Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 100 (22.12.1890)
- Date
- 1890-12-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1810 troffen auSgewandert, darunter waren etwa 50000 verheiratete Männer, welche zum größten Theil Frauen und Kinder zurückließen, um sie erst später, wenn sie ein Unterkommen gefunden, Nachkommen zu lassen. Das ist einem Theile auch gelungen, einem sehr großen Theile aber auch nicht. Das Elend dieser „zurückgelaffenen" Frauen ist geradezu entsetzlich. Die auSgewanderten Männer rufen: Wir sind dazu nicht im Stande, schicket uns unsere Frauen, die in Rußland Hungers sterben. Die Frauen selbst rufen: Schaffet uns zu unfern Männern, wir sterben Hungers; und die furchtbar verarmten Gemeinden rufen: Schaffet diese zurückgelaffenen Frauen fort, damit sie hier nicht Hungers sterben. In keinem Theil der Welt gibt es so viele Wittwen und Waisen, wie in den jüdischen Städten Westrußlands. Die Männer unterliegen allzufrüh dem Elende und der Ueberanstrengung von Kindesbeinen an. Das Elend dieser Wittwen und Waisen ist lange nicht so groß, als das Elend dieser „Zurückgelassenen." Wie viele bereits dem Hunger und dem Elend erlegen sind, — wer kann's wissen? Ein Kind siecht nach dem andern hin und zuletzt erliegt auch die Mutter den Sorgen und Qualen. Was können die furchtbar herabgekommenen Gemeinden für diese Unglücklichen thun? Gar nicht-! Es giebt Gemeinden, die bis 3000 Seelen zählen und darunter auch nicht Einer, der mehr hätte, als das tägliche Brod. Hierzu kommen nun noch die Mafien der Vertriebenen, Ausgewiesenen, Verfolgten und Beraubten, die sich nach und nach in den Gemeinden eingefunden und angcsammclt haben, und Elend auf Elend häufen. Und nun denke man an diele elenden, zerlumpten, hohläugigenKinder und diese mumienhaften, kraftlosen, hinsiechenden Mütter, wie sie uns selbst hier am Orte täglich vor Augen treten, — und nun denke man sich die von allen Seiten uns zukommenden Hilferufe: „Erbarmt Euch unserer, unserer Frauen und Kinder!" und dann erst nrlheilt, ob wir Recht hatten den Aufruf zu erlassen oder nicht. Wir treiben hier keine Politik, sondern Unterstützungsthätigkeit und bekümmern uns weder um Frankreich noch um Rußland, sondern wir suchen die Unglücklichen zu retten — wenn'S gelingen sollte — die sonst dem unvermeidlichen Untergange verfallen würden. Wie wir in der Begründung unseres an die israelitischen Gemeinden Deutschlands versandten Aufrufs gesagt, ist es unsere Absicht, das bereits im Jahre 1882 begonnene Unterstützungswerk, nachdem es mehrere Jahre aus Mangel an Geldmitteln unterbrochen werden mußte, wieder auszunehmen. Bereits im Jahre 1885 hatte das Comitö den Beschluß gefaßt und durchgeführt, daß fortan nur noch Personen unterstützt werden sollten, welche unzweifelhaft darzuthun im Stande wären, daß sie von ihren nächsten Anverwandten die Heimath zu verlassen und zu ihnen zu kommen aufgefordert worden seien. Im darauffolgenden Jahre, als die Mittel schon sehr knapp zu werden begannen, wurde die Unterstützungsthätigkeit noch weiter durch die Bestimmung eingeschränkt, fortan nur noch Frauen und Kinder zu unterstützen und zu befördern, welche zu den bereits ausgewanderten Männern und Vätern sich hinbegeben wollten. Dieses Programm wird nunmehr auch noch ferner eingehalten oder erweitert, je nachdem uns hierzu die Mittel geboten werden sollten. Von einer Ueberstuthung von Hülfesuchenden und Massenauswanderung nach den Grenzen wie im Jahre 1881—82 kann absolut keine Rede sein; die russischen Glaubensgenossen sind von unserem Vorhaben verständigt, kennen unser Programm ganz genau und wissen, wie weit wir gehen können und dürfen. Einen unzeitgemäßen Aufruf nennt die Alliance in Paris den unsrigen. Wir aber bleiben des Wortes der Schrift eingedenk: „Du sollst nicht stille stehen bei der Blutgefahr deines Nächsten!" Wenn ich jemand ertrinken sehe, dann sehe ich mich nicht lange um nach einem Schwimmgürtel, um auch ganz sicher zu sein, mich und den Ertrinkenden retten zu können, oder gar, wie die Pariser Alliance will, ich gehe nicht erst und lasse den Ofen heizen, damit der später aus dem Wasser Gerettete eine warme Stube finde. Hier heißt es: „Reite die dem Tode Verfallenen!" und wäre es selbst mit eigener Lebensgefahr. Man wird „eine große Verantwortung auf sich laden", wenn man stillschweigt, die Sache hinzögert, oder gar dem zur Rettung gekommenen in den Arm fällt — für dieseu „Nettungsruf" wollen wir die Verantwortung schon übernehmen. Und nun, Ihr Glaubensgenossen aller Welttheile, ergeht nochmals und noch dringender die Bitte: Gebt uns die Mittel, den Unglücklichen Hülfe und Rettung zu bringen. Wir verlangen nur einen ganz kleinen Bruchtheil von Eurem Ueberfluffe. Jeder gespendete Pfennig ist eine Rettungsthat und findet Rettungsdank bei den Unglücklichen und Rettungslohn bei dem Gotte des Heils und der Hülfe. Dr. Rülf. (Anmerk, der Redaction: Wir glauben, daß, wenn das Memeler Comitö in seinem Aufruf wie hier betont hätte, daß es sich nur um die Auswanderung der zurückgebliebenen Frauen handele, das Ceutral-Comit« der „All. Jsr. Univ." in Paris sich nicht gegen dessen Absichten ausgesprochen hätte.) O est err. -U n gar. Monarchie. Pefth. Das Vermögen des im Jahre 1884 in Paris verstorbenen, in Ungarn geborenen Ignaz Reich im Betrage von 38000 fl. wurde, da sämmtliche 95 Personen, die Reich heißen und Anspruch auf die Erbschaft machten, die Verwandtschaft nicht Nachweisen konnten, vom Gerichte dem Staate zuaesprockcn. Briefkasten der Redaetion. L. in D. Wir freuen uns, aus Ihren Mittheilungen zu ersehen, daß uns die Thaisacben nicht richtig berichtet wurden und nehmen unter diesen Umständen natürlich unser hartes Urrheil zurück. Wochcn - Äalcndcr. Freitag, 26. Dezember, 15. Thebet. Sabbat-Anfang 3 Uhr 45 Min. (Mainzer Uhr.) Samstag, 27. Dezember, 16. Thebet. ’ PP 1. Sabbal-Ausgang 4 Uhr 50 Min. (Mainzer Uhr.)