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Der Israelit · 1891-01-19 · Heft 6 (19.1.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 6 (19.1.1891)
Date
1891-01-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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93 auch Andersgläubigen gegenüber jederzeit bethätigt, im Gegensätze zu sogenannten „Christen", die nur in der Verhetzung und Verhöhnung ihrer Mitmenschen ihre Christenlehre offenbaren." — Herr Stöcker soll sich das in sein Notizbuch vormerken. Berlin., 15. Januar. Eine wahre Virtuosität in Begriffsverwirrungen und antisemitischem Blödsinn leistet das Stöcker'sche „Volk", das seit der Entlassung seines „intellektuellen Urhebers" den Kopf völlig verloren zu haben scheint. Die französische Republik wird von dem Juden Rothschildbeherrscht, der auch in seinem Interesse die französische Anleihe untergebracht habe. Nun sollte man glauben, daß nach Ansicht des „Volk" die Monarchisten in Frankreich gegen den allgewaltigen angeblich jüdischen Herrscher der Republik also antijüdifch seien, aber weit gefehlt! Die Orleanisten sind noch mehr „verjudet", der „Gaulois" ist ein „Judenblatt", das von orleanistischen Juden oder verjudeten Orleanisten herausgegeben wird. Alles was eben diesem edlen Organ nicht sympathisch ist, das ist verjudet, und da ganz Frankreich sich wenig der Sympathien der Stöckcrei und Muckerei zu erfreuen hat, so besteht dieses Land für das „Volk" ausschließlich aus Juden. Wiesbaden, 15. Januar. Der neue israelitische Friedhof an der Platter-Chaussee, dessen Lage in des Waldes Mitte romantischer nicht gewählt werden konnte, wurde gestern Nachmittag anläßlich der ersten dort stattfindendcn Beerdigung eines hier verstorbenen auswärtigen Arztes, Dr. med. Julius Pauly, von dem Bezirks-Rabbiner Herrn Dr. Silber stein im Beisein des Vorstandes der Gemeinde und des Herrn Stadlbaumeister Israel, als Vertreter der Stadt, feierlichst eingcweiht. „Sei mir gegrüßt, du freundliche Stätte der Gräber", so leitete Redner seine Weiherede ein, „die Stätte, die fast l1/» Jahrhundert der israelitischen Gemeinde wie die Mitglieder der benachbarten Gemeinden als Ruhestätte für ihre Todten gedient hätte, sei auf höhere Anordnung geschlossen worden. Die mühevolle Arbeit der Führer der Gemeinde, einen würdigen Ruheplatz für die Entschlafenen zu finden, habe ihnen das Wohlwollen und Entgegenkommen der Stadl wesentlich erleichtert und dieses beweise, wiesest die ursprünglich kleine jetzt zu so stattlicher Zahl herangewachsene Gemeinde Wurzel in ihr geschlagen und bemüht sei, milzuarbeiten an ihrem Emporblühen." Die wohldurchdachte Weiherede des Herrn Dr. Silberstein gipfelte im Wesentlichen in der Bedeutung des Friedhofes als Stätte nicht nur der Todten, sondern auch der Lebenden und der Ewigkeit. Die Betheiligung an dem ernsten Weiheakt war infolge des unfreundlichen Wetters leider nur eine spärliche. Marburg, 16. Januar. (Die Anttsemtten unter sich.) Der heutige Reichsherold schreibt: Welcher bodenlosen Charakterlosigkeit diese Stöckerhaft-deutsch- und christlich-sozial angehauchte, sich auch antisemitisch nennende konservative Presse fähig ist, sobald es sich um das liebe Geld handelt, zeigt die als antisemitisch von Herrn Stöcker ausposaunte „Hann. Post". In ihrer Nr. 3 vom Dienstag den 6. Januar 1891 druckt sie als Leitartikel zuerst einen Aufsatz des „Volk" nach, betitelt „Phtlautropen". Danach bemüht sie (die „königstreue") sich, dem Kaiser philosemitische Tendenzen unterzuschieben. Weiter arbeitet sie in einem Artikel aus Osnabrück und einem anderen angriffsweise Bezug nehmend auf das Rudolf Mosse'sche „Berliner Tageblatt" bis zur Verbissenheit in Antisemitismns. Darauf folgt ein aus dem sog. (antisemitischen) deutsch-sozialen „Leipziger Tagesanzeiger" abgedruckter Schmähbrief an den Redakteur dieser Zeitung: dann aber, ja dann folgt eine große, 37 enggedruckte Zeilen lange Anpreisung der Rudolf Moffe'schen Annoncen-Expedition, dieser großen jüdischen Giftfabrik für das deutsche Volk. So sind aber diese Herren Konservativen: Auf der einen Seite lassen sie sich bezahlen von den Antisemiten, aus der anderen Seite von Juden. Einsender hat diese „Han. Post" auf eine Empfehlung des „Volk" hin abonnirt, nun hat er die schönste Judcnreklame im Haus. Wir warnen alle Parteigenossen vor dieser konservativen charakterlosen Gesellschaft. (Dr. Böckel machte vor einiger Zeit bekannt, daß er als Weihnachtsangebinde neun Klagen von Israeliten zugestellt erhielt und er darob eine coloffale Freude empfunden habe, vielleicht macht ihm Herr Mosse das Vergnügen, die „Giftfabrik" ebenfalls mit einer Klage zu qutttiren. Red.) Oefterr. Ungar. Monarchie. Wien, 15. Januar. Die Börsenkammer beschloß betreffs der beleidigenden Angriffe der antisemitischen Opposition im niederösterreichischen Landtag gegen die Börse, den Statthalter zu ersuchen, die Börse gegen solche, etwa künftig sich wiederholende unberechtigte und beleidigende Angriffe in Schutz zu nehmen. Wien, 15. Januar. Die Direktion des Deutschen Volkstheaters richtet eine Zuschrift an den Bürgermeister mit der Erklärung, daß sie infolge der im Gemeinderathe geübten verletzenden Vorkritik die geplanten Grillparzer-Freivorstellungen nicht veranstalten werde und auf die Subvention von 4000 fl. verzichte. Die Direktion werde auf eigene Kosten am 24. Jan. eine Freivorstellung für Mittelschüler veranstalten. In der vorgestrigen Sitzung des Gemeinderathes hatten nämlich die Antisemiten

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