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Der Israelit · 1891-01-08 · Heft 3 (8.1.1891) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 3 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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war cs für die jüdischen Studenten in W. schwer, Frieden zu halten. Insgeheim hielten sie eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, Forderungen, die in Folge der Beleidigungen durch Antisemiten ergingen, oder ergehen müßten, einfach abzuweisen, resp. die Beleidiger als nicht satissactionsfähig zu betrachten. Die schwebende Sache Lösers sollte die erste und letzte sein, welche der Entscheidung des Ehrenrathes unterbreitet werde. Begründet wurde die ser Beschluß durch einen öffentlichen Ausspruch des Reetors der Universität, wonach dieser jeden der Studenten, der sich der wüsten Agitation der Antisemiten anschließe, als „mit einem sittlichen Makel behafrer" ansclie. Darüber gab es natürlich großes Geschrei bei den Antisemiten und der Ree tor sah sich genöthigt, amtlieb vor Ausschreitungen zu warnen. Unterdessen Hane das Staatsexamen seinen Anfang genommen. Erwin und Richard harten Glück. Dieselben bestanden jede Station mir Auszeichnung, ja Professor S. ernannte Erwin schon, nachdem er die Hälfte der Stationen zurückgelcgt war, zn seinem Assistenten, während Richard von demselben Professor einem Eollegen in L. empfohlen wurde. Freudig erregt und im gerechten Stolze über diese Auszeichnung gingen die Freunde nach Hause. Dorr erwarteten sie schon einige Studenten, welche die Entscheidung des Ehrenrathes und die Forderung des Gegners überbrachten. Die Forderung lautete auf Pistolen, zehn Schritte Distanz mit dreimaligem Kugelwechsel bei schrittweisem Avanciren bis zur Barrstre. Än /ine gütliche Beilegung des Streites konnte bei der Größe der Beleidigung nicht gedacht werden und so ivurdc der Zwcitampi für die frühen Morgenstunden des drittelt Tages verabredet. Die Herren verabschiedeten sieb förmlich und kalt und die Freunde blickten schweigend einander an. In der Seele eines Jeden stürmte es. Es war der reinste Mord, den sie verabredet hatten, denn Erwin harte noch nie eine Pistole in der Hand gehabt, während sein Gegner als nie sein Ziel fehlender Schütze weit und breit bekannt war. Tie Freunde wußten im Voraus den Ausgang des Duells und in banger Vorahnung dessen fielen sie sich gegenseitig um den Hals und weinten iit langer Umarmung. Sie schämten sich beide nicht der Thränen, die also flössen', endlich lösten sich ihre Arme. Richard faßte Erwin an beiden Schultern, blickte ibm lange in die Irenen Augen und sprach dann mit gepreßter Stimme: „Erwin, theurer Freund, folge dem Rathe meiner Eltern! Denke an Deine liebe Müller, an Deinen treuen Vater — tritt in letzter Stunde zurück?' „Nein," versetzte Erwin, „nein, mein Freund. Den Vorwurf der Feigheit soll man mir nicht machen. Ich weiß, was mich erwartet und doch hoffe ich auf Gott, in dessen Hand unser aller Leben ist. Falle ich, so trägt mein Tod vielleicht dazu bei, die Behörden auf das Treiben, auf das gemeingefährliche Treiben unserer Feinde aufmerksam zu machen und dieses Treiben zu verbieten; die Sache, für die ich streite, ist eine heilige Sache. Ich stehe nicht nur für meine eigene Ehre vor dem Gegner, in mir möge unser ganzes Volk den Vertheidiger seiner Ehre anerkennen, und wenn ich unterligen sollte, mich jenen Märtyrern gleich beurtheilen, die um unseres Gottes heiligen Namens willen, ihre reinen Seelen unter den Händen des Henkers aushauchten." Ein Feuer heiliger Begeisterung hatte den Jüngling ergriffen; seine Augen leuchteten und seine Hand umfaßte mit festem Druck die Rechte des Freundes. Richard hatte die unangenehme Aufgabe, als Sekundant Erwins die Vorbereitungen zum Duell zu treffen. Erwin ging am folgenden Tage nicht aus. Er schrieb fast den ganzen Tag, und als Richard des Abends bei ihm eintrat, um ihm mitzutheilen, daß alles geordnet sei, trat er ihm freudigen Blicks entgegen. „Ich danke Dir für die Freundschaft und die Treue, die Du mir erwiesen", sprach er innig. „Noch eine Bitte habe ich, deren Erfüllung Dir obliegt, im Falle" — hier flockte Erwin und ein bleicher Schein stog über fein schönes Antlitz - „im Falle ici) Unglück haben sollte. Diesen Brief sende an meine lieben Eltern, und wenn sie keinen Sohn mehr haben tröste sie durch den Gedanken, daß ich Israels Ebre vertheidigt, zur Heiligung des göttlichen "Namens mein Leben eingesetzt habe." Noch lauge sprachen die Freunde, eng aneinander geschmiegl. leise miteinander, um Mitternacht trennten sie sich. Der iolgende Morgen sollte die Entscheidung bringen. Ein herrlicher Frühlingsmorgen war der stürmischen Nach! gefolgt. Thausriscki lagen Felder und Wiesen da und die Vöglein sangen lim die Wette. Der blaue Himmel wölbte sich über der stillen Flur und ans Millionen Tropfen glitzernden Falles strahlten die Lichlreflere der ausgehenden Sonne. Tort am Waldeseilde, aus der kleinen Wiese neben dein Bache ist schon zu früher Morgenstunde eine kleine Herrengesellschaft eingetroffen, deren Mienen nichr in die herrliche Natur passen. Tiefes Schweigen liegt auf der Gesellschaft, die in zwei Parteien, mir ernsten Mienen die Ankunft des Arzres erwartet. Ein kleines Kästchen steht in der Mitte zwischen den beiden Parteien. Jetzt ertönt Wagengerassel in der Nähe lind bald daraus tritt eilt älterer Herr zu der Gesellschair und entschuldigt sein verspätetes Kommen. Einer der Herren tritt nun 51t den Gegnern denn Erwin ll.'ld still Gegner net'st ihren Seklilldnnlen waren es, die sich hier das verabredete Reudez-vons gaben — und versucht abermals eine gütliche Beilegung der Sache. Vergeblich! -- So müssen also die Waffen entscheiden. Dem kleinen Kästchen werken zivei Pistolen entnommen und von Unparteiischen geprüft und geladen. Tie Gegner stehen einander gegenüber und erheben, nachdem die Distanz abgemessen worden, die Waffen. Erwin ist ruhig und beobachte: fnrchrlos den Gegner, in dessen "Auge cs unheimlich glüht. Das Kommando ertönr, ein Schuß fällt und beide Gegner stehen unversehrt da. Erwin hatte seine Waffe in die Lust geieuert, die Waffe des Gegners hatte versagt. Wiederum versucht man, die Gegner zu versöhnen. Ter Ehre war Genüge gerhan und das Duell hatte seinen Zweck erfüllt. Vergeblich war das Mühen der Sekundanten; Erwins Gegner wollte sich ans keinem Fall mit einem unentschiedenen Gange begnügen, er wollte dem Juden, der ihn geschlagen, einen Denkzettel geben und sollte er selbst dadurch sein Leben verlieren. "Abermals wurden die Waffen geladen. Wieder standen sich die Gegner einander gegenüber. Ein Jeder rückt zwei Schritte vor und erhebt die Waffe. Das Kommando ertönt und zwei Schüsse unterbrechen einen Augenblick die feierliche Stille. Erwins Gegner steht unversehrt da, denn Erwin hatte abermals in die Lufr gefeuert, doch Erwin selbst ist getroffen; er wankt, greift nach seiner Brust und fällt in's feuchte Gras. Rasch eilen die Sekundanten und der Arzt zur Hilfe herbei; sie kommen zu spät. Der Schuß ging ihm durchs Herz und sie sehen nur noch den letzten Blick des brechenden Auges; noch ein leises Erzittern des ganzen Körpers und — Erwin war nicht mehr. Richard warf sich über die Leiche des Freundes und weinte, als müsse er das entflohene Leben zurückrufen — vergebliches Mühen! Was der Tod einmal mit seinen eisernen Armen umfaßt, mit seinem eisigen Hauche berührt hat, das entreißt ihm keine lebende Seele, das ist seine Beute und bleibt es — wenn auch darob manches Herz bricht. Kalt grüßend entfernte sich der Gegner mit seinen Sekundanten. Richard und seine Freunde hoben Erwins Leiche in einen bereitstehenden Wagen und brachten sie zur Stadt.

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