Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 100 (22.12.1890)
- Date
- 1890-12-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1806 Dein volles Leben lang ein echter, rechter, frommer Jude bleiben, dann wirst Du auch stets ein redlicher, edler Mensch sein! Dir wünsche ich, Gott möge Dir das höchste irdische Gut verleihen, das ist — Zufriedenheit! Wer stets zufrieden ist, ist auch glücklich! . . . Ich bringe Dir auch etwas zu Deinem dreizehnten Geburtstage, von dem ich glaube, daß es Dir Freude bereiten wird." Hanna Perlberg öffnete den seidenen Beutel an ihrer Seite, was bei ihren zitternden Händen einiger Zeit bedurfte. „Ich errathe es!" rief Josef freudig, „einen Brief von meinem lieben Theodor, — nicht wahr? — Das wäre mir das Allerliebste!" „Nein," erwiderte die Großtante, „er hat mir nur aufgetragen, Dir seine herzlichsten Wünsche auszusprechen. Er kommt nächsten Dienstag herein, mich abzuholen, da wird er es vielleicht nachträglich persönlich thun.Ich bring' Dir ein Geschenk," und nun zog sie dieses aus der Tasche, „das für mich hohen Werth hatte und Dir wohl als Andenken heilig sein wird!" Alle Anwesenden hatten sich um die Gruppe, welche die alte Frau, der Knabe und dessen Eltern bildeten, geschaart. „Das ist ein Siddur (Gebetbuch), das ich vor sechzig Jahren Deinem Großvater, meinem jüngern Bruder, Reb Josef Mandelbaum, sichrono liwrocho, l) zu seiner Varmizwah geschenkt habe. Die Stickerei auf den Einbanddeckeln habe ich mit eigenen Händen angefertigt, siehst Du? Ein Davidsschild2) aus Goldfäden, in dessen Mitte die Worte: masel toiu3), die Spangen, die es schließen, sind von vergoldetem Silber. Dein Großvater war früh verwaist, ich habe Mutterstelle an ihm vertreten, wir hatten einander sehr geliebt. Er hat mein Geschenk hoch geachtet, und als man mich — in drei Tagen wer¬ 1) Sein Andenken sei gesegnet. 2) Doppeltriangel. 3) Gut Glück! den es genau dreizehn Jahre — an sein Sterbebette rief, da fand ich das Siddur in seinen erkaltenden Händen, er hatte sein letztes Gebet aus dieser irdischen Welt aus meinem Geschenke verrichtet! Ich erbat mir's zurück, als Andenken an den geliebten Bruder, der mir, der älteren Schwester, so lange vorher im Tode voranging! Ich Hab' es nie benützt, ich habe die Spangen desselben nie geöffnet, die Erinnerung an die letzte Stunde meines Bruders, die sein Anblick stets in mir erweckte, hätte jene Gottfreudigleit getrübt, in die sich der Mensch versetzen soll, wenn er zu seinem Herrn und Schöpfer betet. Dir aber, lieber Josef, wird es eine freundliche Erinnerung an Deinen verewigten Großvater und auch an Deine Großtante gewähren; — wenn Du die Blätter dieses Gebetbuchs aufschlägst, wirst Du wohl ihrer in Liebe gedenken!" „Ich dank' Dir, ich dank' Dir viel tausendmal für Dein sinnig herrlich Geschenk!" rief Josef bewegt und führte zunächst das Siddur, dann die Hand der alten Frau ehrerbietig an seine Lippen. „Tante." sprach Speier halblaut, so daß es nur die Nächftftehenden hören konnten, „wir hören soeben, daß Du uns in wenigen Tagen verlassen willst. Wir möchten die kurze Frist Deiner Anwesenheit noch zu einem längeren Beisammensein benützen. Tante Hanna, wir haben unsere besten Freunde für heute zum Mittagmahle geladen, Du aber bist unsere liebste, beste Freundin; wenn's Dich kein gar zu großes Opfer kostet, sei auch Du zu Mittag unser lieber Gast. Der Weg zur Synagoge war Dir zu weit, Du hast unseren Josef nicht Masters vortragen, so sollst Du ihn wenigstens benschen hören." „Es kostet mich nicht das geringste Opfer," erwiderte die alte Frau, „ich bleibe gerne zu Mittag bei Euch!" (Fortsetzung folgt.) 4) Der Prophetenabschnitt. 5) Das Tischgebet verrichten. „Israelit* und „Jeschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstag-, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 18 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch -en Buchtzan-rl Jtt bestehen bet E. Strinarkrr« Leipstg, Doßpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco empstend«. Inhalt sHanptblatt): Leitender Artikel: Des Propheten Habakuk Weissagung. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. Hamburg. Danzig. Mannheim. München. Straßburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. GLcs. — Rußland: Petersburg. — Frankreich: Paris. — Türkei: Zefath. — Spanien: Madrid. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud. — Zeitungs Nachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Beudof a. Rh. Memel. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Pest. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurnn", Schottstr. Nr. 2, Mainz. > Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aetien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.