Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 98 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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wandtheit wechselte er unauffällig den Gesprächsstoff, brach aber bald die Conversation ab und hob so rasch als möglich die Tasel auf. Er fühlte sich glücklich, daß, Dank Theresens Willenftärke und feinem Takte, die Mahlzeit ohne unangenehme Zwischenfälle, die er befürchtet hatte, abgelausen. Drittes Kapitel. Es wurde jetzt plötzlich recht traurig in Speiers Hause. Therese war wie umgewandelt. Das lebhafte, durch seine schalkhafte Anmuth das ganze Haus belebende Mädchen war tief ernst geworden, und nicht nur in seinen Worten, seinem Behoben, sondern auch in seinem Aeußern, in seinen bleichen Wangen in seiner gebeugten Haltung sprach sich unendliche Traurigkeit aus — allein dabei blieb Therese sanft, ruhig, gefällig. Nicht mit einem Worte verrieth sie dem Vater, wie wehe er ihr gethan, und ihre stille Resignation verschärfte Speiers Leid, dem es lieber gewesen wäre, wenn Therese ihn mit Vorwürfen überhäuft hätte. Pauline benahm sich zwar äußerlich unverändert gegen ihren Gatten, aber trotzdem herrschte zwischen ihnen eine tiefe Verstimmung. Nichts wirkt trennender und verletzender, als wenn sich zwischen Eheleuten ein Geheimniß stellt. Pauline hatte sich bisher ganz Eins mit Speier geglaubt, sie hatte nie einen Gedanken, noch viel weniger eine Thatsache vor ihrem Gatten verheimlicht; sie glaubte jede Falte seines Herzens, jede Sekunde seines Lebens zu kennen, sie glaubte sein unbeschränktes Vertrauen zu besitzen — und nun mußte sie zu ihrer tiefsten Betrübniß erkennen, daß es doch etwas in seiner Vergangenheit gab, das er ihr verschwiegen, daß er etwas vor ihr verheimliche und dieses etwas, betraf — ihre einzige Tochter, — sie glaubte zu erkennen, daß er sie nicht seines vollen Vertrauens würdige, sie nicht als seelisch gleichwertig mit sich betrachte, und wenn Speier es versuchte ihr durch vermehrte Zärtlichkeit seine unveränderte Liebe und Verehrung zu beweisen, erschien ihr dies als das Zeichen eines bedrückten Gewissens und erhöhte nur noch ihre Verstimmung. Früher war das Haus auch durch den Besuch junger Mädchen aus den besten Familien der Stadt, die zu Therese kamen, belebt worden; allein da diese jetzt die Besuche nicht erwiederte, die Einladungen ihrer Freundinnen unter verschiedenen Vorwänden ausschlug, zogen sich ihre Gespielinnen nach und nach von ihr zurück. Zu all diesen Unannehmlichkeiten gesellten sich noch andere eigenthümlicher Art. In wohlhabenden jüdischen Familien, wo Töchter sind, stellen sich Schadchonim (Ehevcrmittler) ein, die bei dem Umstande, als die Juden nur einen kleinen Bruchtheil der Bevölkerung bilden und bei der geringen Anzahl heimischer Heirathskandidaten oft Ehen von auswärts geschlossen werden, für diese — die Juden nämlich — nahezu unentbehrlich sind. Nun waren diese Eheagenten, so lange sich Theodor Perlberg in Speier's Geschäft befunden, bei diesem nicht erschienen, aber sie stellten sich jetzt um so zahlreicher ein. Jeder derselben hielt sich verpflichtet, sein verspätetes Erscheinen zu entschuldigen, und jeder that dies in gleicher Weise, in der er erklärte, er habe angenommen Speier hätte Theodor Perlberg zu seinem Schwiegersohn bestimmt. Jedesmal wenn diese nun allerdings hinfällig gewordene — Vermuthung ausgesprochen wurde, empfand Speier einen Stich im Herzen und fühlte heißes Blut in seinen Wangen emporfteigen. Er wies im Einverständnisse mit seiner Gattin auch die glänzendsten Anträge für Therese zurück. Nicht für den höchsten Preis hätte er sich seiner Tochter mit einem solchen zu nahen gewagt! (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindesten» 2 Bogen. Prei» de» Jahrgang» für Deutschland und Oesterreich 12 ReichS-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel JU bestehen bei E. F. Ktrinacker, Leipzig, Roßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzufende». Inhalt (Hauptblatt>: Leitende Artikel: Die Londoner Protest-Versammlung zu Gunsten unserer Glaubensgenossen in Rußland. — Das Protestmeeting in der Guildhall. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Elberfeld. — Oefterr.-Ungar. Monarchie: Arad. — Italien: Allessandria. — Türkei: Konstantinopel. — Afrika: Tunis. — Amerika: Mexiko. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Geschenk der Großtante. Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Frankfurt a. M. Erfurt. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Lemberg. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.