Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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50 Erwin sprang auf und wollte sich entschuldigen, doch jener kam ihm zuvor und rief: „Hat denn der verdammte Jnvenüengel keine Augen!" Kaum hatte er das Wort Jndenbcngel ausgesprochen, da hatte er auch schon einen FansüLlag im Gesicht, dag das Blut aus Mund und Nase rann. Daun verbeugte sich Erwin vor dem Blutenden und sprach: „Mein Name ist Erwin Löter, Ltudirender der Mediziu." .,8ie werden mir Genugthuung geben", brüllte der Gezüchtigte. „Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung", entgegnen' Erwin, drehte sich um und wandte sich mit Nichard dem Krankcnsaalc zu. Die ganze Scene Hane sich mit einer Schnelligkeit abgespielt, die jede Intervention unmöglich inachte. Als die Freunde sich nun im Krankensaal befanden, machte Nichard Erwin Borwürfe über seine Heftigkeit. Erwin wollte gerade erwiedern, da rrar der Professor ein und sein Erscheinen machte jedem Zwiegespräch ein Ende. Drei Jage waren verflossen. Der Borfall erregte in studentischen Kreisen Aufsehen und man war gespannt, wie der Ellrenrath, dem die Sache vorlog, entscheiden würde. Inzwischen wurden von vielen Seiten Versuche gemacht, die Sache gütlich beizulegen, da die Art der Beleidigung eine derart tendenziöse war, daß weder Blut noch. Eisen Genngrbnnng zu geben vermochten. Außerdem berührte der Borsall besonders peinlich, da 30f,;„ der Studirenden in W. Juden waren und hier zum erstenmal seit Menschengedenken religiöse Gegensätze Ursache eines Streites wurden. Ed bildeten sich deshalb Zwei Parteien. Die eine Partei hielt ein. Duell für unvermeidlich, während die andere die Beleidigung durch den Faustschlag ausgeglichen hielt. Der Ehrenrarh hatte zu entscheiden. Während so das Für und Wider in dieser «rache von uubetheiligren Kreisen erwogen wurde, hatten Erwin und Richard ihr Doktor-Examen üestanden und waren, als die Ferien kamen, nach Haufe gereist, ohne dast der Ebreuhaude! zuvor hätte entschieden werden können. Mir Freude und Stolz wurden sie von den Ihrigen empiangeu. Erwin war zuerst für einige Tage mit Richard in dessen Heimath gereist, da er etwaigen Fragen seitens ■'oiner Eltern aus dem Wege gehen wollte, ehe er die Entscheidung des Ehrcnrathcs kannte. Richard's Eltern wußren um die Sache und sie boten alles ans, Erwin dahin zu bringen, das; er sich über den studentischen Ehrbegriff liiuwegsetzre und jede sogenannte Satisfaktiou verweigere. Die Vorstellungen fanden wenig fruchtbaren Boden. Herr Pels bewies ihm ans der Thora, daß er eine sehr große Sünde gegen Gon, gegen sich und gegen seine Eltern begehe, wenn er in frevlem Uebermnthe, denn ein solcher sei jedes Duell, sein Leben aufs spiel setze. Erwin hörte ihm erst aufmerksam zu, während tiefe Blässe sein hübsches Antlitz bedeckte, dann sprach er mit vor Erregung zitternder Stimme: „Alles, was Sie mir sagen, habe ich mir selbst gesagt und weiß es, und trotzdem kann ich nicht anders handeln, wie es unsere studentischen Gesetze und Ehrbegriffe verlangen. Fragen Sie Richard, ob er an meiner Stelle anders gehandelt hätte." „Gott soll meinen Richard vor solchen Händeln schützen," erwiederte Herr Pels, „aber ich weiß auch, er würde auf die Stimme der Religion und Vernunft hören und lieber auf die Fortsetzung seines Studiums verzichten, als sein Leben mutwillig der Gefahr aussetzen." „Und," fuhr Frau Pels in weichem Tone fort, „gedenken Sie denn gar nicht Ihrer Eltern, Ihres alten Vaters, Ihrer lieben Mutter; welchen Jammer brächten Sie über die theuren Häupter, wenn das Unglück Ihrer harrete! Wie könnten Sie Ihrer lieben Mutter auch nur eine Minute Sorge bereiten! Ich mochte es nicht erleben, daß man der zarten Frau die Nachricht bringe: „Dein Sohn ist tobt, gefallen im unseligen Zweikamps." Nein, Erwin, folgen Sie uns, lassen Sie sich in W. ermatriculiren und beendigen Ihre Studien in Berlin." „Das geht nicht, Frau Pels, ich bin Student und als solcher den Gesetzen dieses Standes unterworfen." Derartige Unterhaltungen fanden fast täglich statt und endigten stets mit den Worten Erwin's': „Sie können sich in unsere Denkweise nicht versetzen und werden veßhalb nie unser Handeln verstehen. Ter Anlisenutismns beginnt auch in akademischen .Kreisen Würzet zu fassen und seine gütigen Blüten zu treiben. Was mir deute passirr ist, kann Ihren Richard morgen treffen und eine,: anderen Evmmititonen übermorgen. Sölten wir Jude!' durch eine unzeitgemäße, übelangebraebte Nachgiebigkeit auch noch den Makel der Feigheit ans uns laden?" ..Friedfertigkeil und Feigbeit sind verschiedene Dinge," cnlgegnkte Herr Pels: „zeiget Euren Mnth ans andere Weise, ais in der barbarischen Unsitte des finsteren Mittelalters! über meinen Sie, es gehöre ein besonderer Mnth dazu, sich wie ein Verbrecher vor die Mündung der Pistole eines Waonsini'.igen zu stellen? V'eiu, es gehört ein größerer Mulb dazu, veralteten Anschauungen und Bornrtheitcn zu trotzen, als in der Befolgung ibrer Gesetze der Kugel des Gegners die Brust zu bieten." Erwin mußte dem Vater des Freundes Recht geben, und doch tonnte er sich nicht dazu ansrasiert, mit deni falschen Ehrenvegriffe der Studenten zu brechen. Er ging wie im Eraume einber und der Kampf, der in seinem Innern lobte, spiegelte sich ans seinem Antlitz wieder. Die sonst so blühende Gesichtsfarbe war verschwunden und batte einer Leichenblässe Platz gemacht, die Augen tagen tief in ihren Höhlen und der Blick war glanzlos und müde. Die widerstreitenden Pflichten und Gesnble inachten ihm seinen Entschluß sebr schwer. Die Eulscheidung Oes Ebrenrathes ließ lange auf sich warten. Die Ferien nabten ihrem Ende und Erwin nahm von seinem Freunde und dessen Eltern Abschied. Sowohl Herrn Pels wie auch seiner Frau traten Thränen in die Augen, als sie dem jungen Manne Lebewohl! sagten. Keinen: von ihnen ahnte Gutes: jedes vermeinre, ein „Lebewohl" für ewig zu sagen, und nur Richard rief dem scheidenden Freunde ein lustiges „Ans Wiedersehen" zu, was dieser auch zerstreut erwiederte. Erwin tuieb nur vierzehn Tage zu Hause. Den Eltern siel das cigenthümliche, zerstreute Wesen ihres Sohnes wohl ans, doch sie legten dieses der Ansregung zur Last, die das Staatsexamen, zu dem Erwin sich gemeldet batte, stets mit sich bringt. Er war von einer ganz besonderen Weichheit und Aufmerksamkeit gegen die Mutter, und der flotte Bruder Studio, der sonst in den Ferien kaum zu Hanse anzutreffen war, verließ diesesmal das Zimmer nicht. Er saß stets hinter seinen Büchern und arbeitete. Tie Ferien waren zu Ende. Erwin war wieder abgereist. Er hatte Vater und Mutter beim Abschiede immer wieder von Neuem umarmt und geküßt und endlich, als der Zug schon im Gange war, denselben noch heiße Liebesworte zugerufen. Die Agitation der Antisemiten fand günstigen Boden unter einem Theile der akademischen Jugend in W., und während sich citt Theil der Studenten von der „«Schmach unseres Jahrhunderts" ostentativ fern hielt, verherrlichten andere die erleuchteten Propheten dieser Schmach, Ehren-Stöcker und Cvnsorten, auf jede mögliche Weise. Versammlungen wurden abgehalten, Reden losgelaffen, die Geister erhitzt und die Leidenschaften entseffelt. Als nun die Ferien zu Ende waren und die Studenten aus der Heimath die Kunde brachten, daß der Antisemitismus überall Wurzel faffe, da