Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 101 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1822 „Ich hatte keine Idee davon, daß sich in dem Sidur ein Geldbettag befindet", erwiederte die alte Frau nicht minder überrascht, „ich besitze ja kein Vermögen, mein guter, treuer Sohn erhält mich, in keinem Falle ist das Geld mein Eigenthum. Ich habe dieses Sidur nie geöffnet, es lag in einem Kästchen neben meinem Ehering. Das Geld konnte nur meinem Bruder Josef und daher nur Euch gehören. Gelobt sei Gott, daß durch eine glückliche Fügung dieser, wie es scheint, nicht unbeträchtliche Betrag, noch bei meinen Lebzeiten in die Hände der rechtmäßigen Besitzer gelangte." Speter wurde purpurroth, ein convulsivisches Zittern durchflog seine kräftige Gestalt, er öffnete zuerst mehrmals die Lippen, aber er schloß sie, ohne ein Wort hervorzubringen; endlich sprach er: „Es sind sechs Tausender Noten, alte Noten, die jetzt vom Staate eingezogen und umgewechselt werden! ah!" er athmete tief auf, wie ein Mensch, dem sich eine schwere Last von der Brust wälzt .... „ja ... ja ... ja, diese sechstausend Gulden gehörten Onkel Josef, sind unser rechtmäßiges Eigenthum!" . . . Nach kurzer Pause fügte er in verändertem Tone ruhiger hinzu: „Josef, verrichten wir das Tischgebet!"^ Gleich nach Beendigung des ^Tischgebetes hob der Hausherr die Tafel auf und schloß das alte Sidur nebst dessen kostbaren Inhalt in einen Schrank ein. Als sich dann nach und nach die geladenen Gäste verabschiedeten und auch Tante Hanna ihrem Beispiele folgen wollte, hielt Speier sie zurück und sprach: „Liede Tante, ich bitte Dich, mir mit meiner Frau und Tochter in mein Kabinet zu folgen, ich habe eine Bitte an Dich zu richten und Euch Allen eine Miltheilung zu machen." Die drei Frauen, Tante, Nichte und Großnichte, folgten Speier in sein Kabinet. Hanna Perlberg und Pauline setzten sich auf das Sopha, Speier rollte sich ein Fauteuil zu diesem und Therese stellte sich neben ihre Mutter, sich an diese anschmiegend. Alle blickten gespannt auf Speier, der, in Gedanken versunken, längere Zeit in Schweigen verharrte, endlich zuckte er aus diesem empor und sprach: „Liebe Tante, Du hast uns gleich bei Deiner Ankunft mitgetheilt, Theodor werde Dienstag hereinkommen, um Dich mit nach B. zu führen. Ich bitte Dich, Tante, diesen Plan aufzugeben, bleib' bei uns!" „Diesen Wunsch kann ich nicht erfüllen", erwiederte Hanna Perlberg mit großer Entschiedenheit. „Theodor ist meines einzigen Sohnes einziges Kind; mein Herz hängt mit tausend unzerreißbaren Fäden an ihm. Seit der Zeit, wo er dem Zwange harter Nothwendigkeit folgend, seine Vaterstadt und mich verließ, fühle ich mich so einsam, daß ich's gar nicht zu schildern vermag. Ich zähle mit verzehrender Ungeduld die Tage, bis Theodor kommt, um mich zu holen, um mich dann die kurze Frist, die mir noch auf dieser Welt beschieden, nie mehr von ihm zu trennen." „Nichts liegt meiner Absicht ferner, als Euch trennen zu wollen", fuhr Speier ruhig fort. Ich bitte Dich, auch Theodor zu schreiben, er möge seine Stelle in B. aufgcben und zu uns zurückkehren." „Das wird er ganz gewiß nicht thuu", erwiederte die alte Frau heftig und ihre bleichen Wangen rötheten sich. „Schreibe ihm, ich kann und will ihn nicht länger in meinem Geschäfte entbehren, ich lasse ihn dringend bitten, mir diese Gefälligkeit zu erweisen. — Ein Dienst ist eines Gegendienstes werth. Wenn er zurückkehrt, will auch ich eine Bitte, die er an mich gerichtet, erfüllen!" (Fortsetzung folgt,) „JSraelit" und „Jrschurun" erscheint wöchentlich zweimal» Montags und Donnerstags, iebeimal in mindesten- 9 Vogen. Preis de- Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Auchhandel jtt beziehe« bei E. F. Kleinacker, Leipjtg, Koßpiatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterrelchische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco «nzustnbe«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Die Renaissance der Thora in Deutschland. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Darmstadt. Gießen. Hamburg. Göttingen. Obornik. Diemeringen. — Oefterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Pesth. Preßburg. Budapest. Nagy-Szöllösch. Galantha. — England: London. — Schweden: Stockholm. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. Pasewalk. Aus Unterfranken. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Brünn. MatterSdorf.— Rußland: Petersburg. — Frankreich: Paris. — Amerika: Philadelphia. Washington. — Palästina: Jerusalem. Inhalt der Extra-Beilage r Spenden-Verzeichnisse._ Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.