Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 99 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1784 Herren Rabbiner, Vorstände und Lehrer nicht unterlaffen, unS in unserem Streben für Gott und die Menschheit zu unterstützen. Frankfurt a. M., 10. December. Der hiesige Israelitische Hilfsverein (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels) versendet soeben seinen achten Jahresbericht. Wenn auch die Mitgliederzahl, 312, im Vergleich zur Seelenzahl der hiesigen jüdischen Gemeinde eine relativ geringe ist und der Bericht deshalb kein vollständiges Bild der weitverzweigten echt jüdischen Wohlthätigkeit giebt, wie sie in hiesiger Stadt geübt wird, so war es dem Verein doch möglich, vieles Elend zu mildern, vielen Armen zu helfen und die Noth öffentlicher und verschämter Armuth vieler jüdischen Familien zu lindern. — DerZVerein hat sich mit der Nachbargemeinde Offenbach dahin vereinigt, das diese demselben von Zeit zu Zeit Beträge übergiebt, welche dann seitens des Vereins an Wanderbettler in kleinen Gaben verabreicht werden. — Bon den Hinterbliebenen des Dr. John Lebmaier erhielt der Verein ein Geschenk von 500 Mk. —, von dem Testamentsvollstrecker der seligen Frau Recha Schuster ein solches von 1060 Mk. — Es erschienen im abgelaufenen Jahre bei dem Verein 2466 Personen, welche um eine Unterstützung nachsuchten. Es konnte eine solche gewährt werden an 1974 Personen, nämlich 1711 Männer und 263 Frauen. Was die Nationalitäten betrifft, so waren von den Unterstützten 807 Deutsche, 547 Oesterreicher (meist Galizier), 522 Russen, der Rest vertheilte sich auf aller Herren Länder. Die meisten Unterstützten waren 656 Handwerker und demnächst 608 Händler. Der Verein hatte im verflossenen Jahre eine Einnahme von 8460,52 Mk.; er gewährte an Unterstützungen 8067,68 Mk., nämlich: An Wanderbettler 4683,68 Mk., Beiträge zu Miethen: 1067 Mk. — Uebersiedlungen, Auswanderungen uud Reisen 1344 Mk. — Darlehen 186 Mk. — Armenverein 200 Mk. — Nähmaschine 10 Mk. — Einlösung von Pfandscheinen 18 Mk. — Miethbeiträge für Kranke in Soden 176 Mk. — Sofortige Vertheilungen 675 Mk. — Verschiedenes 8 Mk. Aus Baden, 8. Dezember. Die von Ihnen in Nr. 95 des „Israelit und Jeschurun" von Hoffenheim aus gebrachten bezirksamtlichen Anordnungen in Bezug auf den Thierschutz bei den vorbereitenden Arbeiten zum Schächten bestehen in vielen anderen Bezirken Badens schon seit einem Jahre, und da, wo sie noch nicht getroffen sind, wird der Erlaß noch folgen, da sie auf ministerielle Anregung hin geschehen. Da diese Anordnungen den rituellen Schächtvorschriften nicht zuwiderlaufen, so werden Metzger und Schächter denselben genau und pünktlich Nachkommen. E. Oe st er r. Ungar. Monarchie. Pesth, 13. Dezember. Der Präsident der orthodoxen israelitischen Landes-Kanzlei Ungarns hat an das ungarische Abgeordnetenhaus im Namen der Gläubigen der Orthodoxen-Gemeinden des Landes eine Petition gerichtet, in welcher das Ansuchen gestellt wird, daß bei der Verhandlung der Gesetzvorlage über die Sonntagsruhe die Bestimmung ausgenommen werde, daß diejenigen israelitischen Staatsbürger, welche den Samstag als Ruhetag feiern, von dem Zwang der Sonntagsruhe befreit werden. Den Motiven dieser Eingabe entnimmt das „Bud. Tagbl." folgende Stellen: „Jene Verfügung der Gesetzvorlage, daß an Sonntagen die gewerblichen Arbeiten feiern und die Geschäftsläden geschlossen werden müssen, involvirt ein sehr schweres Gravamen in Bezug auf jene sehr wesentliche Anzahl von Staatsbürgern, welche ihren Religionsgesetzen entsprechend gezwungen sind, den Samstag zu feiern. Dieses Gravamen wird noch durch den allgemein bekannten Umstand gesteigert, daß gerade dieser Theil der Bürger sich ganz besonders mit gewerblichen Arbeiten und Handel beschäftigt, und indem nun die Betreffenden gezwungen wären, zwei Tage zu feiern, würde man sie vor die Alternative stellen: entweder zu Grunde zu gehen, da der ohnedies in Stagnation begriffene Handel, sowie auch das Gewerbe eine zweitägige Feier per Woche nicht ertragen, oder aber das fundamentalste Glaubensgesetz zu verletzen, was einen unendlich großen und unerträglichen Gewissenszwang bedeuten würde. Da aber das Motiv der Einführung der Sonntagsruhe — laut der Erklärung des Ressortministers — nicht der religiöse Standpunkt bildet, sondern den direkt eingestandenen Zweck verfolgt, daß die Gewerbetreibenden an einem gewissen Tage der Woche feiern sollen, so ist es nicht mit Schwierigkeiten verbunden, daß Diejenigen, welche den Samstag feiern und damit den Intentionen des Gesetzes ohnehin entsprechen, von dem Zwange, noch an einem Tage der Woche zu feiern.', befreit werden." England. London, 15. Dezember. Wie das „Daily Chronicle" erfährt, haben sich Lord Meath und Sir Joseph Pease an den russischen Botschafter in London gewandt, um zu erfahren, ob der Zar sie als Abordnung in Sachen der Judenverfolgungen empfangen würde. Der Botschafter konnte natürlich keine Zusage geben, versprach aber, bei seiner Regierung anzufragen und das Ergebniß mitzutheilen. Das Blatt glaubt aber, daß Lord Meath und Sir I. Pease sich jedenfalls nach St. Petersburg begeben werden, um eine Audienz beim Zaren zu erlangen. — Gestern wurden von allen englischen Kanzeln herab Fürbitten für die verfolgten Juden in Rußland eingelegt.