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Der Israelit · 1891-01-15 · Heft 5 (15.1.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 5 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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70 ihrer wissenschaftlichen Gediegenheit überzeugt ist. Nie war die Herrschaft der Phrase größer, nie wurde mit Schlagwörtern heilloserer Unfug getrieben. Jene Zeiten liegen somit längst hinter uns, in denen jüdische Eltern glauben durften, ihre Pflicht erfüllt zu haben und der religiösen Zukunft ihrer Kinder getrost entgegensehen zu können, wenn sie ihnen nur ein möglichst reiches, jedoch einseitig jüdische^, biblisches und talmudisches Wissen zugeführt hätten. Die Väter, jedenfalls die Großväter unserer andersdenkenden Brüder hatten ja zum Theil eine solche Bildung in umfassendem Maße genossen und wandten dennoch dem alten Judenthume den Rücken. Zögernd die Einen, jubilirend die Andern. Und auch jetzt wiederholt sich vor unseren Augen tagtäglich derselbe Abfall bei unseren Brüdern aus dem Osten, die durch alles noch so gründliche einseitige talmudische Wissen nicht davor bewahrt sind, bei der ersten Berührung mit dem Schimmer moderner westeuropäischer Bildung ihr heiligstes Gut als unnützen Ballast, ja. wie verunzierenden, altväterischen Hausrat von sich zu werfen. Werfen wir keinen Stein auf das Gros der Alten, und brechen wir nicht den Stab über die Jungen. Sie wußten nicht, was sie thaten, und sie wissen nicht, was sie Lhun. Denn mögen wir auch noch so hoch die Macht der Verführung anschlagen, mit der die Leichtigkeit des Lebens nach Abstreifung der „Fesseln" des Gottesgesetzes verlockend winkte und winkt, und der die Schwere der Opfer, die nun einmal das gesetzestreue Judenthum von seinen Kindern fordert, als willkommene Folie diente und dient; — mag es ferner auch noch so sehr eine Wahrheit sein, daß noch Keiner abgefollen ist, weil er sich von der Nichtverbindlichkcit des Gesetzes „überzeugt" hatte — eine logische Unmöglichkeit! — und daß vielmehr alle erhabene Theorie, mit der der Abfall als ein angeblich „prinzipieller" beschönigt wird, in Wirklichkeit nur das Kind einer sehr wenig erhabenen, aber um so bequemeren Praxis ist: eine Wahrheit ist und bleibt es dennoch, daß nie, nie der Abfall so ungeheuere Dimensionen hätte annehmen können, wenn den Abfallenden auch nur eine Ahnung aufgedämmert wäre von dem eigentlichen Wesen dieses ihres Judenthums. Indem sie dem Judenthume den Rücken kehrten, glaubten sie sich einer höheren Kultur zuzuwenden und hatten keine Ahnung davon, daß sie sich eben damit von dem Urquell der höchsten Kultur abwandten, deren Träger gerade sie sein sollten. Es galt von ihnen und ihren Vätern, was leider heute noch von so weiten Kreisen gilt, die alte Propheten klage: oinnn neon nro ton rnn »nni, (Jes. 20, 11.) „die Anschauung des Ganzen, der Totalität des Judenihums, ist ihnen wie die Worte eines mit Siegeln verschlossenen Buches!" „ ton m;n, Anschauung des Ganzen, das ist's, was auch heute fehlt. Glaubt doch kein Anatom, trotz sorgfältigster Präparirung einzelner Theile, einen jeder Analogie entbehrenden, einzig in seiner Art vorhandenen Organismus zu kennen, so lange er ihn nicht in seiner Ganzheit geschaut und eine sichere Vorstellung von den physiologischen Funktionen der einzelnen Systeme gewonnen hat. Ist doch auch ebenso der Mechaniker sich vollkommen darüber klar, daß ihm eine komplizirte Maschine, trotz genauester Kenntniß einzelner Theile, so lange unbekannt ist, als ihm nicht ein Einblick in das Wesen ihrer Konstruktion und in das System ihres Getriebes erschlossen ward. Ganz ebenso verhält es sich mit dem Wissen vom Judenthum. Nur das Wissen, das in uns lebendig geworden, kann Leben erzeugen. Aber nur jenes Wissen ist lebendig, das uns befähigt, die Wirklichkeit in ihrem Lichte zu schauen, jenes Wissen, das wir logisch und praktisch, urtheilend und handelnd anzuwenden vermögen. Der Geist kann nur durch Geist geweckt und belehrt, irrige Vorstellungen nicht durch Verdammung, sondern nur durch Gegenüberstellung der Wahrheit berichtigt und damit überwunden werden. Wir haben unsere Kinder zu bewußten Juden zu erziehen. Dazu ist ihnen der Einblick zu eröffnen in die Gesetzmäßigkeit der unendlichen Mannigfaltigkeit der natürlichen Erscheinungen, und ebenso in jüdischem Sinne der Blick zu eröffnen in die Welt der Geschichte. Jedoch: nasn nVnn 'n dnt, Ausgangspunkt und Voraussetzung alles Wissens sei das lebendige Gottesbewußtsein. Dann wird, je tiefer ihnen die Naturgesetze sich als Gottesgedauken offenbaren, um so tiefer ihre Verehrung desselben Gottes werden, der in der Thora uns das Gesetz unseres Lebens gegeben, und ebenso wird ihrem durch das Prophetenwort erleuchteten Sinne der Blick geöffnet werden für das Walten Gottes in der Geschichte. Dann können wir sie ruhig einsühren in die Meisterwerke der Literaturen aller Zeiten: ihrem Geistesauge, das jüdisch erleuchtet ist, wird alles Hohe und Herrliche, alles Herzerhebende und Wahre in diesen Schöpfungen nur als Strahlen erscheinen, die an dem Morgenhimmel der Völker aufgegangen sind von dem Lichtquell ihres Gottcswortes, von jenem Lichte, dessen menschheitpriesterliche Träger und Wahrer zu sein, sie bestimmt sind. Und je weiter ihr Blick den Spuren dieser Strahlen folgt, um so sorgsamere Hüter werden sie dieses Lichtes und um so inniger fühlen sie sich mit allen Fibern ihres Wesens mit ihrer großen Vergangenheit und den Zielen ihrer noch

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