Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1891)
- Date
- 1891-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXII* Jahrgang. M' 6. Israelit...... Ieschmnn. Zeltschrist rm FörderiulS D. Geistes ««d W. Kebm io A»s. GmeMr nl Ztzilk. Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe ZudentHum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den IS. Januar 5651 (1891)» Leitende Artikel. Der erste Erfolg des „Vereins zur Aöweyr des Antisemitismus." Mainz, 18. Januar. Es war ein glücklicher Gedanke, der nun die schönste Verwirklichung gefunden, daß nicht Juden, sondern Christen der Schmach unseres Jahrhunderts, dem Antisemitismus, entgegentreten sollen. Der „Verein gegen den Antisemitismus" hat sich bereits constitutrt und zählt die klangvollsten Namen deS^efammten deutschen Vaterlandes aus den verschiedensten Stellungen und Verufsklassen zu seinen Gründern. Das hat die Wortführer der Antisemiten sofort in einer Weise consternirt, daß ihre offenkundige Verblüffung als der erste Erfolg dieser Vereinigung verzeichnet werden muß. Die Schncckentänze, die sie in ihren Tagesblättern aufführen, um sich mit Anstand mit der Thatsache abzufinden, daß ihnen von den eigenen Volks- und Religionsgenossen aus den Leib gerückt wird, sind geradezu drollig. Das Organ des Herrn Stöcker selig, „Das Volk", nannte die Gründung dieses Vereins ein Ereigniß, wenn auch eines mit Gänsefüßchen, und widmet ihm außer der Beschnüffelung einzelner Persönlichkeiten in der Wochenschau noch einen besonderen Artikel. In demselben ist dem Gehege der antisemitischen Zähne manches Wort entschlüpft, das mehr verbreitet zu werden verdient, als es bei dem in jeder Hinsicht beschränkten Kreis dieser Blätter zu erwarten ist. „Wären wir kleingeistig und selbstsüchtig, so würden wir uns über diese neue Gründung nur freuen und nicht wünschen, daß sie bald verkracht." Da die Herren aber nicht kleingeistig und nicht selbstsüchtig sind, wenigstens nach ihrer höchsteigenen Ansicht, so beklagen sie schließlich tief die Gründung eines solchen Vereins, was man selbst Herrn Stöcker glauben darf, auch wenn er es eidlich versicherte. Bedauert und beklagt wird zunächst, daß sich so viele Gebildete finden, die durch Begründung dieses Vereins eine politische und socialpolitische Unruhe beweisen, die tragi-komisch wirkt. Auch diese Wirkung kann man im gewissen Sinne für wahr halten. Sie äußert sich bei den Antisemiten augenscheinlich tragisch, während die Eiertänze und Windungen der getroffenen Hetzer allerdings komisch wirken. Die Verlegenheit geht so weit, daß endlich geradezu das Zugeständniß gemacht wird: „Daß in der antisemitischen Bewegung von einzelnen Personen Taktlosigkeit und unnütze Provokationen begangen fein mögen, soll nicht bestritten werden!!" Wenn das die Herren Antisemiten selber sagen, dann haben die anständigen Leute dem eigentlich weiter nichts hinzuzufügen, sondern sie haben nur nöthig, der Quelle und Wurzel, aus der diese Taktlosigkeiten und Provokationen stammen, dem Antisemitismus, entgegenzutreten, und mehr haben sie ja nicht gethan. „Wenn die Herren Anti-Antisemiten gegen antisemitische Intoleranz und „Gehässigkeit" eifern, so haben sie unseren Beifall. Denn auch wir billigen bei aller Entschiedenheit unseres Standpunktes durchaus nicht die Vergewaltigung des einzelnen Juden. (Sondern nur mehrer zusammen?) Wenn der Jude wirklich Glauben und Sittlichkeit hat, da wollen wir sie freudig anerkennen." (Also den Glauben und die Sittlichkeit, aber nicht den Juden) u. s. w. Da der ganze Antisemitismus an und für sich die verkörperte Intoleranz und Gehässigkeit repräsentirt, die nur fadenscheinig durch hohle Phrasen verbrämt werden können, so hat demnach der „Verein gegen den Antisemitismus" selbst den Beifall der Antisemiten! Das ist dann in der That ein Erfolg, der alle Erwartungen übertrifft. In der Scham über die Art und Weife, wie über die Antisemiten durch diese Gegenvereinigung der Stab gebrochen wird, suchen sie schließlich durch ein Hinterpförtchen zu entschlüpfen, das man ihnen aber ohne große Mühe verrammeln kann.