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Der Israelit · 1891-01-12 · Heft 4 (12.1.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 4 (12.1.1891)
Date
1891-01-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXII Jahrgang. Beilage zu M 4 ürs „Israelit & Irscharun" Leitender Artikel. Ulkiges. Motto: Stegmund Haber redigirt. Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet. -o- Als ich einmal von Brüffel nach London reiste, fuhr auf der Eisenbahnstrecke Mecheln-Ostende ein kleiner, etwas beweglicher Herr im grauen Reiseanzug mit mir. Zuerst saßen wir uns ziemlich steif und einsilbig gegenüber. Dann fiel hier und da eine Bemerkung über die Gegend, über die Beschaffenheit der Eisenbahnwagen, über die Heizvorrichtungen. Plötzlich waren wir beim Wetter angelangt und wenn zwei Fremde sich über das Wetter unterhalten, so bedeutet das schon eine entschiedene Annäherung. Vom Wetter kamen wir auf die Politik zu sprechen. Da ich mich als Deutscher zu erkennen gab und da in jener Zeit die Maigesetze ihre feierliche Beerdigung „erlebten", so war es natürlich, daß auch der Kulturkampf nicht unbesprochen blieb. Ich habe stets den Kulturkampf mit Abneigung betrachtet, nicht vom politischen und nicht vom religiösen, sondern vom rein menschlichen Standpunkte aus. Ich konnte es nie für eine Errungenschaft der Kultur halten, wenn man Sterbenden von Staatswegen und mit Anwendung von Zwang die letzten religiösen Tröstungen vorenthielt, von welchen sie ihr ewiges Heil abhängig glaubten. Diesen Anschauungen hatte ich auch bei entsprechenden Gelegenheiten Ausdruck verliehen und es war mir dabei öfters passirt, namentlich auf Reisen, daß man mich, trotz mancher jüdischen Eigenthümlichkeit meiner Nase, für einen frommen Katholiken hielt. Auch jetzt machte ich kein Hehl aus meinen Gesinnungen und damit schien ich mir die Sympathie meines Reisebegleiters gewonnen zu haben. Er begann einen familiären Ton anzuschlagen. „Die Juden und die Jesuiten", sagte er in französischer Sprache, „waren von jeher die Sündenböcke der Geschichte. Für alles machte man sie verantwortlich. Alles schob man ihnen in die Schuhe." Bei dem Worte „Juden" machte ich ein etwas verlegenes Gesicht. Sollte er mich an der Nase erkannt haben? Oder hatte ich etwa jenen spezifisch jüdischen Geruch an mir den der in der „Wolle" gefärbte'Antisemit und Unterjackenfabrikant Jäger bei den Nachkommen Jacobs herausgeschnüffelt haben will? Doch meine Vermuthung war unbegründet. Der bewegliche Herr hielt mich sicherlich nicht für einen Juden, denn er machte mir sogar vertrauliche Mittheilungen. „Die Jesuiten," fuhr er fort, „haben nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Mitglieder, welche letztere nicht verpflichtet sind, das Ordenskleid zu tragen." Und dann rief er voller Emphase: »Mo!, je suis jesuite«. (Ich bin Jesuit.) j Da er Juden und Jesuiten in einem Athem genannt hatte und da ich die Absicht herauSzuwitter« glaubte, er wolle mich zum Eintritt in den Jesuiten-Orden aufmuntern, so hielt ich es an der Zeit, meine Eigenschaft als Auch- Sündenbock der Geschichte nicht länger zu verschweigen und rasch fiel ich ein: »Et moi, je suis juif«. (Und ich bin Jude.) Darauf ging eine große Veränderung in dem Antlitz des beweglichen Herrn vor. Wie Enttäuschung, ja wie Schrecken glitt es darüber hin. Dann verlor sich allmählich die Beweglichkeit und die bisher so lebhaften Züge erstarrten wie in Versteinernng. Bald darauf hielt der Zug in Ostende und mit kaltem Gruße schieden wir voneinander. Diese selbsterlebte Anekdote fiel mir ein, als jüngst die Berliner „Germania" und in ihrem Gefolge eine Anzahl ultramontaner Provinzialblätter den schlechten Witz des Berliner „Ulk" über das Jesuitengesetz zum Anlaß einer kleinen, aber stilgerechten Judenhetze machten. Folgender ebenso ungerechte, wie beleidigende Erguß nahm seinen Weg durch die ultramontane Preffe: „Eine jüdisch-liberale Frechheit von mehr als gewöhnlichem Umfang leistet sich der vom „Berliner Tagblatt" (Chefredakteur Levysohn) als humoristische Wochenbeilage herausgegebene „Ulk", eine» der knoblauchtigsten unserer immer mehr und mehr verjudende» „daitschen" Preffe. Auf einem Titelbilde „An unseren Grenzen" läßt der als Grenzwächter uniformirte „Ulk" die russischen Schweine über die Grenze, während er zwei an dem gegenüberliegenden Schlagbaume harrende, erbärmlich karrikirte Jesuiten lachend mit den Worten zurückweist: „Nur Geduld, meine Herren, erst das Nützliche und dann das Angenehme." Warum die mosaischen Gelehrten des Tageblatts solch' unbändige Freude an der Einfuhr des unkoschern BorstviehS haben, ist uns weniger verständlich, als das Vergnügen, welches die Herrenan der Beschimpfung einer katholischen Institution, durch den Vergleich der Jesuiten mit den Schweinen, finden. Oder sollte sich hier eine Art — Wahlverwandtschaft der Herren vom „Ulk" selbst mit zwingender Nothwendigkeit einen bildlichen Ausweg gesucht haben? Von Rußland steht uns übrigens eine Einfuhr bevor, die nicht so angenehm sein wird, als die Schweine-Einfuhr, wenn all' die ausgejagten Jeiteles, Veiteles und Schnorreles die deutsche Grenze überschreiten, dann — Gott schütze Deutschland." Es ist nicht meine Aufgabe, das „Berliner Tageblatt" mitsammt dem „Ulk" gegen die ultramontane Preffe zu vertheidigen. Hervorheben möchte ich nur die Ungerechtigkeit, von einem „Vergleich" zu reden, während es sich nur um ein örtliches Nebeneinander handelt. Dazu befindet sich der „Ulk", wie oben bemerkt, selbst neben den Schweinen!

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