Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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76 mal während meines ganzen Lebens benützt, an meinem dreizehnten Geburtstage — dann aber nie mehr, ich wollte den Einband, eine kostbare Stickerei meiner Schwester, schonen" .... nach kurzer Pause fügte er wieder, offenbar einer plötzlichen Eingebung folgend, hinzu: „Philipp, es muß jetzt die Zeit des Minchagebets 4) sein, .... gib’ mir das Siddur her .... ich möchte mein letztes Gebet auf dieser irdischen Welt aus dem Geschenke meiner Schwester verrichten!" Tief ergriffen, reichte ich ihm dasselbe, er schlug sofort mit zitternden Händen die Stelle auf und versank in tiefe Andacht. In dem Momente hörte ich meinen Namen rufen. Ich trat aus dem Alkoven, in welchem der Kranke lag, und sah Jakob, dessen Eintreten ich, in Gedanken versunken, nicht gehört, und da vor dem Alkoven ein Vorhang hing, auch nicht gesehen hatte. Er trat rasch an mich heran, er sah bleich und verstört aus und ohne sich um das Befinden des Onkels zu erkundigen, sprach er tief athmend und die Worte ruckweise hervorstoßend : „Ich befinde mich in entsetzlicher Verlegenheit. Ich habe soeben eine Wiener Rimesse, auf deren Eingang ich mit Gewißheit gerechnet hatte, mit Protest zurückerhalten.Du weißt, ich habe große Verluste erlitten, diemich zur Liquidation meines Geschäftes zwingen, ich bin, Gott sei Dank, nicht passiv, ich werde ein mittelloser, aber ehrlicher Mann bleiben, ich habe schon alle meine Verbindlichkeiten erfüllt, ich habe nur noch einen Wechsel einzulösen; — zu dem fehlen mir in dem Momente sechstausend Gulden, ich brauche sie nur geborgt, ich kann sie in längstens sechs Monaten zurückstellen.Steh' mir bei in meiner großen Noth! Ich wüßte sonst wahrhaftig nicht, in wel¬ 4) Nachmittag. cher Weise ich mir diesen Betrag verschaffen könnte. Meine Bitte ist für Dich leicht erfüllbar, ich habe ähnliche Gefälligkeiten oft genug auch mir Fernstehenden erwiesen." Ich antwortete ihm, „es ist ja selbstverständlich, daß ich Dir diese kleine Gefälligkeit erweisen werde — wann brauchst Du das Geld? „Eigentlich erst Montag früh," erwiderte er, „ich habe Montag mein letztes Accept von zehntausend Gulden einzulösen, hier" — er zog ein Paket aus der Tasche — „habe ich Staatspapiere, die ich noch heute verkaufen werde, aber dadurch, daß die Wiener Rimesse mit Protest zurückkahm, fehlen mir noch sechstausend Gulden." „Du benöthigst das Geld also erst Montag früh?" frug ich. „Nein!" war mir Jakob rasch ins Wort gefallen, „ich muß es schon Sonntag haben, sonst könnte ich die ganze Nacht vor Sorgen nicht schlafen." „Gut, Du sollst also den Betrag schon Sonntag Vormittag haben." „Sieh’, Philipp," meinte Jakob wieder, „lieber wär’ mir’s doch, wenn Du mir das Geld sogleich geben könntest, der Sabbat an dem wir Beide nichts Geschäftliches unternehmen, naht heran .... ich habe keine ruhige Minute, so lange ich die Deckung für den Wechsel nicht in meiner Cassa liegen habe . ... Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mir zu Muthe ist; wahrhaftig, auch der ehrlichste Mann könnte, wenn in einem Momente so peinlicher Nothlage, die Versuchung an ihn heranträte, zu einem Verbrechen gedrängt werden." Hanna Perlberg's Mutterherz vergaß, daß Speier von einer längst vergangenen Zeit sprach und sie ries mit einem tiefen Seufzer aus: „Wie schwer muß mein armer Sohn gelitten haben, wenn der streng redliche Mann sich, wenn auch nur in bitterem Schmerze, zu so thörichten Worten Hinreißen ließ!" (Fortsetzung folgt.) „JSraelit* und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und DounerftagS, jedeSmal in mindestens 2 Segen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 ReichS-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel jtt bestehen bei E. F. Steinackrr« Leipzig, Rohplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco «nzusende«. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Das Judenthum und die Neige des 19. Jahrhunderts. Von Dr. Mendel Hirsch. Frankfurt. (Fortsetzung). — Die Petition der Engländer an den Zaren. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Oppenheim. Gießen. Frankfurt a. M. Stuttgart — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Lemberg. Großwardein. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohn (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Der Retter aus der Ferne. (Zu Peraschath Bo.) Von Rabb. Dr. H. Sänger. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. — Türkei: Salonichi. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa. — Räthsel-Auflösung. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.