Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1891)
- Date
- 1891-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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18 Nun. die Wahrheit wird ja an den Tag kommen, das allerhellende Licht, das von der Kraftgestalt unseres Kaisers ausströmt, wird auch die Nacht des Fanatismus und des tollen Wahnwitzes erhellen. Das walte Gott! Die heiligen Genossenschaften für Gemillnth Chassodim. Mainz, 1. Januar. -n. Wer die Perle der jüdischen Stammestugenden, die thätige Menschenliebe, in ihrer schönsten Fassung sehen will, der werfe mit uns einen Blick auf die Vereine und Genossenschaften, welche sich in jeder jüdischen Gemeinde für diesen Zweck befinden. Daß die jüdischen Herzen wärmer und rascher schlagen, sobald Armuth und Hilflosigkeit an sie appelliren, ist auch außerhalb der Judenheit bekannt. Aber diese hingehende Liebe, welche sich in unseren Kreisen überall bewährt, wo Krankheit und Tod ihre Opfer fordern, wird selbst im eigenen Lager oft nicht genügend gewürdigt, weil sie überall so selbstverständlich und alltäglich ist, daß man eben nicht viel Aufhebens davon macht. Es wird in unserer Zeit viel von Humanität gesprochen und geschrieben und sie wird auch vielfach in einer Weise geübt, die jeden Menschenfreund mit wahrer Freude erfüllen muß. Aber die höchsten Ideale dieser Bestrebungen dürften überall kaum das auch nur anstreben, was unsere heiligen Chewroth seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden bereits verwirklicht haben und täglich verwirklichen. Man hat an vielen Orten, auch in nichtjüdischen Kreisen, Vereine, Corporationen und Hilfskassen gegründet, welche den Zweck haben, in Krankhcits- und Sterbesällen helfend cinzuschreiten, ja sogar der Staat trifft nunmehr Fürsorge für Alter, Siechthum und Krankheit. Diese Hilfe beschränkt sich jedoch überall nur auf pekuniäre Unterstützung. Aber das, was man bei uns Gemillnth Cpassodim, thätige, d. h. diejenige Menschenliebe nennt, die sich nicht auf die kalte Gabe beschränkt, sondern neben derselben noch überall selbst Hand anlegt, um tröstend und helfend die Wunden zu mildern, welche Krankheit und Tod geschlagen, diese Tugend und die Art und Weise, wie sie geübt wird, ist bis auf den heutigen Tag eine jüdische Eigenthümlichkeit geblieben, auf die wir in Wahrheit stolz sein dürfen. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß diese Tugend und die für ihre Ausübung gegründeten Vereine dem Einfluß unserer alles nivellirenden Zeitrichtung sich nicht überall zu entziehen vermochten und an vielen Orten Modifikationen erfahren haben, die man keineswegs als einen Fortschritt bezeichnen kann. — Da in diesen Wintermonaten die Vereine ihre Jahresversammlungen abzuhalten Pflegen, so dürften einige diesbezügliche Bemerkungen geboten erscheinen, um hier und dort eine Anregung zum Besseren zu geben. Die in Rede stehenden Genossenschaften haben, wie bemerkt, den Zweck, in Krankheits- und Sterbefällen außer pekuniärer Unterstützung persönliche Hilfe zu leisten. In manchen Orten bestellt nun ein besonderer Krankenverein — O'dm mpa man — und daneben ein solcher, welcher sich lediglich der Fürsorge für Sterbende und Verstorbene widmet — D'j-iap man man — während in anderen Orten ein und derselbe Verein beide Funktionen übernimmt. Es wird dies meistens von der Größe der Gemeinde und von anderen Umständen abhängen, die hier nicht in Betracht kommen. Was nun Zunächst die Krankcnvercinc betrifft, so verdanken dieselben ihre Entstehung dem hohen Werth, welchen unser Religionsgesetz dem Besuche von Kranken beilegt. Daher der Name dieser Vereine: o»!?in 'npa 'n. Die für diesen Zweck gegründeten Chebroth verpflichteten ursprünglich ihre Mitglieder persönlich jeden Kranken zu besuchen, über das ihm Erforderliche Erkundigung einznziehen und es ihm zu verschaffen und abwechselnd der Reihe nach, wo es nöthig war, Tag und Nacht Wächter- und Wärterdienste zu vollziehen. Mit diesem letzteren Punkte ist es nun heutzutage vielfach anders geworden. Man hat zu solchen anstrengenden, Zeit und Muße beanspruchenden persönlichen Leistungen wenig Neigung und möchte diese Pflicht lieber durch Anstellung bezahlter Wächter und Wärter mit Geld ablösen. Es fehlt leider vielfach das Bewußtsein von der Größe der Mizwa, um die es sich handelt und es fehlt daher auch nicht an Leuten, welche nicht ans religiösem Trieb, sondern sich diesen Vereinen aus Rücksichten der Gegenseitigkeit oder aus anderen Beweggründen anschließen, welche an das ursprüngliche Ideal bei weitem nicht hinanreichcn. Man hat keine Zeit; oder gibt wenigstens vor, keine zu haben. Unsere Zeit der Eisenbahnen und Telegraphen, die jede Minute ausnutzt, hat unter ihren mannigfachen Eigenthümlichkeiten auch die, daß sie niemals Zeit hat. Am wenigsten Zeit hat sie aber für die Ausübung von Mizwoth. Da nun Zeit Geld ist, so ist auch Geld Zeit, und man glaubt mehr als genug gethan zu haben, wenn man Geld für die Zeit, die man nicht guten Zwecken widmen will, offerirt und bezahlte Leute anstellt, für das, was man doch von Haus aus selber thun sollte.