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Der Israelit · 1890-12-29 · Heft 102 (29.12.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 102 (29.12.1890)
Date
1890-12-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1838 Mutter und Kind, aber führte dadurch seinen frühzeitigen Tod herbei. „Der Vater hatte sich bei einer Operation, die er vornehmen mußte, körperlich schwer angestrengt, hatte unvorsichtigerweise in der kühlen Herbstnacht, schweißgebadet, die Hütte des Taglöhners verlassen und sich hierdurch eine starke Erkältung zugezogen. Die Lungenentzündung, die zuerst auftrat, artete zu einem unheilbaren Brustübel aus, dem er nach zweijährigem, schweren Siechthum erlag. Ich verlebte wahrend seiner langen Krankheit eine entsetzlich harte Zeit. Mein Vater, an's Siechenlager gefesselt, war selbstverständlich erwerbsunfähig. Er hatte Vermögen weder geerbt, noch erheirathet, noch in seinem Berufe zu sammeln vermocht; ich mußte daher meinen Vater und mich selbst erhalten und konnte dies nur durch Unterrichtertheilen, eine Beschäftigung, die in dem kleinen, zumeist von unbemittelten Leuten bewohnten Städtchen, schlecht bezahlt wurde. Ich mußte mich übermäßig anstrengen; ich ließ es meinem Vater an nichts fehlen, während ich selbst manchen Tag nichts als ein mäßig großes Stück Brod in den Mund nahm. Dabei mußte ich oft noch ganze Nächte an dem Bette meines Vaters fitzen. Sein Brustleiden hatte, namentlich in letzter Zeit, so zugenommen, daß der arme, gequälte Mann nicht lange in einer Stellung verharren konnte, dieselbe fortwährend ändern mußte. Wenn ich nun, am Rande seines Bettes sitzend, seine magere, durchsichtige Hand in meiner Rechten hielt und er mir beim malten Scheine eines Lämpchens liebevoll in's Gesicht blickte, oder ich ihm etwas vorlas, konnte er doch für kurze Zeit seine körperlichen Leiden vergessen. — Hätte diese für mich auch geistig aufreibende Lebensweise bei ungenügender Ernährung länger angehalten, ich wäre erlegen!" „Armer, lieber Vater!" seufzte Therese und streichelte ihm mitleidig die Wange. „In meiner härtesten Bedrängniß stieg wohl der Gedanke in mir auf, mich an die reichen Geschwister meiner Mutter zu wenden, aber einerseits war ich kindisch genug, mich unserer unverschuldeten Armuth zu schämen, anderseits hielt ich es für eine Kindes- und Ehrenpflicht, so lange ich es irgendwie vermochte, meinen Barer aus eigener Kraft zu erhalten. Endlich erlöste der Allbarmherzige den armen Dulder von seinen Leiden; — ich senkte die irdische Hülle meines Vaters neben jene meiner Mutter in die Gruft. „Ich stand nun, ein zwanzigjähriger Jüngling, in meiner Vaterstadt ganz allein. Ich hatte zwei volle Jahre, die mich, wenn ich die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollte, meinem Ziele näher gebracht hätten, versäumt, und während ich früher beabsichtigt hatte, den Beruf meines Vaters zu wählen, hatten dessen traurigen Lebenserfolge mich in meinem Entschlüsse schwankend gemacht, überdies besaß ich nicht die Mittel zur Reise nach der Haupt- und Universitätsstadt, noch weniger jene, mich dort zu erhalten. Ich wußte nicht, was ich beginnen sollte; sollte ich noch ferner in meinem Geburtsorte bleiben, mein Leben kümmerlich durch Unterrichtertheilen fristen, ohne einem erreichbaren Ziele zuzustreben? In dem kleinen Orte gab es nicht einmal einen Menschen, dem ich zutrauen mochte, mir einen vernünftigen Rath zu ertheilen. Endlich entschloß ich mich, mich an den Ehef der Familie meiner Mutter, an Onkel Josef zu wenden, ihn zu bitten, mir seine Meinung, welchen Lebensweg ich einschlagen sollte, zu schreiben. Natürlich konnte ich hier die Mißlichkeit meiner Lage nicht verheimlichen, und es nicht verschweigen, daß ich die Universität nur dann beziehen könnte, wenn mir Freunde und Gönner in der mir fremden Stadt Unterrichtsstunden verschaffen würden." (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jrschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstag-, jedeSmal in mindesten» 2 Bogen. Preis de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 ReichS-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel t» bestehe« bei E. F. Ktrtnacker, Leipstg, Roßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco «n-nfenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Des Propheten Habakuk Weissagung (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Darmstadt. Frankfurt a. M. Laupheim. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Ung. Brod. Rußland: Moskau. — Belgien: Brüssel. — Griechenland: Athen. — Palästina: Jerusalem. — Egypten: Alexandrien. — Amerika: New-Aork. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Inhalt der Beilage: Literarischer Bericht. —Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu: Deutschland: Berlin. München. — Holland: Amsterdam. — Frankreich: Paris. — Feuilleton: Ein Seitenstück zu den Weibern von Weinsberg. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaetion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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