Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 99 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1788 der Berliner Kongreß. Disraeli-Beaconsfield, der Semit, war die leitende, die ausschlaggebende Persönlichkeit desselben. Er war es, der Rußland die Früchte seines blutigen Sieges über die Türken entriß. War es für die sämmtlichen europäischen Diplomaten schon ein niederdrückendes Gefühl, sich von einem Vollblutsemiten geleitet zu sehen, so mußten die Russen es doppelt bitter empfinden, da sie neben dem Spott auch noch den Schaden hatten. Knirschend fügten sich die Jgnatiew und die Gurkow, die Diplomaten und die Generale des russischen Feldzugs in das Unabänderliche. Aber damals wurde die Saat gesäet, die zu Beginn der achtziger Jahre, nach dem wohledlen Beispiele von Neustettin und Stolp, so blutig für die armen Juden Rußlands aufgehen sollte. Denn die russischen Diplomaten und Generale sahen in Disraeli nicht den Engländer, sondern den Semiten. Und was der Semit von der Themse an ihnen verbrochen, das sollten die unschuldigen Semiten an der Newa, am Dnjepr und Dnjester mit ihrem Blute büßen. Damals auch war es, daß die Alliance israelite, welche in den Annalen des Antisemitismus eine so hervorragende Rolle spielen sollte, den Pariser Bankier Sakky Kann nach Berlin sandle, um beim Fürsten Bis mark, dem ehrlichen Makler, ein gutes Wort einzulegen, zu Gunsten der rumänischen Juden. Der Fürst soll den jüdischen Bankier zwar mit großer Artigkeit empfangen haben. Aber im Ganzen genommen — bei den vorsichtigen Aeußerungen des großen Diplomaten kann man nie von Thatsachen, sondern höchstens von Anempfindungen reden — im Ganzen genommen hatte man das Gefühl, daß der eiserne Kanzler die Fürsprache des jüdischen Geldsürsten zu Gunsten seiner rumänischen Glaubensbrüder nicht eben wohlwollend beurtheilte. Ob wohl die Angriffe der von Virchow später mit dem Reptilienfonds in Verbindung gebrachten antisemitischen Literatur gegen die Alliance israelire aus diese Fürsprache zurückzuführen find? — Aber nicht nur der Berliner Kongreß bewegte um jene Zeit alle Gemüther, sondern auch die frevelhaften Attentate aus den siegreichen Kaiser Wilhelm. Es ist noch immer nicht aufgeklärt, ob Bismark die plötzliche Rechtsschwenkung jener Tage freiwillig oder nur gezwungen mitmachte. Genug, er machte sie mit. Es ging damals der vielberufene „konservative Hauch" durch Deutschland. Das Socialistengesetz erschien auf der Bildfläche und mit ihm der Hofprediger Stöcker. Natürlich! Lasalle und Marx waren ja Semiten. Anfänglich konnten die Regierungen keine Reichstagsmajorität für das Gesetz finden. Doch trat bei den Debatten darüber zum ersten Male der klaffende Zwiespalt zwischen Bismark und den spätern Sezessionisten offenkundig zu Tage. Bald daraus erfolgte das Attentat Nobilings, eines nachweislichen Mitglieds der Stöcker'schen christlich-sozialen Partei, und das Socialistengesetz wurde von dem inzwischen neugewählten Reichstag angenommen. Ter klaffende Riß zwischen Bismark und den linksstehenden Nationalliberalen entwickelte sich zum erbitterten politischen Kampfe. Die Sezession vollzog sich. An der Spitze der Sezessionisten standen Lasker und Bamberger, zwei Semiten. Bei der Kampfesweise Bismarks stand zu erwarten, daß er den Antisemitismus zur Befehdung seiner Gegner zu Hilfe rufen werde. Man erinnert sich, wie Lasker seines Landtagsmandats für Magdeburg infolge antisemitischer AgD tationen bei den Wahlen von 1879 verlustig ging. Plötzlich erzitterten die 45 Millionen Deutsche, welche sich mit Stolz ' die Sieger von Gravelotte nennen, vor einer halben Million zerstreut in ihrer Mitte lebenden Menschen, welche man bisher wegen ihrer, durch Jahrhunderte lange Knechtung ailgezüchteten, Aengstlichkeit vielfach belächelt hatte. Stöcker trat hervor. Oder wurde er etwa vorgeschoben? Die sogenannte Berliner Bewegung begann sich zu entwickeln. Unmassen antisemitischer Flugblätter und Broschüren wurden in die Welt geschleudert. Das Socialistengesetz, das der Regierung solch' ungemeffene Machtbefugnisse in die Hand gab, wurde gegenüber allen möglichen Versammlungen zur Anwendung gebracht — nur nicht gegenüber den antisemitischen. Und doch hallten dieselben wieder von socialiftischen Phrasen, allerdings nur gegen das „jüdische Kapital". Als ob das Kapital eine konfessionelle Färbung annehmen könne! Als ob man je die Grenze zu entdecken vermöchte, wo das jüdische Kapital aufhört und das christliche beginnt! Aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der socialistische Gedanke, der durch das Ausnahmegesetz mundtodt gemacht war — in den antisemitischen Versammlungen feierte er nicht nur seine Wiederauferstehung, nein, er konnte in denselben sogar noch seine propagandistische Thätigkeit fortsetzen. Und zwar unter dem Schutze der preußischen Regierung, ja unter ihrer Aneiferung. Denn es ist noch unvergessen, wie Herr v. Pnttkamer — der Mann, der den Ausdruck „Nicht- Gentleman" erfand — es mit seiner ministeriellen Würde vereinbar hielt, einer Stöcker'schen Radauversammlung von einer Loge aus mit wohlwollendem Behagen die obrigkeitliche Weihe zu geben. O, Hohn der Weltgeschichte! Sofielen die Geißelhiebe, die anderen zugedacht waren, auf die Peitschenschwingenden selbst zurück. Es ist nicht unsere Absicht, die Geschichte des Antisemitismus hier ausführlich zu schildern. Wir müßten uns sonst näher befassen mit den Blüthen des Berliner Radau- Sumpfes, und davon hält uns unser Reinlichkeitsgefühl zurück. Wir müßten eingehen auf die unmenschlich jäh sich entwickelte Höflichkeit Bismarks gegenüber den Telegrammen unreifer, antisemitischer Studenten, und dafür sind wir zu wenig — — staatsmännisch. Was uns obliegt ist eine Betrachtung der Wechselwirkung zwischen dem Antisemitismus und dem Sozialistengesetz. Bis zum Jahre 1881 nahm der erstere ein immer droh-1 enderes Gebühren an. In Ncustettin und Stolp begannen! die Plünderungen. In Rußland begannen die Blutbäder.! Nicht nur Männer, auch Frauen und Kinder ^wurden er-1 mordet. Wer schaudert nicht, bei der Erinnerung an diel Gräuel von Balta, wo man kleinen Judeukiudern die Knochen I der Aermchen und Bcinchen zerbrach? I Die Reichstagswahlen von 1881 geboten dem antise I