Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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74 Liesinger Brauhause" eingeladeu, und es hatten sich in Folge dessen die Antisemiten ungemein zahlreich eingefunden. Unter ihnen erschien auch Dr. Lueger, dem im Verlause des Abends stürmische Huldigungen von seinen Anhängern dargebracht wurden. Bei den wohlbekannten Manieren der Antisemiten kann man sich denken, wie lärmend es in dieser Gesellschaft zuging und wie lästig und störend das Schreien und Toben der „Bierfreundschaft" für das anwesende anständige Publicum war. Nichtsdestoweniger ließ man die antisemitischen Scandalmacher gewähren, um einen Streit mit diesen Leuten, die beim Bier immer mehr in die Hitze gericthen, zu vermeiden. Plötzlich begannen aber die Antisemiten schmähende Rufe gegen den liberalen Landtags-Abgeordneten Baumeister Joseph Maresch, der bekanntlich Bürgermeister von Liesing ist, auszustoßen. Dies wollten sich denn mehrere Liesinger Bürger, die gleichfalls als Gäste in der Restauration anwesend waren, nicht gefallen lassen und proteftirten dagegen, daß man ihren Bürgermeister und Abgeordneten in so ungezogener Weise an einem öffentlichen Orte beleidigte. Darüber kam es zu einem Streite mit den Antisemiten, der bald in Thätlichkeiten überging, da die Antisemiten sehr herausfordernd und gewaltthätig gegen die übrigen Gäste, die sich den Skandal nichtflänger gefallen lassen wollten, auftraten. Schließlich wurde es so arg, daß die Gehilfen der Brauerei herbeigeholt werden mußten, um die excedirenden Antisemiten zu bändigen, und es setzte dabei blutige Köpft, ja, einem der Brauerbursche soll in dem Handgemenge sogar ein Arm gebrochen worden sein. Endlich zogen es die Antisemiten selbst vor, das Feld zu räumen und den Schauplatz der von ihnen veranstalteten Spectakel- Comödie zu verlassen. Prag. In der jüngsten Nummer des „Israelit" wird in einer Frankfurter Correspondenz einem dortigen Rabbiner zum Vorwurf gemacht, daß er am *' eine Trauung vorgenommen. Derselbe ist ungerechtfertigt. Am reu " ist eine Trauung nicht verboten, wie dies auch 'j jpn n"N deutlich und zweifellos hervorgeht. Nur muß man bei der ^2 den Becher Wein einem Kinde zu trinken geben. Die größten und die frömmsten Rabbiner trauen am rau '» und ich selbst habe solchen Trauungen angewohnt. 8. K. Lemberg. Der galizische Landtag hat Subventionen für nachstehende jüdische Institute bewilligt: für die israelitische Volksschule in Brody fl. 6000, für die Taubstummenschule unter Leitung des Herrn I. Bardach in Lemberg und für den Verein „Aguäas Achion“ in Lemberg je fl. 300, und für die Vernstein'sche Handwerkerschule fl. 285. — Großwardein, 28. Teweth. Vorige Woche fand hier die Wahl des Vorstandes der orthodoxen Gemeinde für die nächsten drei Jahre statt. Zum Präses wurde mit Acelamation der seit zehn Jahre an der Spitze der Gemeinde stehende bisherige Vorsteher Herr Isidor Ullmann, Stadtrepräsentant, Direktor der „Ipares gazdasagi bank“ gewählt. Unter der Leitung dieses wahrhaft genialen Mannes, eines würdigen Sohnes des *i y'n* *pn, blühte unsere Gemeinde mehr und mehr empor. Welchen Aufschwung unsere Verhältnisse während seines 10jährigen Regimes genommen, findet die beste Illustration darin, daß, während vor 10 Jahren das Jahresbudget der Gemeinde 14000 fl. betrug, dies jetzt die Summe von 32000 fl. repräsentirt. Im Ausgabenctat figurirt die „Schule" und „Talmudthora" mit dem Betrage von beinahe 10,000 fl. Thatsächlich besitzt die Gemeinde eine Elementarschule und eine Talmudthora, die als Meister derartiger jüdischer Institutionen gelten können und erhält auch eine vierklassige Bürgerschule, die einer schönen Entwickelung entgegengeht. Diese Institute wurden unter Führung unseres Herrn Rabbiner Fuchs und unter thatkräftiger Leitung ,des Herrn Ullmann ins Leben gerufen. Villanyi. Frankreich. Paris. Das „Nusös des Thermes“ hat von der Baronesse Nathanicl Rothschild ein fürstliches Geschenk erhalten. Die hohe Dame hat die bekannte Strauß'sche Collection von Gegenständen für den jüdischen Gottesdienst angekauft und dem Besitze des Museums einverleibt, dem dieselben nunmehr, nachdem sie auf der Pariser Ausstellung im Jahre 1878 große Aufmerksamkeit erregt und auch in der Historischen Ausstellung der englischen Juden in London gezeigt wurden, zur Zierde gereichen werden. Die Sammlung kostete dem verstorbenen Herrn Strauß, dem wohlbekannten Pariser Musikdirektor, Fr. 30,000. (Wir werden über diese Sammlung ausführlich in der belletristischen Beilage berichten.) Italien. Rom. Der König hat den bisherigen italienischen Gesandten bei der Regierung in Peru, Chevalier David Serge, zum Gesandten in Mexico ernannt. Der Vater derselbe ist Vorstand der israelitischen Gemeinde inSaluzzo. — König Humbert erklärte bei der Eröffnung des neuen Parlamentes, er wolle die Religion seiner Väter Hochhalten ohne die Freiheit aller übrigen Religionen anzutasten und zugleich jener Freiheit des Gewissens, welche eine Hauptzierde des gegenwärtigen Zeitalters bildet, jederzeit die größte Achtung entgegenbringen.