Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 100 (22.12.1890)
- Date
- 1890-12-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1809 H ellungsnachrrchterr und Correspondenzen. D c u L s ch l.a n d. Bendorf a. Rh. Ein echter Jehudi ist gestorben, konnten wir ausrufen, als wir am 16. 5^islew (28. November d. I.) die sterbliche Hülle des im Alter von 71 Jahren entschlafenen Herrn Meyer Jacoby, des Begründers der Heil- und Pflege-Anstalt für Nerven- und Gemüthskranke, zu Sayn bei Coblenz. zur letzten Ruhestätte geleiteten. Es würde den Rahmen dieses Nekrologes überschreiten, wollten wir hier die Verdienste, welche dieser Mann sich in einem Leben voller Mühe und Arbeit, für das Judenthum und für die leidende Menschheit erworben, in das rechte Licht stellen. Durch die in der Nähe seines Wohnortes (in Bendorf) seit Ende der 4Oer Jahren bestehenden Privatirrenanstalten gewann der Verblichene schon früh ein lebhaftes Interesse für die armen Geisteskranken, und in seiner Eigenschaft als Vorsteher der Synagogengemeinde Bendorf-Sayn welches Amt er über 30 Jahre lang bekleidete — hatte er auch Gelegenheit mit den Kranken jüdischer Confession häufig in Berührung zu kommen. Mit einem edlen Streben für Alles, was das Judenthum betraf, ausgerüstet, stellte sich der Verklärte auch bald die Frage, ob cs nicht zweckmäßig sei. wenn die unglücklichen geiftesumnachteten Glaubensgenossen in eine Anstalt kommen würden, worin ihnen „koschere" Speisen gereicht, wo sie überhaupt ganz in ihrer gewohnten Weise als Juden leben konnten, da gewisse Gemüthskranke die erste Bedingung zur Heilung doch nur in ener jüdischen Anstalt finden würden. Von verschiedenen Rabbinern und Aerzten, denen er seine Ansicht mitgetheilt, in seinen Gedanken bestärkt, wurde seine Absicht bald zur That. Ende der 60er Jahren gründete Herr Jacoby, nachdem ihm — als Laien — ausnahmsweise die Concession der König!. Regierung zu Coblenz erlheilt worden war, die „Israel. Heil- und Pflege- Anstalt für Nerven- und Gemüthskranke." Wie wollen hier nicht ausführen, wie der Mann in seinem neuen eigenartigen Berufe mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie er es verstand einen hervorragenden Arzt au die Spitze der Anstalt zu stellen, welche pecuniäre Opfer derselbe riskiren mußte, bis die Anstalt endlich in weitern Kreisen bekannt wurde und sich einen Ruf erwarb. Heute wollen wir nur erzählen, was der Verklärte erreicht hat. Weit über die Grenzen des engern Vaterlandes, ja bis in die fernsten überseeischen Länder ist unter den Glaubensgenossen der Ruf der Israelitischen Anstalt zu Sayn verbreitet, und wahrlich er ist ein wohlverdienter. In diesem geschätzten Blatte wurde ihrer ja oft rühmend Erwähnung^gethan und in Nr. 67 des XXX. Jahrgang (1889) eine eingehende Beschreibung von einem Facharzte veröffentlicht. Wenn auch der Verstorbene als Vater einer zahlreichen Familie die Verpflichtung hatte, derselben eine möglichst gesicherte Existenz zu verschaffen, so verband er doch, abgesehen von dem Verdienste, das er sich durch Einrichtung einer Anstalt speciell für Glaubensgenossen an und für sich schon erworben, damit noch die Menschenfreundlichkeit, auch Unbemittelten die Thore seiner Anstalt zu öffnen, und Schreiber dieses hatte oft die Freude, derartige Anträge rasch von ihm erfüllt zu sehen. Herr Jacoby hatte sich sogar durch Wort und Schrift bemüht eine Stiftung für geistig kranke Glaubensgenossen ins Leben zu rufen, doch zu seinem Leidwesen ohne Erfolg. Dem ruhmreichen Leben und Wirken nach außen hin entsprach auch sein Wirken in der eignen Familie und in der Gemeinde. Mit reichem jüdischen Wissen ausgestattet, war er von tiefer Religiosität beseelt. Von der Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute, zeugte die allgemeine Theilnahme bei der Beerdigung, zu welcher eine große Menge Leidtragender aus Nah und Fern herbeieilte, und welche mit bekümmerten Mienen der Trauerrede des Rabbiners aus Coblenz lauschten. Durch die Gründung der Anstalt, welche von seinen in der Leitung derselben seit Jahren mitthätigen Kindern und bewährten Aerzten ganz in dem frommen Sinne des Verstorbenen fortgeführt wird, hat sich Herr Jacoby ein bleibendes Denkmal gesetzt. rram B. L. Memel, Weihefest 5651. Wir erhalten von Herrn Dr. Rülf folgende „Entgegnung": Unter der Neberschrift: „Ein unzeitgemäßer Ausruf" veröffentlicht das Centralcomite der Pariser Alliance Jsraelite in ihren Monatsberichten eine Mißfallens-Aeußerung in Bezug auf den Aufruf zu Gunsten der russischen Glaubensgenoffen von Seiten des ständigen Hülfscomitös zu Memel. Wir haben hierauf zu erwiedern. Das hiesige Comitö hat gethan, was es thun mußte, wenn es sich nicht selbst den Vorwurf der Hartherzigkeit, der Unbrüderlichkeit, ja Unmenschlichkeit machen wollte. Schreiber dieses hat sich von jeher als der entschiedenste Gegner der Auswanderung der Juden aus Rußland öffentlich bekannt und ausgesprochen; er betrachtet diese Auswanderung als ein Unglück für den russischen Staat, ein Unglück für die Auswanderer, ein Unglück für die Glaubensgenoffen der ganzen Welt. Allein bei der Behandlungsweise der Juden in Rußland wäre keine Macht der Welt im Stande gewesen, den Auswanderungsstrom zu hemmen. Seit dem Jahre 1882 sind etwa -200000^ Glaubensge-