Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1891)
- Date
- 1891-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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90 Sie sagen: Wenn der Jude wirklich Glauben und Sittlichkeit hat, so wollen wir sie freudig anerkennen. Der Kampf gilt nur den Reformj ud en. -„Wissen Me Pfader und Volks- Freunde, die jenen Aufruf zur antisemitischen „Vereinsgründung mit unterzeichnet haben, denn „gar nicht, daß systematisch die liberale Presse, „die meist unter rcformjüdischem Kapital und „Einfluß steht, mit ihrem Spott und Hohn, ihrer „Frivolität und falschen Aufklärungssucht alles „das in den Staub herabzieht, was uns als „Christen und Deutsche heilig ist? Vielleicht „sagen die Herren: die Christen machend „nicht besser! Leider oft wahr genug; aber „diese Thatsache kann den Eifer, gegen die un- „christliche Weltanschauung zu kämpfen, deren „glänzendsten und tonangebenden Vertreter Reform- „juden sind, nur begründen und bestärken. Wenn „die Herren Professoren, Geheim- und Commerzien- „räthe, Bankiers und leider auch Pfarrer ihre „Zeit verständen, so müßten sie sich sagen, 2C. 2c." Wir haben auf diese Stöckerei zu erwidern: Unser Blatt vertritt ausgesprochener Maßen die Interessen des orthodoxen Judenthums, und bekämpft seit seinem Bestehen ohne Unterlaß und ohne Rücksicht das Reformjudenthum in allen seinen Richtungen. Man wird uns daher gewiß keiner Voreingenommenheit für das Reformjudenthum zeihen. Aber dieses Unterfangen, Angesichts der bevorstehenden vollständigen Vankerotterklärung des Antisemitismus, denselben auf das Conto der Reformjuden zu stellen, trägt seine ganze Unwahrhaftigkeit und Unmöglichkeit so offenkundig au der Stirne, daß sie auch das blödeste Auge erkennen muß. Juden und Namenjuden oder Reformjuden mögen hinsichtlich ihrer religiösen Anschauungen betr. der Verbindlichkeit ihrer Satzungen, wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein, sich gegenübersteheu, hinsichtlich dessen, worum es sich hier handelt, in der Erfüllung ihrer socialen Pflichten, ihrer Zugehörigkeit zum großen gemeinsamen Vaterlande, in ihrer unwandelbaren Treue zu ihrem Landesfürsten, in allen dieffn Momenten existirt keinerlei Unterschied zwischen dem orthodoxen und dem Reformjuden, ja nicht einmal zwischen Juden und Nichtjuden. Wir bestreiten daher unseren reformjüdischen Brüdern ganz entschieden die Ehre, von den Antisemiten allein als Hassenswerth hingestellt zu werden. Wir glauben übrigens, daß die Antisemiten diese Ausrede selber als nichts anderes als ein Feigenblatt für ihre Blöße ansehen. Wie könnte es auch anders sein! Das, was man heute verschämt „Anisemitismus" und „Antisemiten" nennt, nannte man in früheren Zeiten Judenhaß und Judenfeinde saus pllrase. Erft als man sich dieser Flagge, welche die Contrcbande, die sie deckt, gleich auf den ersten Blick verräth, doch zu schämen ausi' inuu/v oie Noth erfinderisch und man ersann die harmlosere, weil fremdartiger klingende Bezeichnung. In der That aber hat es Antisemiten gegeben lange bevor es Neformjuden gab. Reformjuden giebt es erst seit wenigen Decennien, aber Judenfeinde schon seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden. Aber cs ist unnöthig, bei der Widerleguug dieser Ausrede längw ^. verweilen, denn die Herren glauben sie selber nicht. Eine Spalte vorher heißt es in demselben Blatt: „Das Volk kennt die Herren Levi und Cohn „zu gut." Sind die Träger dieser Namen ausschließlich Reformjuden? So verlogen nun dieses ganze Gerede auch sein mag, so enthält es doch für unsere reformjüdlschen Brüder ein bedeutsames Memento. Wenn dieselben auch hinsichtlich ihres politischen und socialen Verhaltens sich ruhig mit allen Angehörigen aller Confessiouen messen dürfen, so liegt doch in diesem kränkenden Vorwurf des zur Neige gehenden Aniisemitismus eine schwerwiegende Mahnung für das Reformjudenthum und seine Wortführer. Diese haben doch die Parole ausgegebcn, man müsse eine jüdische Sitte, eine Eigenthümlichkeit des Judenthums nach der anderen zu Gunsten der Gleichstellung und Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern preisgeben, wenn erst die religiösen Schranken und Scheidewände von uns abgetragen seien, dann würden sich auch unsere Mitbürger beeilen, die socialen und politischen Mauern und Schlagbäume zu entfernen, und wie die Redensarten alle hießen. Und nun, nachdem man mehr als ein halbes Jahrhundert in diesem Sinuc gelebt und gewirkt hat, nachdem man bereits alles so radical reformirt hat, daß von dem alten Judenthum kaum etwas übrig geblieben ist, jetzt zetern die Judenfeinde: „Nicht die orthodoxen, die Reformjuden sind es, denen unser K a m p f gilt!" Aus dieser Lüge könnte das Rcformjudcnthum eine große Wahrheit lernen, die mit allen ihr anhaftenden, trüben Erfahrungen nicht zu theucr bezahlt wäre, wenn sie richtige Würdigung und Beherzigung fände!