Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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52 Der AntisemitiSmus hatte sein erstes Opfer gefordert. Drei Tage später fand die Beerdigung statt. Was half es den armen, betagten, fo schwer betroffenen Eltern, wenn Tausende sich an dem Leichenbegängnitz betheiligten und selbst die Behörden und die Universität vollzählig erschienen waren, um dem Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen? Ihr Sohn, die Freude und die Stütze ihres Alters war und blieb todt und weder Weinen noch Klagen riefen ihn ins Leben zurück. Die Worte des Trostes, die der Rabbiner am offenen Grabe an sie richtete, verhallten vor dem furchtbaren Schmerz, der ihr Herz zerwühlte, als man den Sohn in die kühle Erde versenkte. Aber die ganze Welt hörte und vernahm die donnernde Rede des greisen Mannes, in welcher er offen und klar die Folgen des Antisemitismus beleuchtete. Sie drang in die Herzen aller Bessergesinnten des deutschen Volkes und in nichtjüdischen Kreisen beginnt der Sturm, der den Antisemitismus vernichten wird. Erwin war das erste Opfer. Sein Name wird wohl von der Nachwelt vergeffen werden, aber sein Schicksal wird mit der Geschichte des Antisemitismus für immer verknüpft sein, und dieses Totenantlitz wird sie Alle verfolgen, die sich als Anhänger dieser „Schmach des Jahrhunderts" dadurch ein Verdienst erwerben ntollen, daß sie Israel zu schaden versuchen. Israel aber mag getrost auf Ihn bauen, der den Schwachen Stütze, den Verfolgten Zuflucht ist. Er wird es beschirmen und bewahren, führen und leiten bis in jene Zeit 7NU N2*, da ein Erlöser erscheint seinem Volke, da alle Verfolgung aufhört und Sein Name von allen Menschen anerkannt wird für und für. Tic Juden in China, lieber eine versprengre jüdische Kolonie in China macht der französische Gelehrte Professor Cordte, r folgende Angaben: Die Judcnfrage ist in China noch niemals aufgeworfen worden, und zwar aus sehr einfachen Gründen; die chinesischen Behörden wußten gar nichts von dern Vorhandensein der Juden, die sic für Muhamedaner hielten, und außerdem war die geringe Zahl derselben ssie bildeten stets nur die eine Kolonie von einigen Hunderten) nicht geeignet, sie der Regierung furchtbar erscheinen zu lassen. Im Anfang des 18. Jahrhunderts erhielt der Pater M a t t e o R i c c i, der Gründer der Jesuitenmisfion in Peking, den Besuch eines jungen Mannes, der ihm erklärte, daß er nur einen Gott anbete. Er erzählte, daß er aus Kai-fung-fu in der Provinz Honan käme, wo 10 oder 12 Familien seines Glaubens lebten: sic hätten dort ihre Synagoge und bewahrten in derselben Bücher aus, berat Schrift mit derjenigen einer ihm von Ricci gezeigten hebräischen Bibel ähnlich sei. Ein chinesischer Jesuit, den Ricci darauf nach Kai-fuug-fu sandte, fand im Besitze der Gemeinde eine Handschrift der fünf Bücher Mose, deren Tcrt mit dem der hebräischen Bibel von Plantin völlig übercinstimmte. Nach Angaben einiger Jesuiten, die in späterer Zeit die Kolonie besuchten, wurden daselbst auch die Bücher Jvsua, Richter, Könige, JesaiaS, Jeremias, Jonas. Micha, Nabum, Habakuk und Sacharja aufbewahrt. Die Wichtigkeit, welche tu neuerer Zeit seitens der protestantischen Gesellschaften der Revision der Bibel beigelegt wurde, veraulaßte im Jahre 1850 die Absendung einer Mission zur Autnannte der in Kai-fung-su vorhandenen Schriften. Die europäischen Juden schenkten dagegen ihren Glanbcnsgcnossen in Cp:na wenig Aufmerksamkeit. Die Londoner Juden versuchten 1760 durch einen hebräisch und englisch geschriebenen Brief sich mit den Israeliten von Honan in Verbindung zu setzen. Der einzigs Jude, welcher nach Kai-fung-fu gelangt ist, war ein Wiener Kaufmann I. L. Liebermann, der sich 1867 dorthin begab, ohne viel Bemerkenswerthes von seiner Reise heimzubringen. Die Herkunft der merkwürdigen Judengemeinde ist nach Cordier folgende: Die Juden kamen nach der Einnahme Jerusalems durch Kaiser Titus im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung über Persien nach China. Die Einwanderung fand statt unter der Han-Dynastie, und zwar unter dem Kaiser Ming-ti. Zuweilen wurden sie wohl mit den Bekennern der indischen Religion verwechselt, gewöhnlich und ganz allgemein aber für Muhamedaner gehalten. Sie besaßen zwar hebräische Schriften, aber sie verloren die Kenntniß ihrer Sprache, ebenso wie die Muselmanen in China das Arabisch des Koran verlernten, dessen Verse sie hersagen, ohne den Sinn zu verstehen. Als die Taiping- Rebellen gegen den Norden zogen (1857), wurde die jüdische Kolonie von Kai-fung-fu mit der übrigen Bevölkerung zerstreut, und ihre Mitglieder flüchteten sich in mehrere Städte, selbst bis an das Meeresufer. Ich habe, sagt Cordier, zwei oder drei gekannt, wovon einer mein Schneider war. Sie hatten die typischen Gesichtszüge ihres Stammes, waren aber wie die Chinesen gekleidet und trugen den Zopf. Die meisten sind später nach Kai-fung-fu zurückgekehrt, und Dr. W. A. P. Martin, der sie 1866 besuchte, berichtet, daß ihre Zahl damals nicht mehr als 300 bis 400 betrug und daß sie alle arm waren. Einige von ihnen kamen 1870 nach Peking, um Geldunterstützungen zu erlangen, mußten aber, ohne wesentlichen Erfolg zu erzielen, wieder heimkehren. Zwei von ihnen sind nach Cordier Mandarinen, bekennen sich also, wenigstens der Form nach, ztt Confucius, ein dritter ist buddhistischer Priester. Briefkasten der Redaktion. I. R. in A.: Beiträge erwünscht. Frau E. in H.: Wie Sie aus heutiger Nummer ersehen, entsprechen wir Ihrem Wunsche. T ß h s 81 Dom Dünntet einst herab ich liam. Oec, Schöpfers Macht nu.b Enil' zu zeigen: Ich bin ein deutscher Mädcheunam', Dvirst meinen ersten üaui Pu streichen. H. 31 tt f S ij f n n g. des Räthsels in Nr. i (ne re Hauprblati): Der Buchstabe „■$(". NtrZxkige Döfnngorr sandten oirr: Secligmann Bär Bambcrger in Pari:. Jakob Auerbach, Seminarist der Bilduugsanstalr für iüd. pehrer zu Hannover. Mina Herz in Waistrtrüdingen. Babenc Stein Wwe. in Wenings b. Büdingen. Felix Lehmann in Stettin. Saloiuon pcvv in Hamburg. D. Drenind in Nifhcim. Einer. Lehrer Schlesinger in Mergentheim. Verantwortliche Redaclion: Oscar Leb mann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schoirstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag oer Job. Wirth'schen Hssduchdruckerei-Actien-Gcseüschast in Mainz.