Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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xxxn Jahrgang. _M. 5. Israelit «„*> Zeschumn. Bcitrdirifl jat Förderung jöd. Geldes Md jöd. Dens lu Aus. Gmelude uud Zchulr. Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudenLhum. Begründet von Vu». Lehmann in Mainz. Donnerstag, den IS. Januar 5651 (18!1>1). Leitende Artikel. Dss Fud^enkhum und die Ueige des IS. Zaßrliunderts. Von Direktor vr. Mendel Hirsch. Frankfurt a. M., 12. Januar. II. Wenn wir die Erkenntniß dieser welthistorischen Bedeutung des Judenthums und der lebendigsten Actualität seiner Ideale zunächst unseren Söhnen und Töchtern zu vermitteln suchen, so werden wir damit nur einer Pflicht gerecht, die immer dringender und gebieterischer ihre Erfüllung heischt. Täuschen wir uns doch nicht, und wiegen wir uns nicht in unheilvolle Sicherheit. Sie wäre verhäuguißvoll. Schwere Kämpfe mögen der Juden harren, schwerere wahrlich harren des Judenthums. Harren? Nein, seit Dezennien schon wird cs von ihnen umtost, und groß, unabsehbar groß ist leider die Zahl der ihm bereits verloren gegangenen Söhne und Töchter. Denn in den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte, das können wir ruhig aussprechen, hat es noch nie eine Zeit gegeben, in der das Judenthum in solchem Grade der Gefahr ausgesetzt war, die Herzen und Geister, insbesondere des jüngeren Geschlechtes, sich ihm entfremden zu sehen. Denn seitdem uns Gott zu Trägern Seiner Thora gemacht, hat es noch nie eine Zeit gegeben, in welcher wir also, wie in der Gegenwart, von Jugend auf in innigste und unausgesetzte Berührung mit dem Geistesleben unserer nichtjüdischen Staatsgenossen getreten wären, mit ihren Anschauungen und Bestrebungen, mit ihrem Hoffen und Wünschen, ihrem Jauchzen und ihrem Bangen, ihrem Bewundern und ihrem Verdammen. Weit entfernt jedoch, diese nahe Berührung zu bedauern, freuen wir uns vielmehr derselben innig. Sie ist ja die natürliche Folge der fortschreitenden Rechtsachtung in den westeuropäischen Staaten, die in der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden ihren adäquatesten Ausdruck gefunden hat. Allein sie legt uns für die jüdische Erziehung unserer Söhne und Töchter zugleich ernsteste Pflichten auf. Denn des Judenthums wird bei Allem, was sie hören, nicht, oder nur wegwerfend gedacht, und allen Fortschritt hören sie nur als das Produkt einer spezifischen, nicht jüdischen Gesittung preisen. Dazu kommt, daß es noch nie eine Zeit gegeben hat, in der so sehr, wie in den letzten Dezennien des seiner Neige sich zuwendenden Jahrhunderts, jeder Einzelne, auch der Aermste, in so unausgesetzter unmittelbarer Beziehung gestanden hätte zu Allem, was die Zeit bewegt. Der mächtige Kanal, der alles Gute und Nichtgute, alle Wahrheiten und alle Wahnvorstellungen, die jeweilig die Geister bewegen, in jedes Haus leitet, ist die Presse. Da gibt es kein Haus, in dem nicht die tägliche Zeitung die tägliche Lectüre bildete von Alt und Jung. Du glaubst, Du könntest Dein Kind, etwa weil es z. B. zu der verschwindend kleinen Minderzahl gehört, die eine jüdische Schule besucht, abschließen von allem, was es verführen könnte? Kannst Du ihm auch die Zeitung verbieten? Und zu den Tagesblättern kommt noch die periodische und nichtperiodische belletristische Literatur. Da nimmt denn schon die unreife Jugend und die gar nicht selten noch unreifere „reifere Jugend" in unkontrollirbarem Durcheinander auch alle jene Raisonnements in sich auf, in denen, über und unter dem Strich, nicht selten über alles, was uns heilig ist, mit der Unfehlbarkeit der Ignoranz abgeurtheilt und auf diejenigen, die noch so einfältig wären, an die Schöpfung, an die Bibel zu glauben, mit mitleidigem Achselzucken herabgeblickt wird. Nicht selten schon der Tertianer, sicher aber der Sekundaner ist auf diesem Wege schon darüber au kalt gesetzt worden, daß die höchsten und heiligsten Besitzthümer des Menschen für gewisse „Standpunkte" noch „offene Fragen" seien. — Dabei haben wir hier noch jene wenig segensreichen Folgen ganz unberücksichtigt gelassen, die die an sich so segensreiche Popularisirung der Wissenschaften unabweislich mit sich bringen mußte, jenes Halbwissen, das sich als Bildung spreizt, und jene seichte Oberflächlichkeit, die aufs Naivste von