Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1891)
- Date
- 1891-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Erste Beilage;u M 2 des „Israelit.“ Leitender Artikel. Zur Lage in Argentinien. Von Konsul vr. iue<l. Albert Rosenau in München. Es wird gewiß Ihrem geschätzten Leserkreise von Interesse sein, wenn ich der von vielen Seiten an mich gerichteten Bitte nachkommend, Ihnen im Nachfolgenden eine Reihe von Wahrnehmungen nnd Betrachtungen über Land und Leute in Südamerika nnd namentlich in Argentinien übermittele, da gerade dieses Land bei der Neuansiedelung der armen vertriebenen russische Inden nach dem großartigen philantropischen Plane des Baron von .Hirsch vorwiegend in's Auge gefaßt worden ist. Ich selbst kenne Argentinien bis zum Paraguay hinaus, wohin mich meine Thätigkeit als Inspectionsarzt des Departements Nacional de Hygiene geführt hat, nnd da ich in Buenos AyreS während mehrerer Jahre ärztliche Praxis ausübte und Beziehungen zu vielen leitenden Persönlichkeiten unterhielt, so dürfen Sie ans ein relativ compctentes nnd soweit möglich objectves Urtheil über die dortigen Verhältnisse rechnen. WaS zunächst die Fahrt nach den in Betracht kommenden südamerikanischen Ländern anlangt, so haben wir eine Reihe ganz ausgezeichneter Tampservcrbindungen, von denen speziell die neueren, durchweg elektrisch beleuchteten, mit allem Komfort ansgestatteten Kolosse des Norddeutschen Lloyd und die am 5. jeden Monats von Bordeaux abgehenden Dampfer der Messagerles maritimes hervorznheben find. Die Reife selbst dauert 3—4 Wochen nnd wird gegen den Aeguator zu manchmal recht nngcmüthlich, da in einigen Monaten die Hitze recht drückend empfunden wird nnd sich oft bei den dort kreuzenden Passatwinden eine cigenthümlich schwüle, rcspirationSlosc Luft schwer auf die Brust legt, ohne jedoch die Gesundheit der Passagiere zu beeinträchtigen. Von besonderer Wichtigkeit erscheint cs mir, dabei darauf aufmerksam zu machen, daß die in Brasilien während der gelben Fieberperiode anlegenden Dampfer bei der Ankunft in den Laplata-Staaten fast ausnahmslos einer sehr strengen Quarantaine unterworfen sind. Es sind daher bei dem Transporte der jüdischen Auswanderung mit den betreffenden Gesellschaften entsprechende Eontracte zu machen, wonach dieselben womöglich eine direkte Dampserverbindung mit Buenos Ayretz Herstellen müssen, oder doch verhindern, daß während der heißen Jahreszeit mit Rio oder anderen insicirteu Häfen eine Eommunikation stattfindet. Denn die hygienischen Bedingungen in den Quarantaine-Hospitälern sind keine günstigen und auf eine größere Menschenmasse vollständig unzureichende. Für die jüdischen Emigranten soll gesorgt werden durch eine Reihe von Barackenbauten, in denen sie zunächst Unterkunft finden, um von dort aus möglichst rasch nach den neu gegründeten Ackerbau -Eolonien überführt zu werden, so daß also ein längerer Aufenthalt in Buenos Ahres selbst für gewöhnlich ausgeschlossen erscheint. Das Hotelleben in der Hauptstadt ist im Augenblicke relativ billig, da man für ca. 5—8 Pesos (- 6 bis 0 M.) vollständige Pension erhält; jedoch entbehren selbst die besten Hotels vielen europäischen Eomferts nnd eine Reihe von kriechenden nnd hüpfenden Blutsaugern gedeihen in ihnen prächtig nnd ihre Zahl erreicht manchmal eine recht ansehnlche Dimension. Außerdem existiren dort viele sog. Easas annuebladas, welche nur Logis geben (Deux Mondes, Universelle, Heldern.», in denen man aber oft nicht besser aufgehoben ist. Bon den vielen recht vorzüglichen Restaurants werden dem deutschen Geschmacke am Meisten znsagen das sog. Eriterion und Aues Keller, in welchen das im Inland gebraute, gute Quilmes-Bier in großen Qnantiäten vertilgt wird, während der in den Provinzen San Juan und Mendoza gebaute süße Wein unserem Geschmacke weniger znsagt. Was die wichtigsten Elemente der Volksernährung anlangt, so sind dieselben bei der jetzt herrschenden Krisis nm mehr als das Doppelte im Preise gestiegen, heute aber auch sind dieselben im Verhältnisse zu dem hohen Goldagio noch für unsere Preise relativ billig zu nennen. Weißbrod, das fast ausschließlich gegessen wird, dürfte jetzt eben so thencr sein als in Deutschland, Fleisch jedoch wird gar nicht gewogen nnd das Pfund kostet kaum mehr als 25 -30 Pf., während dasselbe auf dem platten Lande noch ganz bedeutend billiger ist. Auch Fische, Gemüse, Salate sind relativ billig, während Hülsenfrüchte nnd Kartoffeln ihrem geringen Anbaue entsprechend höheren Preis erzielen als bei uns. Recht thener sind natürlich alle von Europa eingeführteu Produete und werden eben viele Leute alte süße Gewohnheiten anfgebeu müssen, um dort zu prosperiren. Was die bauliche Anordnung der Stadt Buenos Ayrcs nnd den Hafen anbetrifft, so ist erst in deu^letzten Jahren unter großem Kapitalanfwande ein Seeport gebaut worden, der es ermöglicht, auf anständige Weise an's Land gebracht zu werden, während man früher vom Schiffe erst in einen kleinen Flnßdampfcr und hernach in ein Segelboot umgeladen wurde, nm auf sog. Gorras d. h. kleinen mit Mauleseln bespannten Wagen durch den seichten Sandboden des Flusses die Landungsbrückc zu erreichen. Leider genügen auch die bis heute angelegten Docks dem vergrößerten Verkchrsverhältnisse nicht nnd da der Riesenstrom Laplata allmählich versandet, so enthalten dieselben oft nicht genügend Wasser für tiefgehende Seefahrer, so daß heute schon die innerhalb 6 Jahren entstandene großartige Stadt Laplata zu einem Eonenrrenzhafen geworden ist. Die Straßen der Hauptstadt laufen vom Hafen aus parallell nnd gerade bis zu den hübschen Vorstädten Flores und Belgrano hinaus unter rechtem Winkel sich kreuzend, und bilden so eine Reihe von viereckigen, ganz systematisch angelegten Blocks, sog. Quadras, welche, da auch die Zählung der Häuser in der gleichen einfachen Weise wie in New Pork eingerichtet ist, dem Fremden eine rasche Qrientirung ermöglichen. Die bauliche Anordnung ähnelt der von Mannheim, nur sind die Häuser meist ein- bis zweistöckig, oft recht schmucklos, die Straßen sehr eng, mit