Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 98 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1773 Erfurt, 10. Dezember. Am Sonntag Abend hielten die Mitglieder der isr. Religiousgesellschaft im Restaurant I. Weil's Wwe. zu Ehren des Chanukafestes ein Festessen. Die animirte Siimmnng wuchs, als Herr Goldschmidt, Cautor der hiesigen orth. Religionsgkscllschaft das Wort ergriff. Der Redner schilderte die Thaten der Hasmouäer; er verglich ihr Wirken mit dem der heutigen Orthodoxie, welche gleichfalls, feststehend auf dem Boden des echten Judenthums, den Kampf gegen den gemeinsamen Feind des ererbten Glaubens sortsührt. Und daß der gerechten Sache endlich der Sieg werden muffe, das bewiesen die Ereignisse der jüngsten Tage. Denn unser allgeliebter Landesvater habe gezeigt, daß er kein Freund des Antisemitismus sei ro'3 mm* ytnn 13*0*31. In seinen und unseren Tagen wird Inda geholfen werden. Darum gebühre zunächst Gott unsrem kaiserlichen Herrn der Dank ganz Israels. Ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Sr. Majestät schloß die gediegene Ansprache. Bis spät in die Nacht hinein blieb die fröhliche Gesellschaft beisammen. I. Rosenthal. O efterr.-Un gar. Monarchie. Wien, 10. Decemher. Am 1. Juli d. I. hat, wie seinerzeit gemeldet wurde, der Feldwebel Alios Denk des damals in Wien garnisonirenden 86. Infanterie-Regiments einen greisen jüdischen Gelehrten ohne jeden Grund aus offener Straße brutal mißhandelt. Denk wurde damals sofort in Haft genommen und in militärgerichtliche Untersuchung gezogen. Er gab an, daß er mit einem anderen Juden einen ärgerlichen Auftritt gehabt und in der Aufregung daher den nächstbesten Glaubensgenossen seines Gegners, dem er begegnete, geohrfeigt habe. Außerdem wurde dieser Verfechter des „praktischen Antisemitismus" eines zweiten, und zwar aus Gewinnsucht verübten Verbrechens beschuldigt, weßhalb die Untersuchung auch auf dieses Deliet ausgedehnt wurde. Bezüglich des letzteren Delictes mußte die Untersuchung wegen Mangels an Beweisen eingestellt werden. Wegen des Mißhandlungsactes aber wurde Denk von dem Gerichte inWest, wohin das Regiment im Herbst verlegt wurde, zur Degraadtion und zu dreimonatlicher Haft verurtheilt, wobei ihm jedoch die vom 1. Juli bis 26. September ausgestaudene Untersuchungshaft als Strafe aktgerechnet wurde. Wien. Nach dem österreichischen Abgeordnetenhause und dem Wiener Gemeinderath ist auch der - niederöfterreichische Landtag des Glückes theilhaftig geworden, eine größere Anzahl Antisemiten unter seinen Mitgliedern zu besitzen. Dadurch ist ein neues Leben in dieser ^Körperschaft entstanden, das sich durch Schreien,... Lärmen,^ Zurufe, Unterbrechungen, Schmähungen, Ausbrüche des Rassenhasses, salbungsvolle clerikale Beschimpfungen, Borniertheit, Dummheit, Roheit und Gemeinheit äußert. Es fehlt auch nicht an Pikanterien und Veranlassungen zu lautem Gelächter über die Ethik und Logik der Unverbesserlichen, d. h. der Antisemiten. Ein classischer Verhandlungstag war der 25. Nov., an welchem über die Unterstützung der niederösterreichischen Volksbilduugsvereine in Wien und Umgebung debattirt wurde. Da veranlaßte die Debatte gar merkwürdige Aussprüche und Urtheile, die näher beleuchtet zu werden verdienen. Wir nähern uns zuerst dem Referenten Prof. Härtel, Rector der Wiener Universität, der in seiner Schlußrede prächtige Worte ausgesprochen hat. „Die antisemitische Frage", sagte er, „habe allmählich eine solche Entwicklung genommen, daß sie die Juden eigentlich nichts mehr angehe. Sie bilde heute einen Zankapfel, der unter die Christen geworfen worden sei und diese entzweie." Diese trefflichen Worte des Rectors der Wiener Universität verdienen in ganz Europa verbreitet zu werden. Ein anderer ausgezeichneter Abgeordneter, Prof. Sueß, gab Proben aus Werken, welche zur Verdummung des katholischen Volkes verbreitet werden. In einer von der katholischen Lehrgesellschaft herausgegebenen Schrift wird erzählt, daß Lucifer, Monologe hält und dabei ansängt in jüdisch-deutscher Sprache zu reden. Obwohl die Herren Elerikalen und Antisemiten gar oft den Teufel an die Waud malen, so kennen sie doch Lucifer nicht, wenn sie behaupten, daß er im jüdisch-deutschen Dialect sich ausdrückt. Im Gegentyeil. Die jüdisch-deutsche Sprache vertreibt alle Teufel, da sie viele Worte hat, welche rühren, ergreifen, zur Milde und Güte stimmen und Gefühle Hervorrufen, vor denen Lucifer eine gewaltige Scheu hat. Da ist z. B. das Wort „vtzdbiell", das jeden Juden, der es ausspricht oder bört, aufs tiefste ergreift und sein Herz in eine Quelle des Mitleids verwandelt, das kein Teufel und kein Antisemit kennt. Im jüdisch-deutschen Wörterbuch findet sich ferner das Wort „raebwovrw", das man von Kindheit an gehört haben muß, und obwohl cs bloß dem deutschen Worte „Erbarmen" entspricht, so wirkt es doch ganz anders, tiefer, mächtiger, ergreifender und hinreißender, und bedeutet mehr, als die sie oft citirte „christliche Liebe". Ein Jude, der rachmonus fühlt, denkt nicht mehr an sich, entäußert sich seiner eigenen Persönlichkeit: sein Körper zittert, sein Auge weint, und er kann vor Rührung kaum sprechen. Uud Lucifer redete in diesem Dialecte? Nein, meine Herren Antisemiten l Lucifers Sprache ist die Ihrige, die antisemitische, eine teuflische, welche die gemeinsten Instinkte weckt, die Leidenschaften aufstachelt, zu Schand-