Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 99 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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nothigen, sich des Grundeigenthums, dessen Erwerbung ihnen bisher gestattet war, zu entäußern. 4) Jüdischen Handwerkern werden gewisse Rechte, die sie gegenwärtig genießen, entzogen werden; sie werden strikt innerhalb der der hebräischen Bevölkerung angewiesenen Grenzen gehalten werden, und diejenigen, die sich außerhalb derselben niedergelassen haben, werden zurückkehren müssen 5) Unterdrückungsmaßregeln werden in Kraft gesetzt werden gegen Inden, welche den neuen Bestimmungen zuwiderhandeln, ebenso gegen die christlichen Unterthanen des Zaren, die Helfershelfer eines solchen Zuwiderhandelns gewesen sind. So unglaublich diese Mittheilungen klingen, so scheinen dieselben im großen Ganzen doch richtig zu sein. Die Wiener „Pol. Corr." bringt eine Petersburger Zuschrift, in welcher es heißt: Ueber die Beschlüsse der für die Regelung der Stellung der Juden in Rußland eingesetzten Spezial-Kommission ^wird amtlich noch immer strenges Geheimniß gewahrt. Nichtsdestoweniger dringen aber über den vorherrschenden Charakter dieser Beschlüße, sowie selbst über manche Einzelheiten gewisse Angaben in die Oeffentlichkeit, welche als beglaubigt gelten dürfen. Den Berathungen der Kommission liegt bekanntlich das von der vielbesprochenen Kommission des Grasen Pahlen gesammelte Material zu Grunde. Allen Anzeichen nach scheint sich nun die gegenwärtig tagende Kommission den Anschauungen der Minorität der Pahlenschen angeschlossen zu haben, welche ein durchaus judenfeindliches Grpräge trugen. Der Entwurf für die Regelung der „Judenfrage" soll aus mehr ' als 40 Artikeln bestehen und in feinen Bestimmungen vornehmlich darauf gerichtet sein, den Juden jede Möglichkeit von Bodenerwerb, sei es durch Ankauf oder durch Hypothekar-Darlehen, zu entziehen und sie selbst zum Verzichte aus den ferneren Besitz der von ihnen bereits erworbenen Liegenschaften zu drängen. Die betreffenden Verfügungen sollen sich, wie es heißt, auch auf jene Juden erstrecken, welche in den Städten Immobilien besitzen. Derartige Beschränkungen der Juden bestanden allerdings auch bisher, standen aber, von dem Königreich Polen abgesehen, nur auf dem Papier; nunmehr soll mit denselben im ganzen Zarenreiche voller Ernst gemacht werden. Des Weiteren sind Verfügungen ins Auge gefaßt, durch welche die jüdischen Handwerker gezwungen werden sollen, in Zukunft innerhalb des der 'großen Masse der jüdischen Bevölkerung zugewiesenen Aufenthaltsgebietes ihren Wohnsitz zu nehmen, eine Maßregel, welche darauf abzielt, die Zahl derjenigen Juden, die zum Ueberschreiten des bezeichneten Rayons berechtigt sind, erheblich zu vermindern. Die' Fertigstellung des erwähnten Entwurfes dürfte nicht lange auf sich warten lassen, denn die Bestimmungen für die Regelung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden in Rußland sollen noch im Laufe dieses Winters an den entscheidenden Stellen überprüft werden und zur Verlautbarung gelangen. Diese gegen die Juden geplanten Maßregeln bleiben in der russischen Presse nicht ohne Widerspruch. Insbesondere sind es die „Nowosti", welche gegen die Beschlüsse der gedachten Kommission entschieden Stellung nehmen. Ohne sich in eine Kritik der moralischen Berechtigung der neuen Bestimmungen einzulassen, betont das Blatt, daß man durch die beabsichtigten Einschränkungen nicht blos den Juden selbst arge Nachtheile zufügen, sondern auch die Interessen der russischen Bevölkerung empstndlich beeinträchtigen werde. Indem man mehreren Millionen Inden den Erwerb von Liegenschaften und selbst den zeitweiligen landwirthschaftlichen Betrieb untersagt, entziehe man dem Boden in Rußland mehrere Millionen Arme, so daß der Ertrag und der Werth desselben Einbuße erleiden müssen; ferner verhindere man die russischen Grundbesitzer an der freien Verfügung über ihr Eigenthnm und an der Ausnützung des disponiblen jüdischen Kapitals. Durch die neuen Bestimmungen betreffend die Juden würden somit llicht nur die Rechte der Angehörigen dieser Konfession, sondern auch dieienigen der Russen selbst in willkürlicher Weise beschränkt werden. Das Blatt führt des Weiteren aus, daß durch die Zusammendrängung der Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung in ein bestimmtes Aukenthaltsgebiet auf künstliche Weise ungünstige Existenzbedingungen für die in dem gleichen Rayon ansässige christliche Bevölkerung des Reiches geschaffen werden. Wenn nun durch die neuen Bestimmungen die Zahl der auf den bestimmten Rayon angewiesenen Inden noch einen weiteren Zuwachs erfahren soll, so müsse sich daraus als nothwendige Folge eine weitere Erschwerung des Existenzkampfes der bezeichneten christlichen Bevölkerung ergeben. Kurz zusammengefaßt, läuft die Auseinandersetzung der „Nowosti" auf den Nachweis des argen Jrrthums hinaus, in welchen die Judenfeinde verfallen, wenn sie den engen Zusammenhang zwischen der Stellung der Juden in Rußland und den Interessen der christlichen Bevölkerung verkennen und die Daseinsbedingungen der erstcren empfindlich erschweren zu können vermeinen, ohne gleichzeitig die wirthschaftliche Lage zahlreicher russischer Kreise sehr ungünstig zu beeinflussen. Der Petersburger Berichterstatter der „Times" übermittelt seinem Blatte einige Fälle von grausamen Chikanen, welchen die Juden in Rußland jetzt ausgesetzt sind: Ern Petersburger Jude, der als solcher aus der Stadt verwiesen wurde, entschloß sich, Christ zu werden, und fand auch einen mitleidigen Priester, der ihn taufte. Als die Polizei wiederkam, zeigte er seine Tanfkarte. Das half aber nichts. Man sagte ihm, er habe sich nur taufen lasten, um der Ausweisung zu entgehen, und befahl ihm, die Hauptstadt zu verlassen und einige Jahre in einer orthodoxen Kirche einer Provinzialstadt zu beten und Buße zu thun. Eine alte Frau, deren Sohn militärflüchtig geworden war, wurde um 3000 Rubel gestraft, konnte aber aus Armuth diese Summe nicht aufbringen. Die Behörden beschlossen darauf, ihr kleines hölzernes Haus ihr über den Kopf weg zu verkaufen. Aus Verzweiflung stürzte sich die alte Frau in den Ösen und verbrannte. Eine junge Dame in Moskau, welche ihr medizinisches Studium abfolvirt hatte, nahm, um der Ausweisung zu entgehen, eine Karte als Prostituirte bei der Polizei heraus. Darauf durfte sie bleiben. Die „Pall Mall Gazett" schreibt: „Die Schwie-