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Der Israelit · 1891-01-12 · Heft 4 (12.1.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 4 (12.1.1891)
Date
1891-01-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Auch daß man den geistvollen Levysohn verantwortlich macht, für daS, was der nicht immer geistsprühende Siegmund Hader verbricht, kennzeichnet die Kampfesweise, Im Uebrtgen habe ich, als ich des beregten Bildes im „Ulk" ansichtig wurde, selbst die Taktlosigkeit empfunden, welche darin enthalten war, obgleich man andererseits den Herren Witzblatt-Redakteuren das Recht nicht absprechen kann, auch geistliche Herren in den Kreis ihrer Betrachtungen zu ziehen. Sehen wir doch, wie Wiener ultramontane Witzblätter ihren ganzen, oft recht geringen Witz an den Juden auslasten, nicht zu gedenken der „Fliegenden Blätter", welche mit erschreckender Regelmäßigkeit in jeder Nummer einen die Juden nicht eben schonenden Witz bringen. Wie ich im Allgemeinen über Angriffe sogenannter jüdischer Blätter auf die religiösen Gefühle Andersgläubiger denke, habe ich erst kürzlich in einem Artikel „Judenhaß und Socialismus" (siehe Beilage zu Nr. 99 d. Bl.) durch folgende Worte bekundet: „Waren es nun geschmacklose Anzapfungen einzelner . jüdischer Redakteure — geschmacklos schon deßhalb, weil es keinem wahren Gentleman ansteht, in das Hetzgeschrei gegen Verfolgte mit einzustimmen — oder war es der mittelalterliche Kniff vom Sündenbock, den man den erregten Masten hinwirft, genug, ultramontane Zeitungen, ultramontane Abgeordneten waren die ersten, welche in das Horn zur Judenhatz bließen." Auch diese besondere Leistung eines oft sehr witzlosen Witzblattes kann ich nur auf das Entschiedenste mißbilligen. ES wäre sehr wünschenswerth, wenn Blätter, die für „jüdische" gelten, doppelte Vorsicht und auch Rücksicht gebrauchen wollten, im Hinblick darauf, daß man das Gesammtjudenthum verantwortlich macht für ihre etwaigen Sünden. Aber auf der anderen Seite ist es doch auffallend, wie die „Germania" und ihr Gefolge („ihre Lait" würde sie im umgekehrten Falle sagen) die oft gezwungenen Ergüsse eines bei Strafe des Untergangs witzig sein sollenden Blattes so ernst, ja so tragisch nehmen, wie sie einem faulen Witze eine solche Wichtigkeit beilegen konnten. Fällt es etwa „jüdischen" Blättern bei, die antisemitischen Ausfälle eines „Kickeriki" einer „Wahrheit" dem wohlverdienten Grabe ihrer Verschollenheit zu entreißen? Und dann: Ist das Harlekingewaud, ist die Narrenschelle, welche der „Ulk" an der Spitze trägt, nicht ein kleiner Milderungsgrund für die sündige Dreistigkeit seines Inhalts? Die heutigen Witzblätter sind sozusagen die Papier gewordenen Hofnarren des Mittelalters. Unter der Maske des Witzes wollen sie den „Herren" die Wahrheit sagen. Daß daS nicht immer mit Grazie geschieht, daß sie zuweilen über die Stränge schlagen, daß Witzwie andere Blätter nicht immer ihre Herkunft verleugnen können — Papier wird bekanntlich aus „Lumpen" gewalkt — das hätte nach dem Sprüchwort Tout comprendre, c’est tout pardonner doch auch die „Germania" begreifen und verzeihen sollen, entsprechend den milderen Sitten der Jetztzeit. Statt dessen aber macht sie gleich einem mittelalterlichen Despoten eines schlechten Witzes halber-nicht etwa den Hofnarren, nicht etwa den Redacteur des „Ulk", nein, gleich das ganze Judenthum um einen Kopf kürzer. Was Herrn Siegmund Haber, „der redigirt", anbetrifft, so weiß ich nicht, ob er Jude ist. Wenn es wahr ist, was man von dem angebornen Witze der Juden rühmt und wenn man die oft erschrecklich zum Gähnen reizenden Nummern des „Ulk" betrachtet, so sollte man fast glauben, er sei kein Jude. Aber selbst angenommen, er gehöre zum Stamme Israels, wie kommt die „frumbe" „Germania" dazu, für das Stroh eines Haber gleich das ganze Judenthum, die armen russischen Märtyrer miteinbegriffen, büßen zu lassen? Ist das Gerechtigkeit? Ist das Streben nach Gottähnlichkeit, wo Gott doch dem Abraham versprach, um zehn Gerechter willen dem ganzen sündigen Sodom zu vergeben? Doch die Logik dieser Presse ist von ganz besonderer Beschaffenheit. Sie macht etwa folgende Schlüsse: Herr Haber hat (vermuthlich? D. R.) eine krumme Nase, die deutschen Juden haben krumme Nasen, die russischen Ausgewiesenen haben krumme Nasen, also: Sind die deutschen Juden und die russischen Ausgewiesenen verantwortlich für die schlechten Witze, welche p. Haber über die Jesuiten macht. Oder aber: Ein Großonkel Siegmund Habers hieß (vermuthlich? D. R.) Jeiteles, ein Urgroßonkel desselben hieß (vermuthlich? D. R.) Beiteles, ein Urgroßvetter (vermuthlich? D. R) Schnorreles, also: Sind die armen, vertriebenen russischen Juden, weil einige von ihnen ohne ihr Zuthun Jeiteles, Veiteles, Schnorreles heißen, verantwortlich für die Witze des p. Haber und deßhalb mit Peitschen über die russische Grenze zurückzutreiben. Was haben! Verfolgte, Vertriebene, Hungernde, im Schnee Rußlands Erfrierende mit dem Champagnerkater- Erzeugniß eines Berliner Journalisten zu thun? Wenn sie in ihrer Roth, in ihrem Jammer zum Himmel schreien, tausendmal elender als ihre Vorfahren in Egypten — denn diese wurden gezwungen, zu bleiben, jene aber werden verjagt — ist es da gerecht, sie die taktlose Malice eines Berliner Witzbolds fin de stecle entgelten zu lasten? Nein, wohledle „Germania", das ist nicht gerecht, das ist nicht edel gedacht. Damit stellen Sie sich und Ihr Gefolge auf eine Stufe mit den russischen Knutenhelden, die doch auch die römischen Katholiken nicht eben sanft anfasten. Das zeugt auch nicht von der Herzensbildung, nach welcher namentlich die katholische Welt zu streben vorgibt und zum größten Theile auch wirklich strebt. Denn, Gottlob! es gibt noch Katholiken, die anders denken wie die „Germania" und ihr Gefolge. Es gibt noch Katholiken,^welche die Ziele der Menschenliebe unentwegt zu erreichen suchen, mögen auch hin und wieder unartige Gassenbuben ihnen eine Nase drehen. Es sind das mitunter sehr hochstehende Herren und einer von ihnen nimmt in der Geistlichen-Hierarchie einen

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