Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 102 (29.12.1890)
- Date
- 1890-12-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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„Er wollte unsere Therese zum Weibe; . . . . ich glaubte einen gewichtigen Grund zu haben, ihm sie zu verweigern. Vor Kurzem erkannte ich zu meiner böchsten Freude, daß ich mich in einem tiefbedauerlichen Jrrthum befunden. Jetzt geben wir, Pauline und ich, ihm unser Kind mit unserem besten, reichsten Segen!" „Du lieber, guter, theuerer Mann!" rief Pauline überglücklich und flog ihrem Gatten an den Hals. „Väterchen, Du goldenes, herziges!" rief Therese, während heller Purpur ihre Wangen überlohte, sie Speier's Hände ergriff, stürmisch küßte und mit heißen Freudenthränen benetzte. „Philipp," sprach Hanna Perlberg, „daß Du meines Enkels heißesten Wunsch erfüllst, ihm Therese zur Gattin geben willst, freut mich gar sehr, nichts könnte mich auf dieser irdischen Welt höher beglücken! Daß Du aber einen Grund gehabt, dem Glücke Deines Kindes entgegenzutreten, begreife ich nicht; — und fast weniger noch, daß Du vor Kurzem erkanntest, Du hattest Unrecht." „Ich habe mit märchenhafter Plötzlichkeit in einem Momente erkannt, daß ich mich seit langer Zeit in einem Jrrthume befunden, der an meiner Seele nagte, einen Theil meines Lebens verdunkelte! Ich fühle Euch allen gegenüber die Pflicht, mein seltsam erscheinendes Behüben zu erklären; — allein wenn mein Gefühl und mein Empfinden verstanden, richtig erfaßt werden soll, muß ich in meiner Erzählung weit zurückgehen. Der größte Theil wird Euch, Dir, Tante, und Dir, liebe Panline, bekannt sein, aber Theresen mußte ich als harter, grausamer Vater erscheinen, und zumeist vor dieser muß ich mich entschuldigen." „Du bist der beste, liebste, herrlichste Vater!" jubelte Therese. „Diese schmeichelhafte Titulaturen." meinte Speier lächelnd, „habe ich lange, habe ich, seit Theodor Perlberg von uns geschieden, entbehren müssen!" Aber als er nach kurzer Pause wieder das Wort ergriff, waren seine Züge wieder tief ernst. „Mein Großvater, Jsak Mandelbaum, war ein frommer, gelehrter, allgemein geachteter, aber unbemittelter Mann. Er besaß zwei Töchter und einen Sohn und alle seine Kinder galten schon in ihrer Jugend als Muster von Schönheit, Klugheit und Sittsamkeit und ihre natürlichen Anlagen gelangten durch eine vortreffliche Erziehung zu voller Ausbildung. Jedes dieser Kinder war um fünf Jahre älter, als das nachfolgende. Tante Hanna — Gott erhalte sie uns noch lange gesund und glücklich — war das älteste, meine Mutter das zweite, Onkel Josef, später mein Schwiegervater, das jüngste Kind. Als meine Großeltern starben, mußte die zwanzigjährige Tante Hanna an Bruder und Schwester Elternstelle vertreten. „Alle drei Geschwister waren so glücklich, Ehen aus Neigung einzugehen. Tante Hanna hatte das Herz Hermann Perlberg's, des einzigen Sohnes eines reichen Tuchhändlers gewonnen; meine liebe Mutter, von vielen Bewerbern umschwärmt, hatte sich für meinen Vater, einen unbemittelten Jüngling, der hier Medizin studirte und ihr Lehrer gewesen, entschieden, und war dem Gatten ihrer Wahl, nachdem er den Doctorgrad erlangt hatte, nach seiner Heimath, einem mährischen Städtchen, gefolgt. Mein Onkel Josef, ein sehr fein gebildeter Mann, wurde der Schwiegersohn des reichen Großhändlers Jonathan Goldenkron, und da seine Frau das einzige Kind ihrer Eltern war, auch ein sehrreicher Mann. Eigenthümlicherweise hatte jedes dieser Geschwister nur ein Kind. Tante Hanna einen Sohn, Jakob, meine liebe Mutter mich, Onkel Josef eine Tochter, meine liebe Pauline, und zwischen diesen drei Geschwisterkindern bestand genau derselbe Altersunterschied, welcher zwischen ihren Eltern bestanden hatte. Ich erblickte um fünf Jahre später als mein Cousin Jakob, und um fünf Jahre früher als mein Mühmchen Pauline das Licht der Welt. — Ich hatte das Unglück, bald nach meiner Geburt meine theuere Mutter zu verlieren. Mein Vater bewahrte ihr die Treue bis über's Grab hinaus, er ging keine zweite Ehe ein, und der nun alleinstehende Mann — er hatte weder Eltern, noch Geschwister am Leben — übertrug seine ganze, ungetheilte Liebe auf mich. Er führte eine harte, kümmerliche Existenz. Er practicirte meistens bei armen Leuten, die sich am liebsten an ihn, den edlen Menschenfreund, wandten, der nur von notorisch Wohlhabenden Honorar annahm, von minder Bemittelten jede Entschädigung zurückwies, und den Armen nicht nur unentgeltlich Arzneien verabreichte, sondern sie auch oft mit baarem Gelde beschenkte. „Mein Vater wollte mir allgemeine Bildung zugänglich machen, ließ mich das Gymnasium meiner Vaterstadt besuchen und wollte mir, nachdem ich daffelbe absolvirt haben würde, die Standeswahl überlassen. „Wenige Tage, nachdem ich die Maturitätsprüfung abgelegt hatte, trat plötzlich eine traurige Wendung in unseren Verhältnissen ein. Der Vater war in einer stürmischen Herbstnacht von einem Taglöhner aus einem eine Stunde von der Stadt entfernten Dorfe zu dessen Frau, die einem Kinde das Leben geben sollte, in Lebensgefahr schwebte und rascher, ärztlicher Hilfe bedurfte, gerufen worden. Mein Vater war sofort bereit, dem Manne zu folgen. Er rettete hierdurch zwei Menschenleben,