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Der Israelit · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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iö Frankfurt a. M., 28. Dez. Seit jüngsten naun nap entbehren wir die Vorträge des Herrn Direktor Dr. Hirsch "'2. Diese, sich an die jedesmalige Sidra anlehnenden, seit über 16 Jahre in direktem Aufträge unseres großen Heimgegangenen Rabbiners im Mekor-Chaim-Vereine gehaltenen 1"m-Vorträge sind von großer Bedeutung für die Wege des religiösen Lebens in unserer Gemeinde gewesen. Herr Director Dr. Hirsch '"j, ein Mann, der, anerkannt in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit stehend, eine seltene, allumfassende klassische Bildung mit tiefer, jüdischer Gelehrsamkeit vereint, war durch 40jährigen no* bei seinem Vater b"v\ befähigt, die großartige Auffassung desselben vom Judenthum und die Stellung des Judenthums zu allen die heutige Welt bewegenden Fragen einem zahlreichen Zuhörerkreise in selten klarer, geistvoller Weise darzulegen und seine Hörer, unter Würdigung und Aufklärung über alle, in der Tagesliteratur entgegentretenden Strömungen, zu aufrichtiger Begeisterung für das Judenthum zu entflammen. Der Nutzen/ den diese, seit mehr als 16 Jahre allsabbatlich nach Schluß der Synagoge vor einem sehr zahlreichen Zuhörerkreise gehaltenen Vorträge — auch Frauen und Töchter unserer Gemeinde lauschten ihnen mit Begeisterung — geschaffen, ist ein unberechenbarer. Verstanden sie es ja in emineter Weise die, inmitten einer .dem Religiösen im Allgemeinen und speziell dem orthodoxen Judenthum feindlich gesinnten gebildeten Welt sich bewegenden Zuhörer, mit jener Widerstandskraft gegen die verführenden und irreleitenden Einflüsse auszurüsten, die sie befähigte, der, gerade in unserer Zeit so unendlich wichtigen Aufforderung von b“' wt»n gerecht werden zu können: a»Bm» no jn. Wenn in Frankfurt a. M. in Wahrheit auch die jüngere Generation sich durch aufrichtige Frömmigkeit auszeichnet und vor allem in der Fremde als Muster strenger jüdischer Gewissenhaftigkeit angestaunt wird, und wenn auch eine ganze Reihe junger Leute, die von auswärts hereinkommen nicht die Schule der isr. Religions-Gesellschaft besucht haben, zu echt frommen, gewissenhaften Jehudim geworden sind, so ist das nicht zum wenigsten diesen Vorträgen mit zu verdanken. — Diese Vorträge haben nun ein jähes Ende gefunden. Am 24. d. vereinigten sich deßhalb eine Anzahl Mitglieder des M. Ch.-Vereins, um ihrem langjährigen hochverehrten Lehrer ihr tiefstes Bedauern hierüber auszudrücken , und die Hoffnung auszusprechen, daß dieser für das religiöse Lebe« unserer Gemeinde so bedauerliche Verlust abgewendet werden möge. Frankeuthal. Unser Lehrer und Cantor Singer, der vor einiger Zeit sein 50jähriges Amtsjubiläum feierte, erhielt dieser Tage vom Prinzregenten von Bayern die silberne Medaille des Verdienstordens der bayerischen Krone. O esterr. -U n gar. Monarchie. Wie», 30. Dez. Im Landtage beantragten die Antisemiten statistische Erhebungen, um festzustellen, welchen Glaubensbekenntnissen utib Rassen die Grundbesitzer in Nkeder-Oesterreich angehören. Heute wurde die durch zweimalige Abstinenz der antisemitischen Gemeinderäthe verhinderte Wahl der beiden Vicebürgermeister endlich vorgenommen. Von 74 abgegebenen Stimmen erhielten Stendel 73 Borschke 71, Lueger 1 Stimme. Wien. Der Abgeordnete von Marburg in Hessen hat der Einladung des Herrn Ernst Vergant Folge geleistet jund Wien mit seinem Besuche beglückt. Die Wiener Antisemiten waren dem Aufrufe des „Volkswirthschaftlichen Vereins" gefolgt und hatten sich in den Dreher'scher Lokalitäten auf der Landstraße eingefunden. Auch die antisemitischen Fractionen des Gemeinderathes und des Reichsrathes hatten ihre Vertreter zum Antisemitentage entsendet. Um 10 Uhr eröffnete Ernst Vergani mit der Vorstellung des Polizei-Commissärs Lebzelters als Regierungs-Vertreters die Versammlung. Seine Rede galt der Freude, daß er zum erstenmale dieVorkämpfer des deutschen Antisemitismus in Wien begrüße. Jn kurzen Umrissen entwarf er noch ein Programm des Antisemitismus, den er stets „auf gesetzlichen Boden" gestellt wissen wollte, dann betrat Dr. Böckel, der Führer der nationalen Antisemiten in Deutschland, die Rednertribüne. Die Ausführungen Dr. Böckel's boten drei Hauptmomente, um welche er alles Andere gruppirte. Diese Punkte waren eine Erörterung über das Wesen des Antisemitismus, eine Philippika gegen die Uneinigkeit im eigenen Lager und eine Aufforderung zu einer Rettungs- Action für das hiesige antisemitische Parteiblatt. Jn den allgemeinen Ausführungen über den Antisemitismus in Deutschland besprach Böckel die Gefahr, welche der Bewegung durch die Lsozial-Demokratie drohe, und hob hervor, daß sie noch einerbedeutenden Erstarkung zur Lebensfähigkeit bedürfe und daß Uneinigkeit im eigenen Lager herrsche. Mannesmuth und Charakterstärke gehörten dazu, um Antisemit zu sein, und jeder Antisemit sei — ein Märtyrer für die heilige Idee der Volksbeglückung. Natürlich sei er einer der Hauptmärtyrer, und viele Stacheln der Dornenkrone, die ertrage, hatten ihm die eigenen Parteigenossen ins blutende Fleisch gedrückt. Das fei schwer kränkend.

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