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Der Israelit · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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11 Die antisemitische Partei komme ihm vor wie zwei Aerzte, von denen der Eine seine allopathische, der Andere seine homöopathische Heilmethode bei einem Kranken in Anwendung bringen wolle und die sich nachher, den Patienten außer Acht lassend, in die Haare fahren. Er empfehle eine „praktische Politik", keinen Kampf mit Worten, sondern mit Thaten; die Schaffung eigener Märkte, die Bildung eigener Genossenschaften und Banken, die einmüthige Verweisung anderer Händler als arischer von den Verkaufsplätzen, die Unterdrückung des Hausirhandels, vor Allem aber Einigkeit, gemeinsames Handeln, um es zu verhüten, daß der „bedauerliche Fall" eintrete, von welchem ein bekanntes Gedicht über ein hungerndes Kind erzähle: „Und als das Brod gebacken war, lag das Kind auf der Todtenbahr!" „Getrennt marschiren, aber vereint schlagen", müsse jederzeit die Losung des Antisemitismus sein. Mit der Vollkraft seiner Lungen trat Dr. Böckel für das Blatt des Herrn Vergant ein. Es wäre, sagte der Redner, jammerschade, wenn in Bälde die traurige Nachricht käme, das erwähnte Journal habe sein Erscheinen aus Mangel an Betheiligung seitens des Volkes einstellen müssen. Dr. Lueger sprach das Schlußwort. Er unterschreibe Wort für Wort was Dr. Böckel gesagt, und freue sich, ihm persönlich und im Namen der Erschienenen danken zu können. Auch er werde stets den Kampf gegen Judenthum und Großkapital fortführen. Vergani schloß um 12 Uhr die Versammlung mit der Ermahnung, recht zahlreich beim abendlichen Antisemitenfeste zu erscheinen, zu welchem noch Karten zu 40 kr. erhältlich seien. Italien. Rom. Die allgemeinen Wahlen nahmen einen für die jüdischen Eandidaten der Deputirtenkammer recht günstigen Verlauf. Die Kammer weist jetzt neun jüdische Mitglieder auf — die größte Zahl, welche jemals in dem italienischen Parlamente saß. Sechs derselben gehörten bereits der letzten Kammer an, nämlich die Herr en Ailrib, Cavalieri, Franchetti, Levi, Luzzatti und Romani Jacur — drei wurden zum ersten Male gewählt: Baron Alberto Treveo, Sgr. Margo Donato und Sgr. Salvatore Barzilai, letzterer in Rom. Sgr. Manroganato, welcher keine Wiederwahl anstrcbte, wurde mit königlichem Decrete, welches am 28. November im Amtsblatte publicirt wurde, zum Mitgliede des Senates ernannt. Manroganato war seit 1866 Vertreter eines Wahlkreises in der Provinz Venedig. Seit mehreren Jahren Vicepräsident der Kammer, war er dank seiner eingehenden Kenntnisse der Finanzen einer der einflußreichsten Mitglieder der Budgetcommission. Amerika. Baltimore, 1. Dezember. Im Aufträge der „Israelitischen Alliance von Amerika" hatte Rabbiner Dr. H. W. Schneeberger, der Präsident des Baltimorer Zweiges, gestern Nachmittag eine Maffen- Versammlung nach der „Carroll-Halle" berufen, zu welcher sich ca. 250 Personen eingefunden hatten. Dr. Schneeberger eröffnete die Versammlung, deren Zweck es war, über bessere Mittel und Wege zur Unterstützung und Weiterhilfe der durch die Grausamkeiten der Regierung aus Rußland verttiebenen Juden zu berathen. In seiner Rede sagte Dr. Schueeberger, daß vor vier Monaten in Philadelphia die Idee angeregt worden sei, Ackerbau-Kolonien für die von Rußland Vertriebenen hier zu gründen, und diese Idee sei überall zustimmend ausgenommen worden. Es müsse Etwas geschehen, um jene Leute zu unterstützen; denn die grausamen Erlasse des Czaren von 1882 gegen die vier Millionen Juden in Rußland würden vollstreckt, und in nächster Zeit schon könnte man vermehrten Zuzug erwarten. Es sei ein trauriger Zustand, daß man am Schluffe des 19. Jahrhunderts glauben müsse, das 15. Jahrhundert mit seinen Greueln sei in dem östlichen Europa noch nicht vorüber. Tausende von Unterdrückten in Rußland suchten nach Amerika zu kommen. Es sei die Pflicht der hiesigen Glaubensgenossen, den Vertriebenen unter dem Sternenbanner eine neue Heimath zu gründen. Der Arbettsmarkt in den Küstenplätzen sei überfüllt, und er behaupte, daß jeder Jude ein guter Landarbeiter werden und mit leichterer Mühe sein Leben auf der Farm fristen könnte, als in den Fabriken der Stadt zu verkümmern. In New-Jersey seien drei solcher Kolonien, welche sich als durchaus erfolgreich erwiesen hätten. Das Land solle den Etngewanderten nicht geschenkt werden, sondern man wolle diesen Leuten nur den Weg zeigen, sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen, und ihnen dazu die nothwendige Hilfe gewähren; später müßten sie für das Land bezahlen. „Es gibt kein Land unter der Sonne", fuhr Dr. Schneeberger fort, „das den Armen mehr geben kann, als dieses gottgesegnete Amerika." Es seien Plätze in unmittelbarer Nähe der Stadt Baltimore, welche man für solche Zwecke erwerben könne. Nach den Schilderungen von selbst miterlebten Greuelthaten in Europa forderte der Redner die Anwesenden auf, dem Baltimorer Zweige der „Israelitischen Alliance" beizutreten. Auch Vereine, Logen, Gemeinden u. s. w. sollten sich durch Repräsentanten vertreten lassen. Die „Alliance" werde, wenn sie die nöthigen Mittel habe, schon für die weiteren Schritte sorgen.

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