Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Aas Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Streuge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) „£)!" unterbrach Therese ihren Vater lebhaft, „ich erinnere mich dessen noch ganz genau, ich war ja schon ein siebenjähriges Mädchen. Du ließest mich zu Großvater Herunterrufen und durch das Dienstmädchen das kleine Brüderchen hinübertrageu. Der Großvater lag in einem Alkoven, vor dem ein Vorhang hing. Ich trat an sein Bett. Großvater war so bleich, daß ich erschrack, doch war ich doch schon so verständig, es nicht merken zu lassen. Ich führte seine Hand an meine Lippen, er küßte niich und meinen kleinen Bruder, legte seine Hand auf unsere Köpfe und segnete uns; dann sprach er — wahrhaftig, ich glaube noch den Ton seiner heißeren Stimme zu vernehmen — zu Dir, „Du könntest den Knaben nach mir, seinem Großvater nennen, auch mein Großvater, ein würdiger, frommer Mann, hat so geheißen," und a!s Du, Väterchen, Dich zu einem Lächeln zwingend, sagtest, „Onkel, was fällt Dir denn da ein?! Bei uns Juden ist es ja nicht Sitte, einem Kinde den Namen eines lebenden Verwandten beizulegen", erwiderte der Großvater: „Den Namen wirst Du dem Kinde erst in fünf Tagen geben," *) dann winkte der Großvater mit der Hand und Du schicktest mich und mein Brüderchen weg." „Wahrhaftig," meinte Speier, „Du hast weder ein Wort von dem, was Dein Großvater gesprochen, ausgelassen, noch eines hinzugefügt, . . . doch will ich weiter erzählen! Als die Kinder das Zimmer verlassen hatten, wandte sich Onkel Josef nochmals an mich und sprach: „Das Wichtigste habe ich noch, als ich vollkommen gesund war, mit Dir besprochen. Ich habe mein volles Leben lang alles, was ich durch Gottes Hilfe erworben und gewonnen, vermaißert* 2) und darüber Buch geführt. Dieses liegt in der kleinen, eisernen Casse, die da neben meinem Bette steht. Das Buch ist in grüner Leinwand geil Dem jüdischen Knaben wird am achten Tage bei der Aufnahme in den Abrahambnnd der Name beigelegt. 2) Verzehnt, der zehnte Theil für wohlthättge oder religiöse Zwecke verwendet. bundeu. Aus diesem wirst Du auch ersehen^ welche verschämte, würdige Arme ich zuweilen mit ziemlich großen Gaben unterstützte.- Du wirst darunter Manchen finden, von dem kein Mensch ahnt, daß er fremder Hilfe bedarf. — Ich wünsche, daß alle diese regelmäßigen Gaben auch nach meinem Tode vertheilt werden. Ich kenne Dich, ich hab's nicht nöthig, Dir zu sagen, daß die feine, unverletzende Art, in welcher die Gabe gereicht wird, den Werth derselben vor Gott sowohl, der alles sieht und hört, als auch dem Gebeugten selbst, der gezwungen ist, Hilfe von Menschenhand anzunehmcn, wesentlich erhöht.Und so hätte ich denn nur eines mit Dir zu besprechen." Onkel Josef's Stimme begann null matter zu klingen. „In der kleinen, eisernen Casse, die da neben meinem Bette steht, wirst Du ein rothes Portefeuille finden, sei so gut, gib' mir's her", er gab mir einen Schlüssel, der in seiner Handweite auf einem Tischchen am Kopfende des Bettes lag, und als ich ihm die gewünschte Brieftasche reichte, öffnete er diese und nahm sechs Stück Tausend-Gulden-Noten aus derselben. „Diese Summe habe ich zu einem Dower tow 3) bestimmt. Es ist das ein Betrag, den ich für unwiderbringlich verloren gehalten hatte, die alte Schuld des Michael Taubmann in P., der schon vor fünfzehn Jahren, nachdem er kurz vorher in Folge unverschuldeter Unglücksfälle gezwungen gewesen, seine Zahlungen einzustellen, vor Kummer gestorben. Nun aber haben wir, wie Du weißt, vor acht Tagen von seinem würdigen Sohne, der die kaufmännische Ehre seines Vaters im Grabe wieder Herstellen will, durch die hiesige Filiale der Creditanstalt die volle Schuldsumme erhalten. Ich nahm mir sofort vor, diesen Betrag einem wohlthätigen Zwecke zuzuwenden und habe auch schon die Stiftuugswidmungs- Urkunde entworfen. Ich hatte nur nicht Zeit gehabt. Dir dies mitzutheilen, die Angelegenheit näher mit Dir zu besprechen. Ich wollte dies morgen, am Samstag thun.Was sind menschliche Vorsätze? ich werde den morgigen Tag nicht erleben! . . . . Doch wirst Du aus dem beiliegenden Entwürfe meine Absicht ersehen." .... Wie Ihr wißt, habe ich nach dem Ableben meines Oheims und Schwiegervaters in der That eine Josef Mandelbaum'sche Stiftung errichtet, deren Interessen zur Unterstützung würdiger, ohne ihr Verschulden verarmter Kaufleute bestimmt sind. . . . Dann fügte Onkel Josef nach kurzer Pause hinzu: „In dem eisernen Kistchcn liegen noch manche Dinge, die mich an längst entschwundene Zeiten gemahnen. . . . . Auch ein Siddur, ein Barmizwah-Geschenk meiner Schwester Hanna. Ich habe es ein einziges- 3) Gutem Zwecke, wohllhätige Stiftung.