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Der Israelit · 1890-12-18 · Heft 99 (18.12.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 99 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1796 der werden, er kann sie schützen vor sittlichem Schaden, sie bewahren vor Schmach und Schande. Ihm fällt die große Aufgabe zu: Dem Ausbruch einer sittlichen Krankheit seiner Brüder Wirksam entgegenz utreten und einen großen Theil des deutschen Volkes vor Schaden an Geist und ^eele, an Moral und Sitte zu bewahren. Wie kann der israelitische Lehrer diese Aufgabe lösen? Warum fällt diese Aufgabe gerade dem israelitischen Lehrer zu? Wer eine Krankheit heilen will, muß ihren Sitz, ihre Ursachen und die Mittel, die zur Heilung nöthig sind, kennen. Wer kann besser als der isr. Lehrer an den Sitz des Leidens herankommend Vermöge seiner Bildung kennt er die Ursachen des Antisemitismus, seine eigene Persönlichkeit ist das Heilmittel, welches in seinem Kreise den Ausbruch des Antisemitismus verhindern wird. Das Beispiel und die Persönlichkeit sind anerkannterweise die besten Erziehungsmittel und diese stehen dein isr. Lehrer zur Verfügung. Eine sittliche Krankheit kann durch keine Diät geheilt werden; weder Mixturen noch Pillen noch Pulver helfen, die Krankheit zu vertreiben. Nur durch Beispiel und Gewöhnung, also durch sittliche Kräftigung darf man sich einen Erfolg versprechen. Wir dürfen also auf kein Wunder hoffen, dürfen nicht warten, bis cs zu spät ist, bis die Krankheit ausgebrochen und jeder Erfolg auf Heilung fraglich geworden ist; es heißt vorzuarbeiten, daß der Antisemitismus bei seinem Werben keinen versumpften und verseuchten, sondern einen gesunden Boden vorfindet, auf dem die giftigen Pilze, welche die Krankheit erregen, nicht Wurzel fassen können und detzhalb zu Grunde gehen müssen. Diese Vorarbeit ist die Aufgabe des isr. Lehrers; er löst sie 1) durch sein Wirken in der Schule und iu der isr. Gemeinde. 2) Durch seine Persönlichkeit und seinen Character. 3) Durch sein Wirken in der politischen Gemeinde. Die Stellung des isr. Lehrers in seiner Gemeinde ist eine andere als die der christlichen Collegen. Während sich die Wirksamkeit der letzteren fast ausschließlich aus die Thätigkeit in der Schule beschränkt, erstreckt sich die des ersteren auf Schule, Haus, Familie und Gemeinde. Von dem israelitischen Lehrer wird in jeder Hinsicht mehr erwartet, als von dem uichtjüdischen Lehrer. Die Thätigkeit des Lehrers in der Schule hat sich nicht nur darauf zu beschränken, ein gewisses Maß von Kenntnissen und Fertigkeiten zu lehren, wie man sich heutzutage leider gar oft einredet; nein, und tausendmal nein! Unsere, die israelitische Schule ist Erziehungsanstalt, ehe sie Unterrichtsanstalt wird, und weder das eine noch das andere Ziel darf sie aus dem Auge verlieren. Das Unterrichten in einer Religion wird für sich allein nie glaubenstreue und freudige Bekenner derselben hervorbringen; der Unterricht allein ist Theorie, und der Dichter sagt mit Recht: „grau ist alle Theorie." Die Praxis, die Erziehung iit den Lehren unserer Religion hat jene Märtyrer hervorgebracht, die zur Heiligung des göttlichen Namens selbst ihr Leben hergaben, denen die Ausübung der göttlichen Gebote zum Lebensbedürfuiß geworden, zu denen wir heule mit Bewunderung und Ehrfurcht emporschauen und deren Leben eine Kette von Verfolgungen und Entbehrungen uns zeigt, was es heißt, Religion zu haben, religiös zu sein. Was helfen alle Kenntnisse, wenn dieselben nicht im Leben zu bethätigen sind und bethätigt werden! Ein solcher Mensch gleicht einem Museum, in welchem Raritäten gesammelt werden, Die von Zeit zu Zeit betrachtet werden dürfen. Einen wirklichen Werth und praktischen Nutzen haben solche Museen nicht. Unsere Schule soll für das Leben erziehen, darum fordern wir die Uebung praktischer Kenntnisse und praktische Anwendung und Uebung der idealen Lehren unserer Religion.' Da der israelitische Lehrer nun Lehrer und Erzieher zugleich ist, liegt es in seiner Hand, ein Geschlecht zu erziehen, welches befähigt ist, den Kampf gegen den Feind, den Antisemitismus aufzunehmeu. Hierzu gehört vor allen Dingen, daß „die Liebe zur Religion der Väter und die genaueste Kenntniß derselben" der Jugend als wirksamste Waffe mit auf den Weg gegeben werde. Es ist nicht genug, daß unsere Jugend weiß, daß sie sich zu der jüdischeu Religiou bekennt, sie muß diese Neligion lieben lernen. Es wird so viel über Liebe geschrieben, daß es uns gestattet sein möge, dieses Thema hier wenigstens zu streifen. Die Liebe, sagt man, sei allmächtig. sie versetze Berge zc. Gewiß ist dies der Fall. Die wahre Liebe, die Liebe, die dem Himmel entstammt, ist göttlich und hat göttliche Gewalt. Sie unterscheidet sich aber von der Leidenschaft, die oft für Liebe angesehen wird, wie der Schein vom Sein, wie der Talmi vom echten, wahren Golde, wie der Kiesel vom Edelstein. Wahre Liebe entsteht nicht plötzlich, kommt nicht über Nacht, um gleich einem Strohfeuer aufzulodern und nach einigen Augenblicken zu verlöschen. Wahre Liebe entsteht langsam, nach und nach; wahre Liebe wächst ins Herz hinein; ihre Wurzeln durchdringen dasselbe und sind detzhalb nicht auszureißeu. Wer die wahre Liebe ausrotten wollte, der müßte sie mit ihren Wurzeln aus dem Herzen reißen, der würde alsdann das Herz zerreißen und der Tod — physischer — psychischer — oder moralischer — wäre unausbleibliche Folge. Die wahre Liebe entsteht durch fortwährende, innige irnd eingehende Beschäftigung mit dem geliebten Gegenstand, und je mehr dieser Gegenstand Sorge und Pflege von uns fordert, je mehr wir fürchten müssen, denselben zu verlieren, um so größer, tiefer und inniger wird die Liebe zu demselben. Dcßhalb umfaßt die kränklichen Kinder ein so großes Maaß der elterlichen Liebe. Wie ist es aber mit der Liebe zur Religion in den

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