Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-01-05 · Heft 2 (5.1.1891) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 2 (5.1.1891)
Date
1891-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448125--31339-2479135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

19 Nun ist aber in Wahrheit Zeit nicht Geld, und noch viel weniger kann todtcs Geld als Ersatz für die lebendige Zeit gelten. Bei einer Richtung, wie sie jetzt im Schwünge ist, richtet sich alles Sinnen und Trachten auf den Erwerb, auf Geld. Die große Concurrenz, die Schwierigkeit aller Erwerbsverhältnisse, die täglich sich steigernden Bedürfnisse, verlangen nun die Anspannung aller Kräfte und die möglichst vollständige Ausnützung der Zeit. Die Zeit recht sorgfältig ausnützen, heißt Geld verdienen: Zeit ist Geld. Wir fragen nun nicht, ob es recht, ob es billig und vernünftig ist, das ganze Leben einzusetzen, um die Mittel zum Leben zu gewinnen, sondern wir fragen nur, ob es denn auch nur wahr ist, daß Zeit Geld ist. Bringt denn die Ausbeutung der Zeit wirklich nur Gewinn, bringt sie nicht auch ebenso oft Verlust? Haben diejenigen, deren Pläne und Erwartungen fehlgeschlagen sind, nicht ebenso gut die Zeit ausgenützt, ohne daß sie ihnen Geld gebracht hat? Zeit ist höchstens nur zweifelhaftes Geld, aber wenn die Ausnützung der Zeit auch wirklich mit dem Besitz von Geld identisch wäre, niemals kann Geld soviel als Zeit sein. Es ist wahr, mit der Zeit und ihrer richtigen Anwendung kann man Geld erlangen, aber niemals kann man für Geld Zeit erwerben. Wem die Lebensuhr abgelaufen ist, der kann nicht um alle Millionen der Welt auch nur eine einzige Minute erkaufen. Wer daher nur sein Geld hingibt, wo er seine Zeit guten Zwecken widmen sollte, der hat einen sehr ungenügenden Ersatz geleistet. Man glaubt sich zwar heutzutage genügend entschuldigt, wenn man alle höheren Ansprüche mit der Bemerkung von sich weist, man habe keine Zeit. Als ob unsere Zeit nicht auch, ja, in erster Reihe Gott und seinem Dienste gehörte. Wenn wir von allem, was uns Gott gibt, den zehnten Theil für gute Zwecke abzuscheiden verpflichtet sind, gehört dann nicht mindestens der zehnte Theil der 24 Stunden, welche uns Gottes Gnade täglich schenkt, Gott und seinem Dienste? Diese übertriebene Werthschätzung der Zeit auf der einen Sette, und eine noch sinnlosere Vergeudung derselben Zeit andererseits, treibt so wunderliche Blüthen, daß es sich wohl verlohnt, einige derselben hier vorzuführen, wenn dieselben auch nur in mittelbarem Zusammenhang mit dem uns hier zunächst beschäftigenden Gegenstand stehen. Viele dieser Leute, welche fortwährend über den Mangel an Zeit klagen und vielleicht auch den Tag über wirklich mit allem Eifer ihrer Beschäftigung nachgehen, verbringen die Mittagsstunden im Eafö und die Abende in Gesellschaft, Concert und Theater, bei Spiel und anderen Tändeleien. Was ließe sich in dieser täglich und nächtlich hingeworfenen Zeit Gutes und Edles anstreben und vollbringen, wenn den Zeitverschwendern die Zeit wirklich so knapp und so theuer wäre, wie sie vorgeben! Ein befreundeter russischer Kaufmann, der sehr streng religiös lebt, große Kenntnisse der Thora besitzt und dieselben täglich durch fortgesetztes Studium vergrößert, hatte auch seine Söhne in diesem Sinne erzogen. Als dieselben aber das Gymnasium besuchten, stellten sie das Lernen der Thora ein, weil keine Zeit mehr dafür übrig war. Da kam vor einigen Jahren die Verordnung, daß die höheren russischen Lehranstalten nur einen kleinen Prozentsatz jüdischer Schüler aufnehmen dürfen. Die Söhne des Mannes wurden aus dem Gymnasium gewiesen, und Dank dieser Verordnung haben sie jetzt wieder Zeit gefunden, zur Thora zurückzukehren! Wie reich die Vorsehung an Mitteln ist, Leuten, die keine Zeit finden, ihren jüdischen Pflichten zu genügen, Zeit zu schaffen, das spricht in ergreifender Weise Rabbi Don Jizchak Abarbanel in der Einleitung zu seinem Commentar über die Propheten aus. Derselbe schildert dort seinen Reichthum, seinen Einfluß und seine Stellung, die er als Rath des Königs Alphonso in Portugal besaß, und dann seine Flucht, durch die er mit knapper Roth dem Tode entging, dem er durch Verleumdung neidischer Gegner bestimmt war. In der Verbannung, arm und verlassen, durchsucht er seinen ganzen Lebenswandel, um das Vergehen ausfindig zu machen, wodurch er ein so hartes Geschick verdient habe, und kommt zu dem Resultat, daß er im Drange der Staatsgeschäfte keine Zeit und Muße für das Studium der Thora gefunden habe. Jetzt war sie ihm geworden und er benützte sie zu seinem großen Commentar auf die Thora, mit dem er sich ein Denkmal gesetzt hat, durch welches er für alle Zeit im Andenken seines Volkes fortlebt. Dieser Gedanke söhnte ihn so vollkommen aus mit seinem Schicksal, daß er Gott dafür mit den Worten des Psalmisten dankte: „Es geht mir gut, denn ich bin arm geworden, damit ich Dein Gesetz wieder lerne. Theuerer ist mir die Lehre Deines Munde-, als Tausende von Gold und Silber." Für Mitglieder einer Chewra Kadischa, die so oft mit Krankheit und Tod in nächste Berührung kommen, bedarf es dieser Hinweise nicht. Eindringlicher als diese Hinweise sind die Erfahungen, die sie täglich selber machen können. Sie wissen ja am Besten, wie viele Opfer gerade die wilde Hast und die verwegene Jagd nach Geld und Gut fordert, wie es sich bitter rächt, wenn man nur für Erwerb und Genuß, für alles Höhere aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.