Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1891)
- Date
- 1891-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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95 schlittert. Den Bemühungen unseres rasch herbeigcholtcn Arztes gelang es. Dich aus der Ohnmacht zu erwecken, mir selbst, Dich etwas zu beruhigen, so daß ich etwa nach Verlauf einer Stunde vom Doktor begleitet wieder zu Onkel Josef hcruntercilen konnte. Ich fand Jakob im Alkoven am Krankenbette. Er war noch bleicher und aufgeregter als vorher, mir schien, als wenn er bei meinem Anblicke erschrecke, zu zittern beginne, er knöpfte lnit nervöser Hast den Rock zu; — der sonst so theiluehmende Mensch frng nicht einmal, wie Du Dich befindest und rief mir halblaut zu. „Es war grausam von Dir, mich eine volle Stunde hier zu fesseln, sie schien sich mir zur Ewigkeit auszudehneu, der Boden brennt mir unter den Füßen, Du weißt es ja. ich habe vor Sabbatanbruch noch Dringendes, Unaufschiebbares zu besorgen, aber ich konnte ja den Schwerkranken nicht allein lassen .... hätte nur irgend ein Mensch die Thüre geöffnet, ich wäre schon längst fortgeeilt", und mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer. Der Doktor trat an's Bett und flüsterte mir ins Ohr: ..Der Zustand des Kranken hat sich in der kurzen Zeit, während welcher ich ihn nicht gesehen, sehr verschlimmert. Es ist wohl möglich, daß sich der Kranke noch bei Besinnung befindet, aber das ist das hippokratische Gesicht! Ich selbst habe leider hier nichts mehr zu thun und muß zu Anderen, die meine Hilfe bedürfen könnten. Ich werde im Dienstbotenzimmer den Auftrag geben, die Kabrouim*) und ihre Frau Tante Perlberg zn holen, es würde dieser weh thun, wenn sie nicht zum Sterbebette ihres geliebten Bruders gerufen worden wäre." .... Ich neigte mich nun über Onkel Josef, er erkannte mich noch. In seiner Rechten hielt er krampfhaft Dein Geschenk, Tante Hanna, das Siddnr. Er konnte wohl noch sprechen, aber es strengte dies ihn an und er wollte nun mit seinem Athem sparen. Er machte mit der Rechten, in welcher er das Gebetbuch hielt, eine Bewegung, die ich mir im ersten Moment nicht zu deuten vermochte — es war mir peinlich, nickt sofort seinen Wunsch errathen und erfüllen zn können. Ich suchte rasch zu combiniren — er konnte auch beabsichtigt haben, mit dem Gebetbuche auf das rothe Portefeuille, das vor ihm auf der Decke allerdings etwas entfernt lag, zu deuten — da die sechs Tausendgulden-Roten nicht mehr auf der Decke vor dem Onkel lagen, mußte ich annehmen, er hätte sie in die Brieftasche gelegt und ich frug ihn, „ausbewahrcn und einschließen?" und erinnere mich noch heute lebhaft, daß ich in Gedanken die Umsicht bewun- *) Mitglieder der Beerdigungsbrüderschaft. Dieselben verrichten bei Sterbenden Gebete. derte, die sich Onkel Josef bis an sein Lebensende bewahrt hatte. Onkel Josef nickte bejahend mit dem Kopfe, ich glaubte damals seinen Wunsch errathen zu haben, ich schloß die Brieftasche in die eiserne Kiste ein und eilte dann wieder an's Bett zurück; er wollte etwas sprechen, wie ich jetzt nach dreizehn Jahren erkenne, mir sagen, daß ich seine Gedanken nicht errathen; aber plötzlich durchflog ein Schauer seinen Körper, ein leichtes Zucken überflog seine Züge, ein unbehagliches Gefühl der Bangigkeit, der Verzagtheit mochte ihn erfassen, mit seiner Hand ergriff er die meine und flüsterte: „Bleibe bei mir, mein Philipp, bis es vorbei sein wird", die wenigen Worte rührten mich, ich kann's nicht schildern wie! Ich wollte ihm sagen, daß er uns noch lange erhalten bleiben werde, aber vor der Majestät des herannahenden Todes vermochte ich, auch eine entschuldbare Lüge nicht auszusprechen. — Mittlerweile waren rasch nacheinander zuerst Du, Tante Perlberg, dann die Kabronim angelangt. Die letzteren blieben im Vorderraum, Du tratst an Onkel Josef's Bett heran. Er erkannte Dich noch und begrüßte Dich mit einem Lächeln; er konnte nur noch wenige Worte und auch diese nur mit großer Anstrengung sprechen. „Lebt wohl . . . . Pauline meine besten Grüße, meinen reichsten Vatersegen", und nach kurzer Pause mühsam: „Laßt' die Kabronim eintretcn!" .... Eine kurze Zeit betete er, nach seinen Lippenbewegungen zu schließen, leise mit; — endlich schloß er die Augen nnd nach kurzem, leichten Todeskampfe hauchte er seine reine Seele aus." Speier unterbrach sich. „Ich erkenne es, ich ermüde Eure Geduld, indem ich bei Begebenheiten, die Euch wohl bekannt sind, länger verweile. Zum Theile erliege ich dabei der Macht der wehmüthigen Erinnerungen — zum großen Theile aber beabsichtige ich, nicht in klarer Gedankenbildung, nur instinktiv den Moment, wo ich mein peinliches Geftändniß abzulegen habe, so lange als möglich hinauszuschieben." Speier athmete tief und hörbar, die Spannung seines kleinen Zuhörerkreiscs war auf's Höchste gestiegen und endlich fuhr er fort: „T^r Tod lrciiiK Oiumui« nnd Schwiegervaters, der mein größter Wonlthäter, mein zweiter Vater gewesen, hatte mich in völlig unbeschreiblicher Weise erschüttert, so daß für kurze Zeit alle andern Gedanken — ich kann nicht sagen, in den Hintergrund traten, das wäre nicht der richtige Ausdruck — sondern völlig verschwanden. Ich konnte mich nur noch mit dem beschäftigen, was den edlen Todten betraf. Zunächst hatte ich die schwere Pflicht, Dich, Pauline, von dem Hinscheiden Deines geliebten Vaters in Kenntniß zu setzen, was mir