem der Verein aus eine 200jährige Lhätigkcir znrückblicke, konnte, zir einem ganz besonderen Fentage. — Schon in aller Frühe wurde uit Betü- Hamidrasch der Morgengottesdicnft von den Vereiusmitgtiedern abgchalten; hierauf begaben sich diese nach dem Friedhose, wo eine Audachr für das Seelenheil der Dahingeschiedenen stattsaud. Um .?> Uhr versammelte sich die ganze Gemeinde und viele Auswärtige in der mit 200 Kerzen hell erleuchteten Synagoge, wo oer Nachmiitagsgoiresdienst zu einem erhebenden iniö solennen Acre sich gestaltete. Nachdem der erste Eantor, Herr Berliner, mit seiner kraft- und klangvollen Stirn: unter Ehorbegleitung einige paffende Gebete cmrt hatte, wurde die Thora aus der heiligen Lade ansgehoben und als an einem Fasttage der betreffende Thora-Abschnitt (i?m) gelesen. Unser verehrter Rabbiner Herr Dr. L. Münz bestieg hierauf die Kanzel und hielt eine tiefdurchdachte Festrede, die auf die Zuhörer den nachhaltigsten Eindruck machte. Dieselbe behandelte die beiden Fragen: 1. welche moralische Bedeutung hat das Werk, das die Ausgabe des Vereins bildet? 2. Mit welcher Gesinnung, von welchem Gedanken bestimmt, vollbringt der Verein sein Werk? Die Rede schloß mit einem Segen aus „unseren hochverehrten Fürsten, den edelmüthigen und großherzigen Kaiser Wilhelm II.,

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