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Der Israelit · 1891-01-08 · Heft 3 (8.1.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 3 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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84 tocrbett immer dichter die Nebel, die sie dem Blicke verhüllen, immer crasser die Entstellungen, immer greller das Zerrbild, das von ihr, dem Urbild aller ethischen Schöne, dem lauteren Quell alles Neinmenschlichen, Wahren und Guten, in den Vorstellungen der Menschen erzeugt wird, der jüdischen und der nichtjüdischen Menschen, „der Kinder, die sie geboren und der Kinder, die sie erzogen?" (Iei 51, 18). Da ist es wahrlich Zeit uns aufzuraffen. Man spricht vom Judenthum als der Verkörperung einer niederen, von einer anderen Religion und Cultur längst in den Schatten gestellten Culturstufe, beschuldigt es engherziger nationaler Beschränkung, seine Ideale lägen in ganz anderer Richtung, hätten ganz andere Ziele, als die der arischen Cultnrmenschheit, und soweit sie denselben nicht feindlich entgegengesetzt, seien sie von ihnen längst überholt. Erheben wir uns denn einmal zu der ganzen Höhe des 6n äs siöeltz im ernsten Sinne, prüfen wir die ernsten Bestrebungen aller der verdienten Männer in den europäischen Culturstaaten, die im Dienste der fortschreitenden Entwickelung für die Förderung des Guten undseineVerwirklichung, getragen von den Hoffnungen und Wünschen der Völker, ihre besten Kräfte einsetzen; prüfen wir jene Bestrebungen und diese mehr oder minder klar erkannten Ziele im Licht' des Judenthums, indem wir uns die jüdischen Ideale in diesen Beziehungen vergegenwärtigen. Da dürfte sich's denn ergeben, daß alle diese Bestrebungen, sofern sie in Wahrheit zur Förderung des Gesammtheiles und der Gesammtwohlfahrt gereichen, weit entfernt sie überholt zu haben, vielmehr nur die ersten Etappen sind auf dem Wege zu jenen jüdischen Idealen. Ergeben dürfte sich dann ferner, daß eben deßhalb der Jude als solcher der eifrigste Förderer aller dieser Kulturbeftrebungen sein wird, um so hingebungsvoller und opferfreudiger, je mehr er von dem wahren Geiste des Judenthums durchdrungen ist und je klarer er diese Ideale in sich ausgenommen hat. Zu der rein menschlichen Freude an der Förderung des Guten, zu der besonderen Pflicht derBethätigung derVaterlandsliebe in dessen Verwirklichung kommt für den jüdischen Juden noch der mächtige religiöse Sporn: die Erfüllung der großen abrahamitischen Aufgabe, ronrirpn, Segen zu werden,das Gute zu fördern, wann und wo immer dazu Gelegenheit und Kraft und Vermögen geboten. Wir wissen sehr wohl, daß wir mit diesen Darlegungen die Schürer der öden antisemitischen Bewegung nicht gewinnen werden. Diesen gegenüber ist ( jedes Wort verloren. Nicht sachliche Gründe sind es, die sie treiben, und nicht mit Gründen sind sie zu widerlegen. Tiefer aber, viel tiefer als manche Kreise glauben, dringt das Gift der antisemitischen Verlästerung in die Geister und Gemüther der Zeitgenossen, namentlich in die jüngere Generation. Die wegwerfenden Urtheile über das Judenthum, die so oft vernommen werden, verfehlen nicht, unmerklich Wurzel zu schlagen. Die Menge prüft nicht, gedankenlos nimmt sie fertige Urtheile in sich auf. Täuschen wir uns nicht: auch die den Juden vor Rechtsverkürzung und Rechtsverkümmerung schützen wollen, brechen über das Judenthum, von dessen Wesen sie keine Ahnung haben, gedankenlos den Stab. Diese wären der Belehrung an sich nicht unzugänglich, so schwer cs auch sein mag, von Jugend auf eingesogene Vorurteile zu besiegen, die längst zu axiomatischer Gewißheit erstarkt sind. Gleichwohl nicht zunächst au die nichtjüdischen, auch nicht in erster Linie au die unjüdischen Verächter de- Judenthums wenden sich die folgenden Darlegungen. Sie sind viel' mehr zunächst nach innen gerichtet. Sie möchten zunächst unserem jüngeren Geschlechts zeigen, welch' einen Schatz sie an ihrem Judenthume haben, wie das wohlverstandene, in seinem Geiste begriffene Judenthum kein der zeitgenössischen Wirklichkeit fremdes und entfremdendes Gebiet sei, sondern wie es eben den Pharus bilde inmitten der brandenden Zeitströmungen, und wie aller, was von den erleuchteten und wahrhaft aufgeklärten Geistern angesnebt werde, auf allen Gebieten, in Staat wie in Küche, nichts sei als die Verwirklichung von Idealen, die eben das verkannte und geschmähte Judenthum längst als die ewigen in seinem Kern und Wesen birgt. Nicht der Vergangenheit gehört dieses Judenthum an, sondern diesem Judenthum gehört die Zukunft. Und an der Herbeiführung dieser Zukunft mitzuarbeiten in gewissenhafter Erfüllung ihres Gottesgesetzes und durch gewissenhafte Erfüllung ihres Gottesgesetzes, das sei der Stolz unserer Söhne und Töchter. Nicht eine Scheidewand errichtet somit diese Erkenntniß zwischen ihnen und ihren nichtjüdischen Brüdern, vielmehr innig nahe zu freudiger Mitarbeit bringt sie sie Allen, die nicht in trauriger Verblendung sie zurückweisen. Diese Verblendung selbst wird aber weichen, je mehr es unseren nicht jüdischen Brüdern zur Erkenntniß kommt, daß gerade der jüdische Mensch mit voller Berechtigung als Jude von sich sagen kann: nichts Menschliches ist mir fremd. Und in des Juden Munde ist das wahrlich kein tönend Dichterwort, kein Geringerer als sein Gott und dessen heiliges Gesetz reichen ihm diese Wahrheit und machen ihm ihre Betätigung zur heiligen Lebenspflicht. (Fortsetzung folgt.) f

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