Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXII. Jahrg. M 1 •' Israelit Jeschurun. Zritschrlfl ist förDening jilD. Geilte« unö jöd. Dens in Uns. Gemeinde Md Kchnir. Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLöum. Begründet von Vr Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 1 Januar ). Leitender Artikel. Was uns Hlotß Itiut. Von Rabbiner vr. M. I u n g, Ung. Bro d. Im Leben eines jeden Volkes gibt es bestimmte Momente, die von entscheidender Bedeutung für dessen ganze Zukunft sind. Häufig treten unvcrmuthet Umstände ein, die besonders günstig zur Beförderung des Idealen, Momente, in denen mit leichter Mühe und binnen kurzer Zeit sich wett mehr ausrichten läßt, als sonst durch den größten Aufwand von Kraft und Zeit. Bieten sich solch' günstige Momente dar, so ist es heilige Pflicht der Volksführer, dieselben nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, sondern sie unverzüglich zu benutzen; denn nichts ist kürzer und flüchtiger in seiner Dauer, als die günstigen Augenblicke. Wir können nie mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß die Stimmung der Gemütber, die heute einem idealen Streben geneigt, nicht in der nächsten Stunde in das Entgegengesetzte verwandelt wird. Doch auch die günstigen Zeitmomente führen oft Schwierigkeiten mit sich, die erst dann zu Tage treten, so man zu handeln beginnt. Sind wir erst überzeugt von der günstigen Natur eines Momentes, so darf uns kein Hinderniß zu groß« sein, wir müssen vielmehr bedenken, daß günstige Zeitmomente durch die Entschlossenheit, mit der man sich ihrer bemächtigt, meist erst vollends günstig werden, müssen, gar oft mit Kühnheit Vorgehen, da der günstige Moment sehr flüchtig und, jetzt versäumt, nie mehr wiederkehrt. Klagend ruft daher der Psalmist aus: -irrvin nsn ,m\b ny Schon das unbenützte Vorübergehenlaffeu günstiger Augenblicke, da das Volk mit Leichtigkeit zur idealen Höhe hätte emporgetragen werden können, ist eine Unterlassungssünde; umwievielmehr, wenn Männer, die Einfluß haben aus das Herz des Volkes, in Zeiten, die geschaffen scheinen, ideale Bestrebungen in Schwung zu bringen, ihre ganze Kraft zur Hemmung der günstigen Stimmung gebrauchen und dadurch die Versumpfung der Zukunft verschulden! Als eine Zeit, die besonders geeignet ist zum Jnslebenrnfen solcher Veranstaltungen, die geeignet zur Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins beizntragen, ist unsere Zeit zu erachten. Man dürfte wohl unser Jahrhundert das Jahrhundert der Jndividualitätsentwickelung nennen. Im Schoße der Völker ist der Genius der Nationalitäten erwacht, der Nationalitätsgedanke tritt überall in den Vordergrund, die Völker verwenden die größte Sorgfalt auf die Pflege und Erhaltung ihrer nationalen Eigenthnmlichkeiten, eine gründliche Kenntniß der nationalen Geschichte und Literatur gehört zur Hauptbedingung allgemeiner Bildung. Die größtmögliche Entfaltung der eigenen Individualität ist der einzige ideale Zug in unserem materialistischen Zeitalter, und ist ein mächtiger Factor zur Beförderung des allgemeinen Fortschritts. Wir sehen selbst Völker, die eine armselige Literatur haben, eine niedere Kulturstufe eiunehmen, mit dem größten Eifer für die Wahrung ihrer Nationalität eintreren. Fordert eine solche Zeit nicht auch uns Juden auf, etwas zur Erhaltung unseres Judcnthnms zu thun? Ist eine solche Zeit nicht günstig, Maßregeln zu treffen, zur Wahrung unserer jüdischen Eigenart? Ist es nicht höchst traurig, daß die meisten unserer Mitbrüder die Geschichte des Inden- MN ms nicht kennen, des Judenthums, das den mo- Hiischen, sittlichen und religiösen Fortschritt gewaltig befördert? Ist es nicht beschämend, daß die Inden ihre eigene Literatur nicht kennen, die ruhig an die Seite der schönsten Erzeugnisse des klassischen Alterthums sich stellen darf? Wir, die tausendmal im Tage durch die Liebenswürdigkeit so mancher unserer nichtjüdischen Mitbrüder daran erinnert werden, daß wir Juden sind, sollten es nicht wissen, wcßhalb wir es sind? Wir, deren Mission es ist, der Welt als leuchtendes Beispiel voranzugehen, sollen uns durch Völker, ixu zanpo, beschämen lassen, die ihre unbedeutenden Literaturen pflegen, während wir unsere göttliche und deßhalb unübertreffliche vernachlässigen? Die Kenntniß der Geschichte und Literatur des l