Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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71 größeren Zukunft unlösbar verbunden. Je weiter also unsere so gebildeten Söhne und Töchter auf diesem Wege in der Erkenntniß der nichtjüdischen Welt fortschreiten, mit um so festeren Banden fühlen sie sich mit ihrer und unserer Mutter Zion vereinigt. Die folgenden Darlegungen möchten nun versuchen, einige der weltbewegenden Fragen im Lichte des Judenthums zu prüfen oder vielmehr die Grundsätze des Judenthums hinsichtlich dieser Fragen und Verhältnisse zu entwickeln. Die so sich ergebenden jüdischen Ideale mögen unfern nichtjüdischen Brüdern Aufklärung bringen über so manche, jeder Wirklichkeit entbehrende Vorstellungen, die sie bisher vom Judenthum gehegt. Glücklich wären wir, wenn sie bei dem einen oder anderen unserer andersdenkenden jüdischen Brüder auch nur eine leise Mahnung aufsteigen ließen, ob man nicht doch vielleicht zu rasch gewesen sei, sich ein Urtheil über die Göttlichkeit eines Gesetzes zuzuerkennen, das in seinen Grundsätzen auch die vermeintlich fortgeschrittenste Gegenwart noch heute in idealer Höhe weit überragt. (Fortsetzung folgt.) Pie Petition der Engländer an den Aaren. London, 9. Januar. Folgendes ist der Wortlaut der auf dem jüngsten Guildhall-Meeting beschlossenen Petition an den Zaren: An Seine kaiserl. Majestät Alexander III., Kaiser aller Reußen! Petition der in der Guildhall versammelten Bürger Londons, zu Gunsten der russischen Inden. Kaiserl. Majestät! Wir, die Bürger von London, nahen ehrfurchtsvoll Ew. Maj. und bitten um allergnädigste Erlaubniß, Ew. Maj. die Sache der Unterdrückten vorzulegen. Von Tausenden von bedrückten Juden in Ew. Maj. weiten Reiche sind Hilferufe zu uns gedrungen und wir Engländer, die wir für alle Nothleidenden Mitleid fühlen, wenden uns an Ew. Maj. mit der Bitte um Ew. Kaiserl. Hilfe und Gnade. Fünf Millionen Unterthanen Ew. Maj. seufzen unter dem Joche von Ausnahmegesetzen; Nachkommen einer Rasse, von welcher alle Religion kam, unsere und die Ew. Majestät und jegliches Bekenntniß, das an die Existenz eines Gottes glaubt; Leute, die mit allen Regungen ihres Herzens an ihrem alten Glauben und alten Kultus hängen, diese Juden sind in Ew. Maj. Reiche Gesetzen unterworfen, welche ihnen Leben und Gedeihen unmöglich machen. Diese Gesetze, die aus Zeiten stammen, wo religiöse Unduldsamkeit in fast jedem Staate herrschte, sind noch in jüngster Zeit verschärft worden und bedrücken mit fürchterlicher Schwere als eine unerträgliche Bürde die israelitischen Unterthanen Ew. Maj., errichten eine Schranke zwischen ihnen und ihren christlichen Landsleuten, machen eine Pariahkaste aus ihnen, erniedrigen sie und drücken auf sie das Mal einer fluchbeladenen Raffe. Zusammengepfercht in enge Grenzen innerhalb des weiten Reiches Ew. Maj. und selbst innerhalb dieser Gebiete gezwungen, hauptsächlich in Städten zu leben, wo Armuth und Elend jeder Art strotzen, ist es ihnen benommen, sich frei und ungehindert zu bewegen; durch Spezialgesetze in jeder Unternehmung gehindert, dürfen sie weder Grundbesitz erwerben, noch irgend welches Interesse an solchen haben, so daß es ihnen, der meisten Erwerbszweige beraubt, nahezu unmöglich geworden ist, ihr Leben zu fristen. Nicht allein dem Raume und der Wirkungssphäre nach sind sie in jeder Beziehung eingeengt. Man versagt ihnen die höhere Ausbildung und gestattet ihnen dieselbe nur in einem Maße, welches wenig dem Umfange ihrer Bedürfniffe und ihrer Bestrebungen entspricht. Sie können weder wie die übrigen Unterthanen Ew. Maj. ungehindert die akademischen Berufsarten ergreifen, noch trotz aller Verdienste und aller Tapferkeit auf Beförderung in der Armee rechnen. Es ist nicht zu verwundern, wenn bei ihrem Ringen mit solchen Hindernissen im heißen Kampfe ums Leben die Fehler und Schwächen ihres Charakters besonders hervortreten und ihre mannigfachen Tugenden verdunkeln. Denn sie besitzen Tugenden. Diese Israeliten lieben ihr Vaterland, trotzdem die Gesetze sie für Fremdlinge erklären, sie dienen in der Armee Ew. Kaiserl. Maj. in größerer Anzahl, als ihnen zukommen würde, sie kämpfen todesmuthig in Rußlands Schlachten und vergießen ihr Blut für das Wohl ihres Vaterlandes. Immer treu ergeben Ew. Maj., bestreben sie sich, den Gesetzen zu gehorchen, so drückend ihre Last auch sein mag und gehorsam den Befehlen ihres alten Gesetzbuches, beten sie in ihren Synagogen für den Thron und das Haus Ew. Kais. Majestät. Kaiserl. Mäjestät! Wir, die wir gelernt haben, alle Konfessionen zu dulden und Glaubensfreiheit für ein Zeichen wahrer Religion erachten, wir flehen Ew. Maj. an, diese Ausnahmgesetze gegen die Juden aufzuheben. Geben Ew. kais. Maj. den Juden den Segen der Gleichheit vor dem Gesetz. Ueberall wo Juden gleiche Rechte besitzen, gedeihen die Völker. Wir bitten daher Ew. Kais. Maj., diese Ausnahmsgesetzeund Rechtsbeschränkungen zu annulliren, welche die jüdischen Unterthanen Ew. Kais. Maj. Niederdrücken. Kaiserl. Majestät! Lassen Sie die Sonne Ew. kaiserl. Gnade in ihre dunkeln Hütten leuchten und lassen Sie Ihre väterliche Fürsorge dieselben beschirmen. Wie jedes Jahr die Vergrößerung und das Wachsthum von Ew. Maj. weitem Reiche sieht, so möge Ew. kais. Maj. ein neues Eroberungsgebict betreten und durch diese Emancipation ausgerufen werden zum Kaiser vou 5 Millionen dankerfüllter Herzen. Kaiserl. Majestät! Ihre kgl. Schwester, unsere Kaiserin Königin (Gott schütze sie!) baut ihren Thron auf die Liebe ihres Volkes, indem sie dessen Glück und Gedeihen zu dem ihrigen macht. So möge Ew. Maj. aus der Liebe ihres Volkes Macht und Glück schöpfen; möge diese Liebe Ew.