Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 Judenthums thut uns Noth, theils um aus derselben unsere weltgeschichtliche Stellung inmitten der Völker, theils um den Character unseres Volkes zu kennen; denn der Character eines Volkes spiegelt sich in dessen Geschichte wider, die nichts anderes ist, als die Entwickelung der eigenen Natur unter den mannigfachen Einflüssen der Außenwelt. Die Kenntniß von Geschichte und Literatur ist aber auch aus rein religiösem Grunde von höchster Bedeutung. Unsere Zeit ist auch zur Beförderung der Religiösität sehr günstig. Diesen günstigen Character verlieh ihr der Antisemitismus. Die uns so empfindlich treffende Gottesgeißel hat, so oft wir nahe daran, unsere Stellung im völkergeschtchtlichen Kreise zu verkennen und in der Abstreifung unserer jüdischen Eigenthümlichkett Heil zu suchen — stets Ernüchterung und ein Anfdämmern jüdischen Bewußtseins in der Mitte Israels zur Folge, erzeugt eine religiöse Stimmung selbst in den Gemüthern solcher Menschen, die sonst bereit wären, das ganze Judenthum dem freundlichen Händedruck eines Nichtjuden hinzuopfern. Diese, durch den Antisemitismus erzeugte, religiöse Stimmung muß benutzt werden. Denn die Jrrreligiösität unserer Tage hat nicht bloß in der materialistischen Strömung, sondern vorzugsweise in der Unkenntniß und Verkennung des Judenthums ihren Grund. Die Unkenntniß und Verkennung erzeugt Interesselosigkeit und Nichtachtung, von da aber bis zur völligen Lossagung vom Judenthum ist nur ein Schritt. Daher müssen unsere Glaubensbrüder, soll die Religiösität zunehmen, das Judenthum achten lernen, Achtung erzeugt Liebe und diese führt nothwendigerweise zur innigen und tiefen Religiösität. Diese Achtung wird am ehesten durch Kenntniß der Geschichte und Literatur erzeugt werden. Wohl muß aus dem tieferen Eindringen in den Geist der Thoragesetze die Hochachtung vor den erhabenen Ideen derselben von selbst in uns entstehen, jedoM das Forschen ist nicht Jedermanns Sache. TÄM kommt, daß dem Resultate der Forschung stets die Subjektivität anhaftet und das Ergebniß derselben oft nicht von entscheidender Bedeutung ist für die Verbindlichkeit der Gesetze. Die geistreichste Motivirung der Thoragesetze wird als etwas rein Individuelles nicht die Hochachtung vor dem Judenthum in Jedermanns Brust erwecken. Ganz anders bet einer lebendigen Darstellung der vom Gottesscbutze zeugenden Geschichtsepochen und der durch die Macht der Poesie in majestätischer Wahrheit vor uns tretenden herrlichen Ideen der jüdischen Literatur! Hier reden die Thatsachen, die Poesie übt ihre Anziehungskraft, es ist alles objectiv. Die durch Kenntniß der Geschichte und Literatur in uns erzeugte Hochachtung vor dem Judenthum wird schon deßhalb eine dauernde sein, weil sie das Product der eigenen Anschauung ist. — Wie aber der krassen Unkenntniß der Geschichte und Literatur steuern? In alten Zeiten lebte eine Sage, daß rpffö kommen werde, sobald das deutsche Kaiserreich erstehen wird. Wahrlich, wir könnten viel vom neuen deutschen Kaiserreich lernen! Die Deutschen lagen so lange tief darnieder, als sie das deutsche Bewußtsein verleugnend, vor fremdländischen Machthabern, denen das Glück gelächelt, im Staube krochen; in dem Momente, da in den Deutschen das deutsche Selbstbewußtsein wieder erwachte, stand das deutsche Reich in nie geahnter Herrlichkeit da! Auch das Judenthum wird erst dann vor Verkennung und Verachtung beschützt werden, wenn die Anhänger desselben ihrer jüdischen Bestimmung inne werden und derselben mit Begeisterung und Hochachtung anhangen. Nähern wir uns nur dem in der Geschichte Israels sich äußernden Gottesgeiste, den die Literatur Israels durchziehenden herrlichen Ideen und den in derselben als Musterbilder prangenden Jdealgestalten. Schöpfen wir an der Quelle des Judenthums und sehen wir zu, ob unser Geist keine Befriedigung findet und unser Herz sich nicht begeistern werde für das Judenthum, ob an die Stelle der herrschenden Gleichgiltigkeit nicht treten werde tiefinnige Religiösität durch Kenntniß unserer Geschichte und Literatur und vor Allem durch Kenntniß unserer heiligen Thora. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmstadt, 14. Dezember. Zu den von den Antisemiten am meisten angefeindeten Persönlichkeiten gehört der Präsident des großherzoglich hessischen Oberkonsistoriums, Wirkl. Geheimrath Dr. Goldmann, den sie für den bekannten Erlaß der obersten protestantischen Kirchenbehörde des Großherzogthums, durch welchen der Kreuzzng gegen die Juden als unchristlich nachgewiesen und die Verwerflichkeit der antisemitischen Agitation dargelegt wird, verantwortlich machen. Geheimrath Goldmann bekleidet schon seit vielen Jahren auch das Ehrenamt des ersten Präsidenten des landwirthschaftlichen Vereins der Provinz Starkenburg, hatte aber bereits vor längerer Zeit die Absicht ausgesprochen, in Folge seines vorgeschrittenen Lebensalters jenes Amt mit Ende dieses Jahres niederzulegen. Als nun der erwähnte Erlaß des Ober-Konsistoriums erschienen war, forderte Dr. Böckel in seinem „Reichsherold" die Mitglieder des Landwirthschaftlichen Vereins