Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1891)
- Date
- 1891-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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96 UM so schwerer fiel, als Dein damaliger Zustand die höchste Schonung erforderte und ich selbst zu aufgeregt und fassungslos war, um die entsprechende Form für meine traurigen Mittheilungen zu finden und fast erschien es mir als eine Erleichterung, daß das plauderhafte Stubenmädchen Dich, wenn auch in unzweckmäßigster Weise, auf den Tod Deines Vaters vorbereitet hatte. Den ganzen Freitag Abend, der dem Ableben Deines Vaters folgte, stand oder saß ich an Deinem Nette, mit dem Bemühen, Dich nach bester Möglichkeit zu trösten und zu beruhigen. Ich verließ Dich erst, als Du daraus drängtest, ich müsse mich zur Ruhe begeben, der ich, nach meinem verstörten Aussehen zu schließen, so sehr bedurfte. Ich warf mich auf mein Lager, aber der Schlaf floh mich. Es war die einzige Nacht meines Lebens, die ich ganz schlaflos durchwachte, in der ich jede Viertelstunde schlagen hörte; in jener, die dem Todestage meines Vaters folgte, hatte die Natur den Tribut von meinem, durch fortwährende Nachtwachen erschlafften Körper gebieterisch eingefordert. Am nächsten Tage, obwohl dieser ein Sabbat war und am zweitnächsten, Sonntag, an welchem Nachmittag das Leichenbegängniß stattfand, war ich fortwährend durchaus mit dem geliebten Tobten beschäftigt. Ich war nicht eine Minute weder allein, noch unbeschäftigt. Freunde und Verwandte, nähere Bekannte hielten es für ihre Pflicht, noch vor dem Begräbnisse ihre Theilnahme auszudrücken. Zahlreiche Personen erschienen, um ihre Dienste anzubieteu, Leute, welche bei der Leiche wachen, dieselbe auf den Friedhof begleiten, zum Gebete während der sieben Trauertage in's Haus kommen, andere, welche die Wagen zum Leichenbegängnisse bestellen wollten. Rabbiner und Prediger erboten sich, dem Verstorbenen einen Nachruf zu halten, ein Anerbieten, das ich mit herzlichem Danke aus dem Grunde ablehnte, weil Onkel Jofef bei irgend einer Gelegenheit einmal — gewiß nicht absichtslos — die Ansicht ausgesprochen, daß, wo ein naher Verwandter, ein Sohn, ein Schwiegersohn im Stande sei, einige Worte am Grabe eines Verstorbenen zu sprechen, er dies nicht einem Fremden überlassen solle. — Gleich nach Sabbat-Ausgang mußte eine Todesanzeige für die Tagesblätter verfaßt und nebst dem Partezettel, der für unsere zahlreichen auswärtigen Geschäftsfreunde bestimmt war, in die Druckerei gesandt, am nächsten Tage die Vorbereitungen zum Leichenbegängnisse, einer löblichen Gepflogenheit zufolge ein Geldbetrag zur Vertheilung an die Armen in's Gemeindehaus gesandt werden u. dgl. mehr, ja selbst, als ich spät am Abende vom Friedhofe zu Dir, theure Pauline, heimkehrte, fand ich theilnehmende Freunde und Beschäftigung vor, so daß ich das meinem Cousin Jakob kurz vor dem Ableben meines Oheims gegebene Versprechen vergaß, umsomehr als ich ihn seit diesem Momente nicht gesprochen und nur, als er beim Leichenbegängnisse neben mir, hinter dem Leichenwagen schritt, gesehen hatte.Ich hatte seit drei Tagen fast nichts gegessen und mich in fortwährender Aufregung befunden, welche in dem Momente, wo ich am offenen Grabe des Onkels, diesem meinen innigsten Dank aussprach, den höchsten Grad erreichte, und ich fühlte mich, nachdem der letzte Besucher mich verlassen, so ermattet, daß ich umzusinken drohte und mich sofort zur Ruhe begeben mußte. Nun forderte endlich die Natur gebieterisch ihr Recht und ich versank in so tiefen Schlaf, daß ich am andern Morgen zum Frühgebete, das während der sieben Trauertage im Hause mit der nöthigen Zehnzahl von Männern verrichtet wurde, geweckt werden mußte. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstag-, jedeSmal in mindestens S Bagen. Preis de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 ReichS-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu bestehe» bet E. F. Steinacker, Leipzig, Uoßpiatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozuseudung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland and Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'8 Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franeo einznsende». Inhalt LHauptblatt): Leitende Artikel: Der erste Erfolg des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus." — Des Propheten Habakuk Weissagung. Von Isaak Hirsch. (Fortsetzung.) — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Darmstadt. Berlin. Wiesbaden. Marburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohn (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Der Religionsunterricht nach dem preußischen Volksschulgesetzentwurfe und die Petition des Rabbinerverbandes. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Marburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. — England: London. Inhalt der zweiten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Feuilleton: Ein 200 jähriges Jubiläum der Chebra-Kadischa in Kempen (Posen). Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.