Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 99 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 99 des „Israelit Z- Irschurun" Leitender Artikel. Judenhaß und Socialismus. Nachdruck nur mit Ouelleuaugabe gestattet. Mainz, 10. Dezember. -~o~- Es ist ein ganz eigenthümliches, unscrcs Wissens in seiner Bedeutung bisher noch nicht gewürdigtes Zusammentreffen, daß der Vater des Antisemitismus, der Herr Hofprediger a. D. Stöcker mit dem Socialistengesetz emporkam -aber auch mit ihm siel. Gleich einem Meteor war er aufgetaucht. Wer, außer feiner nächsten Umgebung, kannte vor 1878 den später zu so trauriger Berühmtheit gelangten Prediger der „Liebe"? Sobald jedoch die ersten leisen Anzeichen eines strengeren Vorgehens gegen den Soeialismns sich bemerkbar machte, da trat auch schon die volle Persönlichkeit des „zweiten Luther" in den hellsten Vordergrund jener strahlenden Bühne, welche man das öffentliche Leben nennt. Wo er erschien, da röthete sich der Himmel von den Feuerbränden des Hasses und der Unduldsamkeit, die er entzündete. Oder erröthete vielleicht der Himmel? Wer weiß? An der Herzensmilde jenes Fanatikers lag es gewiß nicht, wenn die Ketzergerichte und Autotafös des dunkelsten Mittelalters sich nicht wiederholten. Zwölf Jahre lang wirkte der Antisemit im Hofpredigertalar. Zwölf Jahre lang auch wirkte das Socialistengesetz. Und sonderbar! Kanin war das Socialistengesetz erloschen, als auch, wie mit unbezwingbarer Gewalt, der Hofpredigertalar von den Gliedern des Antisemiten herunterschlotterte. Der Nimbus der Autorität, welcher zwölf Jahre hindurch den Antisemitismus umfloffen hatte, er verschwand plötzlich in der Versenkung, wie der Geist einer Shakespeare'schen Tragödie. Er wurde hinweggefegt von dem vornehmen Hofparkett und das bedeutet bei seinem servilen Anhang soviel wie Alles. Freilich, verschwunden ist der Antisemitismus nicht. Er spuckt noch weit und breit umher und treibt die wunderlichsten Blüthen. Aber sein eigentlicher Nährboden, jener Nimbus der Autorität, ist ihm entzogen. Denn im Volke selbst hat er, mit geringen Ausnahmen, nie so recht Wurzel fassen können. Wenn es dem Vater des Antisemitismus also beikommen sollte — und er hat ja längst damit gedroht — von jetzt ab unterirdische Maulwurfsarbeit zu verrichten, so kann das seine Gegner nicht sehr erschrecken, seine Anhänger nicht sehr erheben. Es hieße übrigens dem Herrn Hofprediger a. D. denn doch zu viel Ehre erweisen, wollte man ihm allein die Vaterschaft des Antisemitismus zuerkeuneu. Gewiß, er hal nach Kräften dabei mitgewirkt. Das Zeugnis; können wir ihm nicht verweigern. Aber ein einziger Zelot, und sei er selbst ein Stöcker, vermag im neunzehnten Jahrhundert eine solch' weittragende Bewegung nicht allein in's Leben zu rufen. Da haben noch ganz andere Väter mitgewirkt. Vor Allem — die Gerechtigkeit zwingt uns das Gestäuduiß ab — es gibt auch semitische Väter des Antisemitismus. Wir meinen damit nicht jene Renegaten, die um äußeren Vortheils willen den angestammten Glauben abgeschworen haben und nun mit dem bekannten Renegateneifer ihre einstigen Brüder begeifern. Die machen weder der alten, noch der neuen Gemeinschaft viel Ehre. Nein! Alle Juden, die durch ihren Lebenswandel begründetes Aergerniß erregen, sind Väter des Antisemitismus. Und die Jahre vor dem Auftauchen Stöcker's hatten manchen Anlaß zum Tadel gegenüber dem Judenthum geboten. Der Gründerschwindel, an dem sich leider so viele Juden betheiligten, war vorangegangen. Tie wahnsinnige Sucht nach schnellerworbenem Reichthum, nach üppigem Genuß, sie wurde von vielen Juden, wenn auch nicht von allen, getheilt. Das Streberthum war auch in die Reihen der Juden eingedrungen und es war kein Milderungsgrund, daß sie in dem Vorantritt vieler Germanen ein „edles" Beispiel erblickten. Tie Pflichten der Wohlrhätigkeit wurden von einem Theile der reichen Juden nicht mehr in dem Maße geübt, wie es nicht nur die Thora, sondern auch die Menschenliebe gebietet. Was Wunder, daß man dieses selbstsüchtige Gebahren mit dem wachsenden Socialismus in ursächliche Verbindung brachte? Der Nachweis Lasters, daß auch Mitglieder des hohen Adels, wie Fürst Putbus, und des hohen Beamtenthums, wie Geheimrath Wagener, den Tanz um das goldene Kalb mitgefeiert hatten, konnte die jüdischen Theilnehmer an diesem Reigen nicht entlasten. Im Gegentheil, er machte böses Blut in sehr hohen Kreisen, und zwar nicht zum Vortheil des Judenthums. Neben den semitischen Vätern des Antisemitismus erblicken wir auch solche von ultramontaner Färbung. Ter Kulturkampf tobte noch in jenen Jahren und hatte die Verbitterung im ultramontanen Lager auf's Höchste gesteigert. Waren es nun geschmacklose Anzapfungen einzelner jüdischer Redacteure — geschmacklos schon deßhalb, weil es keinem wahren Gentleman anstehl, in das Hetzgeschrei gegen Verfolgte miteinzuftimmen — oder war es der mittelalterliche Kniff vom Sündenbock, den man den erregten Mafien zur Ablenkung hinwirft, genug, ultramontane Zeitungen, ultramontane Abgeordnete waren die ersten, welche in das Horn zur Judenhatz bliesen. Selbstverständlich noch in dezenter Weise. Tie Jstoczy, Rohling, Schönerer und Lueger kamen erst später. Auch unter den Vertretern der hohen Diplomatie finden wir Väter des Antisemitismus. Vielleicht waren sie die thätigsten und die gefährlichsten. Aber, ihrem Beruf entsprechend, wußten sie dieses .bester zu verbergen, als die „Väter" aus anderen Ständen. Um jene Zeit tagte